30.09.12

Neuer Rowling-Roman

Krude! Misanthropisch! Unoriginell! Versnobt!

Plötzliche Vakanz auf dem Bestsellerthron: Englands Literaturkritiker lassen kaum ein gutes Haar an Joanne K. Rowlings neuem Roman "Ein plötzlicher Todesfall". Mit einer einzigen Ausnahme.

Quelle: DW
30.09.12 4:30 min.
Die "Harry Potter"-Autorin hat mit "Ein plötzlicher Todesfall" zum ersten Mal einen Roman für Erwachsene geschrieben. Wie kommt er bei Fans des Zauberschülers und bei Literaturkritikern an?

Vielleicht könnte sich Joanne K. Rowling mit einem Aphorismus Oscar Wildes trösten: "Wenn die Kritiker sich uneins sind, ist der Autor mit sich in Frieden."

In Frieden mit sich schien die Autorin freilich schon vor dem Erscheinen von "Ein plötzlicher Todesfall" zu sein. Dies Buch musste geschrieben werden, suggerierte sie, es sei eine Art Lebensbewältigung, und damit oberhalb allen literarischen Streits angesiedelt. Was braucht die 47-jährige Multimillionärin das Gehirnschmalz der Rezensenten?

"Ein 500 Seiten langes sozialistisches Manifest"

Es ist eine dieser falschen Fährten, die Rowling gerne legt. Denn so unempfindlich, wie sie sich gibt, ist sie ganz und gar nicht. Während eines einstündigen Publikumsauftritts in Londons Queen Elizabeth Hall am vergangenen Freitagabend konfrontierte jemand sie mit dem Urteil der "Daily Mail"-Kolumnistin Jan Moir: "Dieser Roman ist ein 500 Seiten langes sozialistisches Manifest unter der Maske der Literatur." Die Rowling quittierte mit einem Lächeln, aber es kam gequält rüber.

Denn der Satz war prototypisch für viele ähnliche, die Rowlings neues Buch zwar weniger polemisch, im Kern aber ähnlich kritisch abkanzeln – als "eine schwere Dosis von politischem Symbolismus", wie der "Independent" schreibt.

Aber auf der Bühne saß eine stolze, schmächtige Erscheinung, die als Autorin ernst genommen werden möchte, in der Nachfolge von Charles Dickens und jener Reihe englischer Autoren des 19. Jahrhunderts, die sozialreformerisches Anliegen zu ihrem Thema machten.

"Ganz ohne Originalität"

Daher wird sie sich gefreut haben über das Kompliment, das man ihr gestern im "Sunday Telegraph" spendete: "Wir sollten dankbar sein, dass unsere reichste und berühmteste Verfasserin von Kinderliteratur noch genügend Engagement empfindet, um wütend zu werden."

Dem stimmt auch der Grand Old Man der britischen Kulturszene, Melvin Bragg, im "Observer" zu, der schier gar nichts an dem Roman auszusetzen hat und sogar Rowlings "Partei nehmende Wut" über den grünen Klee lobt. Da hat offensichtlich ein brennendes Herz zum anderen gefunden.

Aber Bragg ist die große Ausnahme unter den Kritikern, die – durchaus nicht uneins – in der Mehrheit dem Buch platte Stereotypisierung ankreiden, eine Schwarz-Weiß-Manier mit nur geringen literarischen Meriten. "Ganz ohne Originalität", resümiert Peter Kemp in der "Sunday Times".

"Erbarmungslos misanthropisch"

Nur in der Charakterisierung der diversen Teenager attestiert man der Autorin Spuren ihrer etablierten Meisterschaft. Aber während in der "Harry Potter"-Serie, schreibt Allison Pearson im "Daily Telegraph", neben Tod und Trauer wenigstens "Hoffnung und Erlösung" herrschten, finde sich nichts davon mehr in "Ein plötzlicher Todesfall": Das Buch sei "erbarmungslos" in seiner "Misanthropie".

Das Thema satter Selbstgefälligkeit der bourgeoisen Klasse gab es freilich auch schon bei "Harry Potter", ruft die Kolumnistin in Erinnerung: Man denke an Vernon Dursley, Harrys unappetitlichen Ziehvater.

Und mit welchem Snobismus die blutreinen Zauberer auf die unreinen Muggles herabzublicken pflegten! Mit solcher Hybris schauen im neuen Roman die Einwohner des idyllischen Pagford auf die Unterklasse der benachbarten Sozialsiedlung herab, mit der sie nichts mehr zu tun haben möchten.

"Plötzliche Vakanz für einen düsteren Snob"

Snobismus: An diesem Punkt fährt Minette Marrin in der "Sunday Times" ihr schwerstes Geschütz auf. "Eine plötzliche Vakanz für einen düsteren Snob: Passend für J. K. Rowling", so lautet die Überschrift zu ihrer brutalen Abrechnung.

Die Beschreibung der von Frau Rowling so verachteten Mittelklasse, besonders deren Habitus, bedenkenlos über sozial schlechter Gestellte zu urteilen, wirft die Kolumnistin der Autorin selber vor – sie handele selber in lauter Stereotypen, kein gutes Wort zu den verhassten Bigotten aus Pagford komme ihr über die Lippen: "Das ist so krude, es lässt sich nicht einmal parodieren."

"Hat Rowling ihren magischen Touch verloren?" titelt die "Sunday Times". Fußnote aus deutscher Erfahrung: Auch Günter Grass verlor sein Muse, als er Danzig verließ und politisch wurde.

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