20.09.12

Konzert

In Berlin zelebriert Lady Gaga Trash auf höchstem Niveau

Bei ihrem Berliner Konzert in der fast ausverkauften O2 World liegen der Popikone ihre Fans zu Füßen. Und tanzen zu Maschinenbeats.

Von Von Peter E. Müller
Foto: AFP

Zelebrierter Wahnsinn: Lady Gaga hat bei ihrem Konzert in Berlin die Massen in der Hand
Zelebrierter Wahnsinn: Lady Gaga hat bei ihrem Konzert in Berlin die Massen in der Hand

Unheil dräuende Keyboardsounds fräsen durch die Halle. Scheinwerfer zucken. Es wummert, es pumpt, es hämmert der düstere Elektro-Marschbeat, während die Königin um 20.45 Uhr in einer martialischen Prozession auf einem Einhorn durch den im Dunkel wabernden Bühnennebel einreitet. Lady Gaga macht keinen Hehl daraus, dass es hier nicht nur um Musik geht.

Es geht um den zelebrierten Wahnsinn, um das Massen bewegende Gesamtkunstwerk, das provozieren, aufwühlen und überwältigen will. Und überwältigend ist durchaus, was die 26-jährige Selbstdarstellerin da am Donnerstagabend in der mit 12.000 Besuchern nahezu ausverkauften O2 World auf die Bühne wuchtet.

Pompös, gewaltig, abstrus

Ein gewaltiges Bühnenbild hat sie sich zimmern lassen. Eine pompöse Ritterburg samt Schießscharten und Treppen, Balkonen und Zinnen, in deren Parterre und Hochparterre die Musiker untergebracht sind. Die lange Ouvertüre kulminiert in einer abstrusen Gebärsequenz, in der Lady Gaga einer kugelbäuchigen Vagina entsteigt, die einem monströsen Hühnchen gleicht. Hände schwingen auf und ab im Takt, als die Party mit "Born This Way" lärmend auf Touren kommt. "Berlin", ruft sie in den Saal. "You are the future." Sie hat die hörige Menge längst in der Hand.

In nur vier Jahren hat es Stefani Joanne Angelina Germanotta geschafft, die Marke Lady Gaga weltweit zu etablieren. Selbst wer keinen ihrer stromlinienförmig konfektionierten Hits kennt, weiß um dieses exaltierte Kunstgeschöpf mit den überkandidelten Outfits und dem Hang zur kalkulierten Kontroverse. Auch im Konzert wechselt sie die waghalsige Garderobe schneller als der Schlagzeuger seinen Viervierteltakt in die Bassdrum treten kann. Merkwürdige Masken, exzentrische Hüte, Kostüme aus Lack und Latex, Kleider wie aus dem Origami-Workshop, mondäne Roben, bei denen man lieber nicht wissen will, womit die Designer ihre Kreativität beflügelt haben.

Die Popikone als Außerirdische

Sie singt a cappella den Cabaret-Song "Willkommen, Bienvenue, Welcome." Dieser "Born This Way Ball" ist eine von Technoschnattern und Maschinenbeats getragene "Rocky Horror Show" für den Dancefloor. Mit einer Art Handlungsgerüst, das die Popikone als Außerirdische stilisiert, die vom Planeten G.O.A.T. flieht und von Berlin aus unsere Erde zu erobern gedenkt. immer wieder taucht die böse Herrscherin als Holografie auf und fordert: "Kill That Bitch!" Sie sei weder Mann noch Frau noch Mensch, sagt Gaga in einem langen Monolog nach "Bad Romance", sie sei einfach wir alle. Doch ihre Verfolger sind nicht weit, schleppen sie hoch auf die Zinnen, während sie ihnen zum Song "Judas" dann doch wieder entwischt.

Mehr als 90 Millionen verkaufter Platten weltweit, fünf Grammys, rund 27 Millionen Follower bei Twitter, 52 Millionen Facebook-Fans - die Frau hat den Thron des Pop-Olymp längst besetzt. Denn anders als Madonna, deren artifizielles Spektakel man an selber Stelle erleben konnte, ist die jüngere Konkurrentin frecher, frischer, kompromissloser. Sie ist näher an ihrem Publikum, ist rotzig, rau und direkt und macht mit Charme und Chuzpe wett, was ihr an musikalischer Genialität fehlen mag. Das ist imponierend.

Ein Bühnenoutfit aus Klopapier

Etwa zur Mitte der Show, gerade ist sie noch auf einem Motorrad über den halbrunden Laufsteg durchs Publikum gefahren, setzt sie sich an ein aufs Motorrad geschnalltes E-Piano. Sie plaudert mit den Fans, sie nimmt Geschenke und Briefbotschaften entgegen, ein Krönchen und gar eine Rolle Klopapier. Aus der sie sich prompt ein neues Bühnenoutfit bastelt. Sie begleitet sich zur Ballade "Hair", die ein wenig an Meat-Loaf-Komponist Jim Steinman erinnert. Und verbreitet die schlichte Botschaft: "It is as easy to change the world, as it is to change your hair." Ja, so einfach ist das. Sie holt einen glücklichen Fan auf die Bühne, singt mit ihr "Princess Die".

Dann werden bei "You And I" und "Electric Chapel" wieder die Elektro-Rock-Peitschen (und die Deutschlandfahne) geschwungen. Bei "Americano" verliert sich später ein unglückliches Brautpaar zwischen Schweinehälften. Auf einer blutigen Couch aus durch den Fleischwolf gedrehten Leibern singt sie "Alejandro", in einem von zwei Maschinengewehren getoppten Büstenhalter. Die Szenerie kann nicht absurd genug sein. Langweilig jedenfalls wird es keinen Moment lang. Trash auf höchstem Niveau.

Stampfende Maschinenbeats

Lady Gaga gibt sich entrückt und dann wieder ganz nah, sie tanzt, sie schreit, sie singt mit kräftiger Stimme. Nein, kein Playback, um aufwendige Choreografien zu überbrücken. Für den Rückhalt sorgen Chorsängerinnen. Die Lieder freilich sind vom Aufbau her stets recht ähnlich. Beschwörendes Intro, Strophen zu stampfendem Maschinenbeat und mehrstimmig eingängige, abbaeske Refrains.

Gegen Ende kommen "Poker Face" und "Paparazzi" und der Technokracher "Scheiße", Hits, die ihren Zweck, Bewegung auf den Dancefloor zu bringen, erfüllen. Mehr als zwei Stunden lang feiert Lady Gaga eine Riesenparty mit ihren Berliner Fans, die sie liebevoll "Little Monsters" nennt. Berlin liegt Gaga zu Füßen. Und tanzt. "Marry The Night" ist die letzte Zugabe, mit der sich die faszinierende Erscheinung verabschiedet. Und in die Berliner Nacht entschwindet.

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