Regisseur
Warum Oliver Stone legalen Marihuana-Handel will
Am heutigen Donnerstag kommt Stones neuer Film "Savages" in die Kinos. Morgenpost Online sprach mit ihm über Drogen und den Krieg dagegen.
Oliver Stone ist ein politischer Regisseur, Provokation und Polarisierung zählen zu seinen Markenzeichen. Der 65-Jährige hat schon gegen den Einsatz der US-Amerikaner im Vietnam-Krieg gewettert ("Platoon"), gegen die Börsenhörigkeit ("Wall Street"), über die amerikanische Politik im Allgemeinen (etwa "Salvador") oder George W. Bush im Besonderen ("W"). Er versteht sich selbst als eine Art besseres Gewissen der USA. Seine Haltungen muss man nicht teilen und kann sie auch größenwahnsinnig finden – doch zumindest hat der Mann eine Haltung. Nun kommt sein Werk "Savages" in die Kinos – und es bietet uns, allen Ernstes, folgende Typen an: Junge, kalifornische Drogendealer, die nur Gutes bezwecken wollen, böse mexikanische Drogenkartelle und, natürlich, korrupte Behörden. Morgenpost Online hat mit dem Regisseur im Hotel Adlon gesprochen.
Morgenpost Online: Die Hippies in "Savages" betreiben einen florierenden Drogen-Handel. Die klassischen Hippies aber haben Marihuana geraucht – aber kein Geschäft draus gemacht.
Oliver Stone: Nun, die Zeit schreitet fort. Aber Ihren Worten entnehme ich, dass Sie bei Drogen etwas konservativer sind als ich. Für mich ist Marihuana keine Droge. Unter Drogen verstehe ich synthetisch hergestellte Stoffe. "Gras" ist eine natürliche Pflanze. Meine Filmfiguren Ben und Chon haben einfach die wunderbaren natürlichen Samen aus aller Welt genommen – aus Afghanistan, dem Sudan, Thailand, Jamaika – und daraus Mischungen hergestellt. Gehen Sie in eine für medizinische Zwecke lizenzierte Verkaufsstelle in Kalifornien und Sie werden bis zu hundert verschiedene Marihuana-Mixturen finden. Alle haben unterschiedliche Effekte. Manche sind gegen leichten Schmerz, manche gegen schweren. Einige helfen dir beim Einschlafen, einige halten dich wach.
Morgenpost Online: Klingt nach einer famosen neuen Geschäftsidee.
Oliver Stone: Ich vergleiche das mit dem Wein-Geschäft. In den sechziger Jahren wurde es in Amerika als dekadent angesehen, Wein anzubauen; heute ist es ein respektabler Geschäftszweig. Nicht nur Francis Ford Coppola hat einen eigenen Weinberg. Dahin könnte sich auch der Marihuana-Handel entwickeln. Aber: Seit den dreißiger Jahren wird Marihuana in den USA verteufelt, es führe zur nächsten Stufe der Abhängigkeit und so weiter. Heute wird es als Klasse-1-Droge eingestuft, und damit unter die gefährlichsten. Kokain hingegen fällt laut Anti-Drogen-Politik in die Klasse 2, soll also weniger gefährlich sein.
Morgenpost Online: Was bekommt man, wenn man mit, sagen wir einmal, 50 Gramm Marihuana erwischt wird?
Oliver Stone: Das kommt auf den Bundesstaat an. In einem strengen Staat wie Texas kann ein Teenager dafür Jahre ins Gefängnis gehen, in extremen Fällen sogar lebenslang. Das ist irre. Die Drogenbekämpfung ist selbst eine Industrie geworden. Es werden jedes Jahr 50 Milliarden Dollar dafür ausgegeben. Die Gefängnisindustrie verdient im Jahr 30 Milliarden. Jemanden mit einer schweren Heroin- oder Kokain-Abhängigkeit medizinisch zu behandeln, ist viel billiger, als ihn einzusperren. Das ist aber gegen die Interessen der Gefängnisindustrie und der Gefängniswärter-Gewerkschaften, von denen es viele sehr mächtige gibt. Beide sind an viel Kundschaft interessiert, denn damit verdienen sie ihr Brot. Deshalb sperren sie sich gegen Gesetzesänderungen. Und kein Politiker wagt es, den "Krieg gegen die Droge" zu deeskalieren. Es ist wie mit jedem Krieg: Frieden schließen ist erheblich schwerer als mit dem Schießen anzufangen.
Morgenpost Online: Wie im "Krieg gegen den Terror".
Oliver Stone: Zuerst erschafft man eine Bürokratie, wie die Drug Enforcement Agency oder das Department for Homeland Security. Irgendwann verbinden sich dann diese Bürokratien und Kriege. Nehmen Sie das Beispiel Kolumbien. Zuerst haben wir unsere Agenten dorthin geschickt, um den Kokainhandel zu bekämpfen. Sie haben spioniert, bringen militärische Ausrüstung ins Land und bilden das dortige Militär aus. Es dauerte nicht lange, dann gab es auch Todesschwadronen in dem Land, die "interne Feinde" bekämpfen. Und, hast du nicht gesehen, irgendwann folgt dann der Vertrag, der es den Amerikanern erlaubt, sieben Militärstützpunkte dort zu errichten – was den Zorn des Rests von Südamerika auf sich zieht. Das wird dann mit der Farc vermischt, den Guerillas, die seit Jahrzehnten die Regierung bekämpfen und sich inzwischen selbst über den Drogenhandel finanzieren. Hier werden dann die beiden Kriege vereint, im "Krieg gegen den Drogen-Terrorismus". Und schon sind wir nahe an einem richtigen Krieg in Kolumbien.
Morgenpost Online: Der "Krieg gegen die Droge" ist also auch ein politisches Machtinstrument?
Oliver Stone: Richtig. Es geht darum, Kontrolle im "Hinterhof" der USA auszuüben. Eine Menge Mexikaner werden Ihnen das auch sagen. Die USA mischt sich viel zu sehr in mexikanische Angelegenheiten ein. Die Mexikaner sind stolz. Sie würden nie sieben Stützpunkte auf ihrem Territorium tolerieren wie die Kolumbianer.
Morgenpost Online: Hollywood, so sagt man, war immer schon voll von Drogen. Ist das eigentlich heutzutage immer noch so?
Oliver Stone: Es hat periodische Drogenwellen gegeben. Die letzte, die ich mitbekommen habe, war die Kokain-Verrücktheit in den späten siebziger Jahren. Die hat einer Menge Leuten das Leben gekostet.
Morgenpost Online: Zum Beispiel John Belushi.
Oliver Stone: Hollywood ist ein Geschäft mit unglaublichem Erfolgsdruck in der traditionellen amerikanischen Halsabschneiderart. Wer da Drogen nimmt, ist schnell weg vom Fenster.
Morgenpost Online: Steigert Marihuana nicht auch die Kreativität?
Oliver Stone: Das ist eine von mehreren möglichen Wirkungen. Aber, das möchte ich betonen, es macht nicht abhängig. Ich habe es nie regelmäßig benutzt und ich habe nie ein Problem mit Abhängigkeit gehabt. Wenn Sie auf einer griechischen Insel Urlaub machen und eine Woche Gras rauchen und dann nach Deutschland zurückkehren – gar kein Problem.
Morgenpost Online: Wenn es in der Filmindustrie Drogentests wie bei der Olympiade gäbe: Wie viele dürften weitermachen?
Oliver Stone: Die meisten würden den Test bestehen. Aber wir müssen von diesem Denken wegkommen! In Amerika werden solche Tests allen möglichen Angestellten aufgezwungen, in allen möglichen Branchen. Ich könnte das ja verstehen, wenn jemand seiner Arbeit nicht gewachsen ist, aber das Testsystem breitet sich immer weiter aus. Es ist geistesgestört. Davon abgesehen: Amerikaner nehmen unglaublich viele Drogen, die Ärzte ihnen verschreiben und die in der Wirkung Kokain nicht unähnlich sind. Das hat sogar dazu geführt, dass die mexikanischen Drogenkartelle weniger Kokain in den USA verkaufen und versuchen, mehr in Europa abzusetzen.















