06.10.12

"On the Road"-Film

"Computer sind kein Ersatz für Selbsterlebtes"

Jack Kerouacs "On the Road" ist ein Kultbuch. Aber es ist ein halbes Jahrhundert alt. Doch Walter Salles, Regisseur der Verfilmung, findet, dass es uns heute noch eine Menge zu sagen hat.

Foto: dapd

Walter Salles (Mitte) mit seinen Stars Kristen Stewart und Garrett Hedlund
Walter Salles (Mitte) mit seinen Stars Kristen Stewart und Garrett Hedlund

Fünfzig Jahre vergingen, bis Jack Kerouac es auf die Leinwand geschafft hat: Nun endlich läuft "On the Road" im Kino. Ein Gespräch mit dem brasilianischen Regisseur Walter Salles – der mit "Central Station" 1998 die Berlinale gewann – zur Frage, was uns die Bibel der Beat Generation noch zu sagen hat.

Die Welt: Jack Kerouac, das ist ein halbes Jahrhundert her. Was hat er uns Nachgeborenen noch zu bieten?

Walter Salles: Ich war 18, als ich das Buch Mitte der Siebziger zum ersten Mal las, in den dunklen Jahren der brasilianischen Militärdiktatur. Ich war eingenommen von der Freiheit der Figuren und von der Idee, dass Bewegung einem dabei helfen könnte, zu verstehen, wer man ist und was man werden möchte. Ich war verblüfft, dass Sex und Drogen deine Sicht der Welt ausweiten können. "On the Road" war meine erste Begegnung mit der vom Jazz und Bebop geprägten "musikalischen" Literatur, und die war musikalisch selbst nach brasilianischen Maßstäben. Vor allem aber war alles das schiere Gegenteil meiner Umgebung. Brasilien hatte eine sehr konservative Regierung, die Straßen wurden vom Militär kontrolliert, die katholische Moral war strikt. Nichts, was diese junge Generation im Buch tat, konnte von der Jugend Brasiliens getan werden.

Die Welt: Obwohl Sie schon eine Generation nach Kerouac kamen.

Walter Salles: Es hätte von einem aus meiner Generation stammen können, aus dem Buch sprach eine solche Dringlichkeit. Bevor ich "Die Reisen des jungen Che" in Angriff nahm, habe ich deshalb "On the Road" noch einmal gelesen, um diese Musik wiederzufinden und diesen Hunger nach Leben. Direkt nach der "Che"-Premiere haben Francis Ford Coppola und ich ernsthaft begonnen, "On the Road" auf die Leinwand zu bringen. Ich hatte aber meine Zweifel, und so packte ich zuerst eine Dokumentation an: Ich wollte die Schauplätze und die Personen aus dem Buch aufsuchen. Das habe ich, mit Unterbrechungen, fünf Jahre lang getan.

Die Welt: Ihre Darsteller sind zwischen zwanzig und dreißig und hatten das Buch gelesen, bevor die Rollen auf sie zukamen. Das war nicht zu erwarten.

Walter Salles: Ich vermute, dass das Buch in den Bush-und-Cheney-Jahren plötzlich wieder ein Anlaufpunkt geworden ist. Ihr Jahrzehnt wies so viele Ähnlichkeiten mit den McCarthy-Jahren auf, dieser Druck, der freie Meinungsäußerung behinderte – all das beschwor die Atmosphäre von "On the Road" wieder herauf. In den Achtziger- und Neunzigern dagegen war es kaum möglich, "On the Road" in amerikanischen Buchhandlungen zu finden.

Die Welt: Die Träume der Beat Generation haben in Amerikas kulturellen Kolonien überlebt. Dies Auf-der-Straße-Sein findet sich z.B. beim frühen Wenders.

Walter Salles: Richtig, in "Alice in den Städten" und "Im Lauf der Zeit". Es beginnt immer damit, dass Figuren sich in ihrer Haut unwohl fühlen. Und sich finden müssen.

Die Welt: Ich würde das gern mit der heutigen Auffassung von Bewegung vergleichen: Als Student muss man ins Ausland, um Erfahrung zu sammeln. Als Erwerbstätiger muss man ständig bereit sein, mit der Arbeit umzuziehen. Diese "Mobilität" ist eine Perversion des Bewegungsbegriffs von Kerouac.

Walter Salles: Ich würde diese Aussage sogar verschärfen. Als ich mit Lawrence Ferlinghetti, einem Dichter aus Kerouacs Umkreis, in San Francisco einmal in einem Stau feststeckte, sagte er: "Es gibt kein Wegkommen mehr." Kerouac und die anderen suchten nach der "letzten Grenze", da schien ein "Wegkommen" noch möglich. Allerdings sehen manche Interpreten das Buch bereits als das Ende dieses amerikanischen Traums und Ende der Straße. Vielleicht suchte Kerouac eine Grenze, die es schon nicht mehr gab.

Die Welt: Was ist an ihre Stelle getreten?

Walter Salles: Was wir gegenwärtig erleben, ist die Implosion von Zeit und Raum. Der chinesische Regisseur Zhang Ke-Jia hat das besser als jeder andere in seinem Film Berliner Morgenpost ausgedrückt, wo man in einem Themenpark in Peking mit ein paar Schritten vom Eiffelturm zu den Pyramiden laufen kann. Computer gaukeln uns vor, an Orten gewesen zu sein, wo wir nie waren. Reality-TV gibt uns die Illusion, an Leben teilzunehmen, die wir nicht leben. Aber es gibt keinen Ersatz für Selbsterlebtes. Wer keine Erfahrungen macht, entwickelt kein kritisches Bewusstsein. Und die einzige Möglichkeit, die Welt zu verändern, erwächst aus einem kritischen Bewusstsein. Das hat mich in dem Buch weiterhin interessiert.

Die Welt: Ist Bewegung dafür unabdingbar oder lediglich ein Hilfsmittel?

Walter Salles: Bewegung war für den Kerouac-Kreis lediglich ein Mittel, um von einer guten Unterhaltung zur nächsten zu gelangen. Der Dichter Gary Snyder, einer aus dem Kreis, pflegte zu sagen: "Wir sind tausend Meilen gefahren, um eine gute Unterhaltung führen zu können." Bei Kerouac entstanden viele Erkenntnisse aus der inneren Dynamik der Gruppe.

Die Welt: Wessen Idee war es, "On the Road" noch einmal zu versuchen?

Walter Salles: Francis Ford Coppola selbst hat mehrere Drehbuchversionen geschrieben, es gibt eine von seinem Sohn Roman und eine sehr schöne von Barry Gifford für Gus van Sant. Die allerersten Versuche, die noch von Alt-Hollywood entwickelt wurden, endeten stets mit dem Tod der Dean-Moriarty-Figur, der dafür bestraft wurde, die Ehe gebrochen und sich mit Sex und Drogen eingelassen zu haben.

Die Welt: Kamen die Projekte je über die Drehbuchphase hinaus?

Walter Salles: Oh ja. Ich habe sogar die Bänder vom Vorsprechen gesehen, das Coppola in den Achtzigern abhielt. Russell Crowe liest darin für die Rolle von Moriarty.

Die Welt: Gäbe es heute Platz für Kerouac?

Walter Salles: Schwer zu sagen, er hat so viele verschiedene Leben gelebt. Auf jeden Fall waren seine Zeitgenossen, die ich treffen durfte, die jüngsten Siebzig- und Achtzigjährigen, die ich kenne. Denn sie sind ihren Überzeugungen treu geblieben.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Stundenlang hatte ein Großaufgebot der Polizei nach dem achtjährigen Mädchen gesucht
15:15Verschwundenes Kind
Fall Sharlyn – Nachbar der Großmutter unter Verdacht

Wende im Fall der vorübergehend verschwundenen achtjährigen Sharlyn: Die Polizei verdächtigt einen Anwohner, das Kind mit in seine Wohnungen genommen zu haben. Der Mann unternahm einen Suizidversuch. mehr...

Two girls stand in rubble after a tornado struck Moore, Oklahoma, May 20, 2013. A 2-mile-wide (3-km-wide) tornado tore through the Oklahoma City suburb of Moore on Monday, killing at least 51 people while destroying entire tracts of homes, piling cars atop one another, and trapping two dozen school children beneath rubble. REUTERS/Gene Blevins (UNITED STATES - Tags: ENVIRONMENT DISASTER)
Aktualisiert vor 36 MinutenTornado
Das Sterben der Kinder von Oklahoma im entfesselten Sturm

Mindestens 24 Tote forderte ein drei Kilometer breiter Tornado in Oklahoma. Zwei Grundschulen wurden zu Todesfallen für 20 Kinder. Dabei meinten es die Lehrer nur gut, als sie die Kleinen da behielten… mehr...


Herthas Maik Franz (l.) und Sami Allagui
15:12Vereinsfinanzen
Hertha BSC bekommt so viel Geld aus TV-Vertrag wie nie zuvor

Hertha BSC plant für die Bundesliga mit einem deutlich gestiegenen Etat von 69 Millionen Euro. Ablösepflichtige Profis können nur verpflichtet werden, wenn im Gegenzug Geld für Abgänge reinkommt. mehr...


Vor Geschäftsstelle der BVG protestierten die Beschäftigten für höhere Löhne
14:20Tarifkonflikt
BVG-Mitarbeiter könnten noch heute über Streik entscheiden

Nach wochenlangen ergebnislosen Verhandlungen spitzt sich die Tarifrunde bei den Berliner Verkehrsbetrieben zu. Scheitern die Gespräche, will die Gewerkschaft Ver.di umgehend über Warnstreiks beraten. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Tornado in Oklahoma Familie filmt die Zerstörung aus dem Sturmkeller
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
Unwetter Starke Tornados wüten in vier US-Bundesstaaten
Der Futiklub Absolutely Ferguson
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote