24.09.12

Kampf der Kulturen

Dem Islam ist das Mohammed-Video egal

Es heißt, die islamische Welt sei wegen des Mohammed-Videos in Aufruhr. Doch eine Wissenschaftlerin hat nachgezählt, wie viele Menschen tatsächlich demonstrieren. Das Ergebnis überrascht.

Foto: AFP

Ein paar Tausend Demonstranten (hier in Afghanistan) tun so, als wären sie der „der Islam“. Und der Westen glaubt ihnen.
Ein paar Tausend Demonstranten (hier in Afghanistan) tun so, als wären sie der "der Islam". Und der Westen glaubt ihnen.

Im Zeitalter des Internet kann sich ein Dritter Weltkrieg an Nichtigkeiten entzünden. Ein widerwärtiger Film über den letzten Propheten der Muslime wird bei Youtube eingespeist – schon steht die gesamte arabische Welt kopf. 1500 Millionen Muslime stehen auf, schreien dem Westen ihren Hass ins Gesicht und verlangen nach dem Blut des Regisseurs. Der Islam als solcher ist eben leicht beleidigt. Ein Zündholz, und schon steht die Erde in Flammen.

Diese Geschichte haben wir in den vergangenen Tagen in verschiedenen Varianten erzählt bekommen. Und jetzt wollen wir uns daraufhin doch einmal die Zahlen anschauen. Zusammengetragen hat sie dankenswerterweise Megan Reif, eine Politikwissenschaftlerin an der University of Colorado.

Es waren nur ein paar Tausend Demonstranten

Voilà: In Ägypten haben Schätzungen zufolge 2500 Menschen gegen das blasphemische Mohammed-Video protestiert. Zum Vergleich: Es gibt in Ägypten etwas mehr als achtzig Millionen Muslime. An den Demonstrationen, die zum Sturz des Mubarak-Regimes geführt haben, waren circa 250.000 Menschen beteiligt. Im Jemen demonstrierten 2000 Menschen gegen jenes Video. In Syrien waren es 500 (die Syrer sind eben derzeit damit beschäftigt, einander wegen ganz anderer Themen als Blasphemie zu massakrieren).

Und im Iran? Dort waren 5000 Menschen auf der Straße. Mit anderen Worten: Ein klerikalfaschistisches Regime, das früher nur durch die Finger pfeifen musste, damit Zehntausende in der Gegend herumliefen und "Marg bar Amrika" (Tod Amerika!) skandierten, schafft es heute nicht, mehr als 5000 bestellte Demonstranten zu animieren. Übrigens gibt es im Iran an die 74 Millionen Einwohner muslimischen Glaubens.

In Algerien protestierten 36 Leutchen

In Algerien waren es – sage und schreibe, man höre und staune – exakt 36 Demonstranten. Aus Indien, wo die zweitgrößte muslimische Gemeinde der Welt lebt (die arabischen Länder in ihrer Gesamtheit liegen nämlich erst an dritter Stelle) hören wir überhaupt nichts von Protesten.

Mit anderen Worten: Den meisten Muslimen auf der Welt geht jenes Youtube-Video am Allerwertesten vorbei, sie fühlen sich dadurch nicht gekränkt, es ist ihnen völlig schnurzpiepegal. Die Fernsehkameras zeigen uns eine winzige Minderheit. Gewiss doch, jene Minderheit ist radikal und gewaltbereit – aber eines ist sie ganz gewiss nicht: zahlenmäßig repräsentativ. Man fühlt sich an die Zeit erinnert, als die versammelte Kollegenzunft sich über die "Occupy-Wall-Street"-Bewegung in New York die Finger wundschrieb.

Ein Mediengeschöpf – wie die Occupy-Bewegung

Als jemand, der in dieser Stadt lebt, nahm man erstaunt zur Kenntnis, dass es sich hier wohl um eine wahnsinnig wichtige Protestbewegung handeln musste, an der sich die Mehrheit der Armen und Unterdrückten in Manhattan, Brooklyn, Queens und der Bronx beteiligte. In Wahrheit bestand die "Occupy-Wall-Street"-Szene zu ihrer besten Zeit aus ein paar hundert Hanseln, die sich am Zucotti-Park zusammendrängten; schon drei Straßenzüge weiter interessierte sich kein Mensch mehr für sie.

Es gibt ein Grundrecht auf Prophetenbeleidigung

Das Problem ist nicht, dass im Zeitalter des Internet ein virtuelles Streichholz ausreicht, um einen Weltbrand zu entfachen. Das Problem besteht vielmehr darin, dass Fernsehbilder ihre eigene Realität erzeugen, die mit der platten (unapokalyptischen) Wirklichkeit nichts zu tun hat. Das Problem ist ferner, dass westliche Politiker sich von ihrer eigenen Hysterie verführen lassen, zentrale Freiheitsrechte auszuhebeln: etwa das Recht, im Internet zu hetzen, zu blödeln, zu lügen, ganz gemeine Sachen zu sagen und die Propheten fremder wie auch eigener Religionen zu beleidigen.

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