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Hitler-Musical

Im Admiralspalast spielt ein Käfig voller Nazis

Am Abend feiert das Mel-Brooks-Musical "The Producers - Frühling für Hitler" in Berlin seine Deutschlandpremiere. Geboten wird eine rasante Gaunerkomödie im Broadway-Milieu. Doch unversehen findet sich der Zuschauer jenseits der Grenze dessen, worüber man lachen mag.

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Es geht um einen erfolglosen Broadway-Produzenten, der mit einem Hitler-Musical einen gigantischen Flop produzieren möchte, um sich dann mit dem Investorengeld abzusetzen
Foto: DDP
Das Musical "The Producers – Frühling für Hitler" wird erstmals in Deutschland aufgeführt - im Berliner Admiralspalast.

"Wenns Dir langweilig wird, dann kannst Du ja da hinunter schauen", sagte der Vater zu seiner vielleicht 12-jährigen Tochter. Wir saßen direkt am Orchestergraben. Die Familie hatte die Karten offensichtlich geschenkt bekommen samt einem schwarz-weiß-roten Fähnchen, dessen Zentrum kein Hakenkreuz, sondern eine Brezel-Silhouette war. Offensichtlich war, dass meine Nachbarn keine Ahnung hatten, worauf sie sich einließen. Aber langweilig wurde es dann nicht.

Manchmal, wenn die Scherze besonders provozierend wurden, schaute ich verstohlen ins Profil des Mädchens neben mir. Aber sie verzog keine Miene, sei es, dass die anzüglichen Gags zu schnell fürs kindliche Gemüt kamen, sei es, weil für die Halbwüchsigen von heute das Nachmittagsprogramm der Privatsender eine Schule des Lebens ist, in der nichts ungesagt bleibt. Und auch als nach zwei Stunden und 25 Minuten endlich jene Szene kam, um derentwillen das Stück weltberühmt wurde, "The New Neo-Nazi-Revue" - "Frühling für Hitler", blieb das Antlitz meiner kleinen Nachbarin ganz ungerührt.

Das Publikum quietscht und kreischt

Mel Brooks' "The Producers" ist das erfolgreichste Musical aller Zeiten. Es hat weltweit eine Milliarde Dollar Umsatz gemacht, von New York, wo es 2001 startete bis Tel Aviv. Der brandungsartige Schlussbeifall bei der ersten Preview, aber auch das ununterbrochene Quietschen und Kreischen und Lachen während der Szenen signalisiert, dass auch im Berliner Admiralspalast die Massen strömen werden.

Geboten wird ihnen eine rasante Gaunerkomödie im Broadway-Milieu, vorangetrieben von einer schmissigen Swingmusik. Machte man eine musikalische Summe aus den Broadway-Partituren der 1930er bis 1950er Jahre, mixte etwas Kurt Weill, etwas Klezmer und etwas "Cabaret" dazu - es käme genau dieser Sound heraus, der nichts anders im Sinn hat als gute Laune zu machen. Es ist eine Musikmaschine, geölt und flott. Sie gibt das Tempo vor für die Handlung und den rapiden Szenenwechsel. Auch er ist guter alter Broadway: Keine Elektronik, keine Videos, sondern gemalte Kulissen, darin naturalistische Interieurs. Verblüffendes Tür-auf-Tür-zu, Farben und Formen notfalls grotesk überdreht - aber immer mit dem Effekt "Das alles ist nur Theater". Auch die Figuren des Stücks sind so hemmungslos satirisch überzeichnet, dass die Grenze zwischen lustvollem Chargieren, Slapstick und Kasperltheater fließend wird. Und fast pausenlos wird getanzt. Die physischen Leistungen der Schauspieler-Sänger-Tänzer sind enorm.

Ein todsicherer Flop ist die Basis des Geschäftes

Worum geht es? Die Welt der Broadway-Musicals war von Anbeginn eine Domäne jüdischer Künstler und Impresarios. Wir sehen zu Beginn den bankrotten Produzenten Max Bialystock, in der Fassung von Cornelius Obonya ein kompakter Vitalitäts- und Virilitäts-Teufel. Er wird besucht von dem Wirtschaftsprüfer Leo Bloom - ein kleiner, im Büro ewig gedemütigter Neurotiker, der heimlich vom Glanz einer Broadway-Karriere träumt. Andreas Bieber zeigt virtuos seine ganze Dürftigkeit und verdrängte Lebensgier. Bloom entdeckt per Zufall, dass man mit einem Flop, fädelt man den Betrug nur richtig ein, mehr Geld verdienen kann als mit einem Erfolg. Bialystock wirft sich mit dem ganzen Mut der Verzweiflung in das Projekt. Alsbald bekommt das stark wie Laurel & Hardy agierende Männerpaar Verstärkung durch die schlau-naive blonde Schwedin Ulla, die als Sekretärin wirkt, vor allem aber beiden den Kopf verdreht. Bettina Mönch als Ulla ist ein komisches Urtalent und ein Augenschmaus: die Selbstkarikatur einer Sexbombe, deren Zahnpasta-Lächeln heller leuchtet als alle Scheinwerfer des Admiralspalastes.

Das Trio macht sich auf die Suche nach dem schlechtesten Stück, den schlechtesten Darstellern und dem schlechtesten Regisseur New Yorks - denn ein todsicherer Flop ist die Basis des Geschäftes. Man findet den Altnazi Franz Liebkind, der in Greenwich Village Tauben züchtet, mit dem Stahlhelm herumläuft und das Stück über den wahren, den lyrischen Hitler geschrieben hat, der "ganz anders" war. Max und Leo bekommen Hakenkreuz-Armbinden verpasst, schwören einen Treue-Eid und ziehen weiter. Der schwule Regisseur Roger de Bris wird gewonnen; er stört sich nicht am Hakenkreuz, er hat noch nie gehört, dass das "Dritte Reich" etwas mit Deutschland zu tun hat. Und Bialystock sammelt bei liebestollen Greisinnen die Schecks zur Finanzierung ein.

Enzyklopädie amerikanischer Deutschland- und NS-Stereotypen

Schon bis hierher spuckt die Handlung Sprach- und Bild-Klischees und rüde Geschmacklosigkeiten am laufenden Band. Der Nazi als bayerischer Schlagetot in kurzer Lederhose, Hitler-Hymnen auf den Lippen. Die liebessuchenden alten Damen, aufs Gemeinste von ihrem Ausbeuter verhöhnt. Einmal, bei den Verhandlungen mit dem dummdreisten Nazi, bekommt es Leo Bloom mit der Angst. Auch manchem im Publikum mag es ähnlich gehen. Beim Lauschen auf die Exzesse der "Political Incorrectness", findet man sich unversehen jenseits der Grenze dessen, worüber man lachen mag.

Nazi-Klamauk auf der Bühne ist das in Ordnung?

Und dann kommt die Revue "Springtime for Hitler" als Enzyklopädie aller amerikanischen Deutschland- und NS-Stereotypen: Neuschwanstein, Heroinen mit Germanen-, Bierkrug- und Wurst-Helmen, steppende SA, wozu das Schlagzeug und Schüsse knallen. Roger de Bris erscheint als femininer Hitler, deutlich an Chaplins "Großem Diktator" orientiert. Schwarze Soldaten marschieren in Hakenkreuz-Formation. Der ganze Spuk dauert 15 Minuten. Statt Flop wird die Show zum Riesenhit. Der Betrug fliegt auf, Gefängnis für die beiden Impresarios, und dann doch ein Happy End.

Lachen als Erlösung von Angst

1968, als Mel Brooks die Geschichte zum ersten Mal erzählte in dem Film "The Producers", war das Echo sehr zwiespältig. Peter Sellers begrüßte den Film als befreienden "Tanz auf Hitlers Grab". Aber jüdische Überlebende des Holocaust protestierten gegen die Verharmlosung von Symbolen, die für sie tödliche Wirklichkeit bedeutet hatten. Mehr als ein Vierteljahrhundert später, 2001, wurde das Musical in New York einhellig und enthusiastisch gefeiert.

Psychologische Deuter vermuteten hinter dem Riesenerfolg ein aus der Kindheit wohlvertrautes Phänomen: Lachen als explosive Erlösung von Angst. "Wir fürchteten uns, dass Hitler uns für immer zwingen würde, uns schlecht zu fühlen - aber siehst Du: Er ist tot, und wir nicht!", schrieb die New York Review of Books. Es ist eine Geste, wie sie schon in dem bekannten Foto von Robert Capa aufscheint, das ihn im Mai 1945 hoch auf dem Reichsparteitag-Gelände Nürnberg zeigt, den Arm zum Hitlergruss erhoben, hinter sich das steinerne Hakenkreuz. Mel Brooks hat als junger amerikanischer Soldat den Schluss des Kriegs in Deutschland miterlebt und war 1945 in Berlin als Minenräumer stationiert. In diesen Tagen hat er sich erfreut über die Berliner Station seines Musicals geäußert. Wenn es gelinge, A.H. als lächerliche Figur hinzustellen, habe man gewonnen. Humor, besonders der schwarze, sei eine starke Waffe.

Über diesen Gedanken habe ich nachgedacht, während ich auf der Bühne die satirische Verjuxung der NS-Symbole betrachtete. Sicher geht von Hakenkreuzen auf deutschen Bühnen keine politische Gefahr aus. Aber die Berliner Veranstalter werben doch sicherheitshalber auf der Straße mit der schwarz-weiß-roten Brezel, nicht mit dem Original. Mel Brooks hat darauf hingewiesen, die Aufführung des Stücks in Deutschland bringe es mit sich, dass die "Frühling für Hitler"-Szene ein viel zu großes Gewicht bekomme, während sie in den USA "nur ein Nebenaspekt" sei.

Ich denke, Brooks irrt. Gäbe es nicht die "unverminderte Gegenwärtigkeit" (Joachim Fest, 1995), den Schatten A.H., der ständig tiefer wird, wäre das Musical auch kein Welterfolg. Kein anderer Mensch der Geschichte hat den Weltzustand verändert wie er, keiner hat eine solche Spur von Trümmern hinterlassen. Kein anderer steckt als nie beendeter Schrecken und Mahnung an die Realität des Unausdenkbaren so tief im kollektiven Bewusstsein der Welt. Daran wird alles befreiende Lachen in den Theatern der Welt nichts ändern.

„The Producers“: Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Mitte. Tel.: (030) 47997499. Di–Fr 20 Uhr, Sa 15 u. 20 Uhr, So 18 Uhr. Gespielt wird bis 19. Juli.

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