13.10.12

Norbert Gastell

Der Mann, der als Homer Simpson zu uns spricht

Norbert Gastell ist Schauspieler. Seine wohl bekannteste Tätigkeit: die Synchronisation von Zeichentrickfigur Homer Simpson. Doch mit dem glatzköpfigen Proleten verbindet ihn ansonsten wenig.

Foto: Gregor Ruster / picture alliance

Einzige Gemeinsamkeit: die Stimme. Norbert Gastell und Homer Simpson
Einzige Gemeinsamkeit: die Stimme. Norbert Gastell und Homer Simpson

Für ein Treffen mit Norbert Gastell schien ein American Diner geeignet. Der Synchronsprecher von Homer Simpson wies den Vorschlag aber ab. Mit den kulinarischen Vorlieben seines Alter Ego kann er wenig anfangen. Fettiges Fast Food mag er nicht. Der Bayer verträgt zudem kein Bier. Stattdessen geht es in das Stammhaus von Feinkost Käfer in Münchens Nobelviertel Bogenhausen.

Der Delikatessenmarkt befindet sich seit 1933 im Erdgeschoss. Im Stockwerk darüber ist das "Käfer Bistro" untergebracht. Norbert Gastell trifft sich hier oft mit seinem Freund Helmut Käfer, dem der Laden mit gehört.

Der eine ist Hobbykoch, der andere Feinkostexperte. Die gemeinsame Gaumenfreude verbindet die Freunde bereits seit über einem halben Jahrhundert. Auf einer Party lernten sie sich kennen: "Schon damals aßen wir furchtbar gern und fanden uns sofort sympathisch."

Auch der Ober im "Käfer" ist am Essen interessiert. Er erscheint mit einem "Bittschön" am Tisch und zückt seinen Schreibblock. Der Synchronsprecher bestellt passend ein kaltes Rinder-Carpaccio. Als Hauptgang lässt er Fisch notieren. Einen Moment später entscheidet er sich um: "Erst einmal doch kein Fisch. Nur das Carpaccio." Abwarten will er, wie sich sein Sättigungsgefühl entwickelt: " Schaun mer mal, dann sehn mer schon."

Seine Stimme ist nicht die von Homer

Wenn der Synchronsprecher spricht, dreht sich kein Gast um. Seine Stimme ist nicht die von Homer. Er verstellt sie, wenn er ihn synchronisiert. Dafür hat sich der Münchner fürs Interview fast wie die Comicfigur gekleidet: weißes Poloshirt, schwarze Schuhe, perfekt könnte der Partnerlook sein, wäre die schwarze Hose doch bloß blau!

Optisch hat er mit dem "Simpsons"-Charakter sonst nichts gemein. Der Kochfan hat kaum Bauch. Sein silbergraues Haar lichtet sich nur an der Stirn. Homer, der Enddreißiger, schneidet in den Schönheitskategorien schwach ab. Er ist schwer adipös und im Besitz einer Vollglatze. Sein gelbes Gesicht ziert dafür keine einzige Falte. Norbert Gastell hat solche reichlich. Er ist 82 Jahre alt.

"Das Leben", sagt der, "ist keine gerade Linie", und lässt im "Käfer" eine Bombe platzen. In der Jugend wäre er anstatt Schauspieler beinahe ein Krimineller geworden. Er war 15, als der Zweite Weltkrieg endete. Bei den Amerikanern, die fortan München regierten, fand er einen Job als Dolmetscher. Durch diese Arbeit konnte er seine Familie auch in der Hungerzeit versorgen, verstrickte sich aber auch in Schwarzmarktgeschäfte. "Bei den Amerikanern ging kein Müllwagen raus ohne vier Säcke Bohnenkaffee unterm Müll", sagt Norbert Gastell. Er half den GIs beim Verscheuern ihrer Waren und bekam so Zutritt zu der Münchner Unterwelt. "Ich war in dem Alter sehr gefährdet abzurutschen", sagt er leise. Die Mutter habe das aber verhindert.

Ein Bayer lernt Hochdeutsch

Die hatte nichts dagegen, als ihr Spross im zweiten Nachkriegsjahr vom Gymnasium abging, um die Zerboni-Schauspielschule zu besuchen. "Der Großvater war ja schon Schauspieler gewesen", sagt Norbert Gastell und pickt mit seiner Gabel ein Stück kaltes Rinderfilet auf. An der neuen Schule zeigte sich sein Talent fürs Sprechen. Der Bayer lernte das Hochdeutsche rasch. "Bereits nach einem Jahr", sagt er, "assistierte ich meiner Lehrerin in Sprechtechnik und half anderen Schülern, ihren Dialekt abzugewöhnen." Seine Stimme war zudem gut – und so arbeitete er nach Abschluss sofort als Schauspieler und Sprecher.

Was die wichtigste Filmrolle seiner Karriere war? Norbert Gastell denkt kurz nach, dann sagt er: "Forsthaus Falkenau" . In der ZDF-Serie spielte er in rund 220 Folgen eine Nebenrolle. Seine Laufbahn als Sprecher verlief erfolgreicher. Als Stimme von Homer Simpson gewann er große Popularität. Viele Fans der Serie ziehen seine Stimme der US-Version sogar vor: Ein Ritterschlag in einem Land, in dem gefühlt jeder Zweite mit rudimentären Englischkenntnissen auf die Überlegenheit der Originaltonspur pocht.

Ausgerechnet für seine Paraderolle war Norbert Gastell aber gar nicht vorgesehen. "Der Kabarettist Hans Jürgen Diedrich", erzählt er, "war mit dem Homer besetzt." Der hätte am ersten Arbeitstag aber das Handtuch geworfen. "Homer war ihm zu schwer." Der Regisseur reagierte, besetzte Norbert Gastell um, der zuvor eine Nebenrolle innehatte – Schulrektor Seymour Skinner.

Berufsbezeichnung gefällt nicht

Gastell arbeitet einen Monat im Jahr in Köln an einer neuen Staffel der "Simpsons". Eine schöne Arbeit, wie er sagt, Kritik übt der 82-Jährige nur an einer Stelle: Seine Berufsbezeichnung gefällt ihm nicht. "Sie wertet die Arbeit ab." Synchronsprecher. Lieber wäre es ihm, von Synchronschauspielern zu reden. Er argumentiert, weshalb. Seine Arme bleiben dabei, wo sie sind – links und rechts des geleerten Carpaccio-Tellers. Auf Gestik verzichtet er beim Reden, aber nicht beim Synchronisieren. Man müsse, sagt er, bei seiner Arbeit einen Text nicht nur können, sondern "so sprechen, als ob man es selber spielt". Dabei muss das Redetempo stimmen, damit der Text auf die Vorlage passt. Dazu braucht es viel Konzentration und gute Stimmbänder. "An einem Arbeitstag für die ,Simpsons' stehe ich vier Stunden am Mikrofon. Danach weißt du, was du getan hast", sagte er und nimmt einen Schluck Aperol Spritz zu sich.

Der Senior schaut die "Simpsons" so gut wie nie. Die Comicfigur, die ihn seit über 20 Jahren beruflich begleitet, hat er trotzdem ins Herz geschlossen. Er ist sich sicher: "Fast jeder hat etwas mit Homer gemeinsam." Die Bandbreite an Eigenschaften der Figur sei einfach riesig. "Ich teile mit ihm die Naivität und die Lebensfreude."

Zur Naivität passt eine seiner "Simpsons"-Anekdoten. Die Redaktion des "Simpsons"-Comics bat ihn vor Jahren, seine Autogrammadresse abdrucken zu dürfen. Der Synchronsprecher gab seine Privatanschrift an. Ein schwerer Fehler. "Ich ahnte ja nicht, dass die Kinder so schlau sein könnten, meine Festnetznummer herauszufinden." Drei Monate mit Telefonterror folgten. Die Anrufe unterband er schließlich mit einem simplen Trick: "Meine Frau geht immer erst ans Telefon – bis heute."

Durchweg gut gelaunt

Die Geschichte könnte hier enden, wäre da nicht der Fan, der das Sicherheitssystem knackte. Eines Nachts klingelte das Telefon, um 2.30 Uhr – und Gastell ging ran: "Ich dachte es wäre ein Notfall." Ein betrunkener Jugendlicher meldete sich am Apparat, kleinlaut und traurig: "Entschuldigen Sie bitte, aber heute ist mein Geburtstag, und ich wollte einmal mit Homer sprechen." Der Synchronsprecher tat ihm den Gefallen und ging dann wieder ins Bett.

Schwer kann man sich vorstellen, dass Norbert Gastell wütend reagiert hätte. Bei dem zweistündigen Gespräch ist er durchweg gut gelaunt. Er lacht und erzählt viel Heiteres. Seine Art, am Tisch zu sitzen, kann man am besten mit stoisch-ruhig umschreiben. Nicht die geringsten Züge von Nervosität. Er streicht sich nicht durchs Haar. Seine Augen weichen nie zur Seite aus. Der Blick ist fast immer milde. Eine Leichtigkeit geht von ihm aus. Jung wirkt er. Wie geht das bloß? "Das ist mein Naturell. Mein Vater war auch so. Ich glaube, das hat man oder eben nicht."

Vielleicht liegt das daran, dass Norbert Gastell Halb-Argentinier ist. Seine ersten neun Lebensjahre verbrachte er in dem Land, dessen Menschen bekanntermaßen ein besonderer Sinn fürs Musische nachgesagt wird. Die Zeit dort, sagt er, habe ihn aber kaum geprägt. Seine Eltern waren 1925, in der Hochzeit der Rezession, aus Deutschland ausgewandert. Die Familie lebte in einer deutschen Gemeinde vor Buenos Aires. Die Eltern des Schauspielers waren Journalisten: Der Vater war Redakteur bei der "La Plata", der größten deutschen Zeitung in Südamerika. Die Mutter leitete die deutsche Stunde im Radio. Als der Vater schwer an Asthma erkrankte, kehrte die Familie 1938 nach München zurück.

Der kleine Unterschied

Norbert Gastell erinnert sich noch gut an die Überfahrt nach Deutschland. Das Schiff kämpfte mit schwerer See, brauchte vier statt drei Wochen für die Strecke nach Bremen. Die meisten Passagiere wurden schwer seekrank, etliche mussten nach der Ankunft ins Krankenhaus gebracht werden. Dem neunjährigen Gastell machte die raue See selbst nichts aus: "Ich war oft allein im Speisesaal. Zwischenzeitlich kam jemand rein, sah mich essen und ging sofort wieder raus, weil ihm speiübel war."

Gastells Magen hält nicht nur heftiges Schiffschaukeln aus. Einen Hauptgang bestellt er an diesem Mittag noch. Der Ober bringt mit der Rechnung auch einen Teller mit Cookies an den Tisch. Da fragen wir ihn, ob er zum Schluss den Homer geben könnte. "Neiiiin!!", antwortet der mit verstellter Stimme und zeigt auf die amerikanischen Plätzchen: "Willst du die nicht aufessen, die werden sonst schlecht." Norbert Gastell ähnelt seinem gelben Alter Ego eben nur begrenzt. Der hätte sie längst verdrückt.

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