17.09.12

Autor John Green

Romeo und Julia haben Krebs

John Green ist ein Popstar des Jugendbuchbetriebs: Sein Roman "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" schildert eine Teenagerliebe im Schatten des Todes. Und macht Lust aufs Leben.

Foto: picture alliance

Der amerikanische Schriftsteller und Videoblogger John Green 2007 in Amsterdam, wo auch Teile seines Romans "Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ spielen
Der amerikanische Schriftsteller und Videoblogger John Green 2007 in Amsterdam, wo auch Teile seines Romans "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" spielen

Der Roman lag eine Weile ungelesen in der Wohnung. Zwar hatte der Titel "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" die Neugier geweckt, doch der Klappentext versprach traurige Lektüre: "Krebsbücher sind doof", wird dort Hazel, die 16-jährige Heldin des Romans, zitiert. Sie leidet an Krebs und weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Weder für Freundschaften noch für die große Liebe, die in Gestalt des aufregenden Augustus in ihr Leben in der Selbsthilfegruppe tritt. Also doch nur ein weiteres doofes Krebsbuch? An einem Sonntagmorgen war das Werk verschwunden und mit ihm unsere Tochter – in ihrem Zimmer. Erst am Abend tauchte sie wieder auf und forderte die Eltern ultimativ zum Lesen auf. Was für ein kluger Teenager!

Dauernd muss er Autogramme geben

Als John Green, ein Schlacks mit verstrubbeltem Haar, fliederfarbenem Hemd und Jeans von dieser Geschichte erfährt, lacht er laut auf – und freut sich. Vor und nach unserem Interview in einem Berliner Café muss er laufend Autogramme geben. Ein Popstar des Jugendliteraturbetriebs, der mit seinem vierten Roman mühelos die Bestsellerlisten erklommen hat.

Die Faszination von Greens trotz allem nicht hoffnungsloser Liebesgeschichte erschließt sich schnell. Der lakonische Ton des Autors verweigert sich jeder Tränenseligkeit so entschieden, wie es seine rebellischen Protagonisten tun. Wenn sich Hazel und Augustus über "Krebsbonusse" in Gestalt von Star-Autogrammen oder ähnlichen Vergünstigungen amüsieren, darf der Leser getrost mit ihnen lachen. In Dialogen voller Wortwitz und Charme gelingt es Augustus, die zunächst zögerliche Hazel für sich zu gewinnen und ein Stück Normalität für beide zu ertrotzen. Ihre Gespräche kreisen um die ganz großen Fragen, doch ihr verspielter Ton hilft, die Stimmung des Romans aufzuhellen.

Ungewöhnliche Romeo-und-Julia-Version

Soll man sich auf die Liebe einlassen, wo doch der Tod unvermeidlich ist? Wird es mir gelingen, im Leben eine Spur zu hinterlassen? Antwort auf solche Fragen suchen die beiden Teenager aus Indianapolis in Amsterdam, wo sie Hazels Lieblingsschriftsteller treffen wollen. Die Reise ist – natürlich – ein Krebsbonus. Amsterdam erscheint als ideales Setting für diese ungewöhnliche Romeo-und-Julia-Version – romantisch und ein wenig verrucht, eine Wasserstadt, in der man buchstäblich ertrinken kann. Diese Stadt spiegelt die Situation der Protagonisten.

Wie respektlos und souverän Green mit seinem schwierigen Thema umgeht, zeigt sich in einer Szene, die im Anne-Frank-Haus spielt: Hier küssen sich Augustus und Hazel zum ersten Mal. Wahrscheinlich, so reflektiert Ich-Erzählerin Hazel, könnte sich Anne Frank "nichts Besseres wünschen, als dass das Haus, in dem sie gelebt hatte, ein Ort würde, an dem sich die jungen und unheilbar Lädierten rettungslos ineinander verliebten."

Das Universum ist doch kein kalter Ort

Berückend an Greens Roman sind vor allem die glaubwürdigen Figuren. Hazel, die den Tod bereits akzeptiert hat, wird im Verlauf der Geschichte auch die Realität und Fülle des Lebens annehmen – und sich kopfüber hineinstürzen.

Ja, natürlich kann das Schicksal ein mieser Verräter sein, und doch macht die Liebe einen Sinn und endet nicht, wenn einer der Liebenden stirbt. In einer postreligiösen Welt kann die Liebe Trost und Hoffnung geben. Das Universum, erkennt Hazel, ist auch kein kalter Ort, sondern will von den Menschen bemerkt werden.

Der Krebs greift erneut an

Nachdenklich stimmt schließlich die Reise, die Augustus im Roman-Verlauf unternimmt – aus Stärke wird Schwäche. Die guten Prognosen erweisen sich als trügerisch, der Krebs greift erneut an. Der früher erfolgreiche Basketballer verfällt zusehends, die Medikamente verändern seine Persönlichkeit. Wie Augustus sein Schicksal annimmt und sich Hazel in all seiner Verletzlichkeit offenbart, das ist überaus anrührend.

Greens Roman macht keine falschen Versprechen, bietet keine endgültigen Wahrheiten an. In der Beschreibung des Lebens, Leidens und Liebens zweier unheilbar kranker Jugendlicher offenbart er aber große Wahrhaftigkeit.

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. A. d. Englischen v. Sophie Zeitz. Hanser, München. 288 S., 16,90 €. Ab 13 J.

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