16.09.12

Literatur

Goethes Haushalt verbrauchte 350.000 Taler

Blick ins Portemonnaie eines Genies: Warum ist bisher keiner auf die Idee gekommen, Goethes Geschäfte zu untersuchen? Nun tut das endlich in Frankfurt die Ausstellung "Goethe und das Geld".

Foto: picture-alliance / akg-images

„Goethe in der Campagna“, Gemälde von 1786/87 von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829)
"Goethe in der Campagna", Gemälde von 1786/87 von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829)

Das Reich ist überschuldet, die Wirtschaft liegt danieder, der Kaiser weiß nicht mehr weiter, selbst dem alten Hofnarren verschlägt es die Sprache. In dessen Rolle schlüpft nun Mephisto und verspricht dem Kaiser Reichtümer. Er wird mit Faust nicht Blei in Gold verwandeln, wie die Alchimisten es versuchten, sondern Papier in Geld.

Der Kaiser ist zuerst noch misstrauisch. Doch wenn die Gläubiger mit beschriebenem Papier zu befriedigen sind – er lässt sich auf den Zauber ein. Der Hofnarr aber weiß, wie faul der ist und will die bunten Zettel, das der Kaiser ihm großmütig zukommen lässt, so schnell wie möglich in Sachwerten anlegen, in Grundbesitz, in "ein Schloss mit Wald und Jagd und Fischbach". Er versteht etwas vom Geld und weiß, dass man als Selbstversorger auf der sicheren Seite ist.

Mephisto versprach dem Kaiser Reichtümer

Die Macht des faulen Zaubers ist gewaltig, und so faul ist er vielleicht ja auch nicht, wenn das auf den Zetteln notifizierte Versprechen durch produktive Arbeit eingelöst wird. Nur, wer will sich darauf verlassen – ganz abgesehen davon, dass auch der Produktivismus und das Wachstumsversprechen so ihre Kollateralschäden verursachen. Faust geht immerhin über die Leichen von Philemon und Baucis.

Es ist eigentlich also alles schon gesagt in Goethes "Faust". Umso mehr überrascht es, dass unter den Goethe-Forschungs- und Gedenkstätten erst jetzt das Frankfurter Goethehaus in einer ungemein dichten Ausstellung der nahe liegenden Frage nachgeht, welches Verhältnis der Autor dieses prophetischen Epochenwerks zum Geld hatte.

"Goethe und das Geld" – das ist das Generalthema der diesjährigen Goethe-Festwoche in der Bankenstadt, dem außer der Ausstellung und einem hoch interessanten Katalog, in dem sich finanz- und literaturwissenschaftlicher Sachverstand vereinen, auch eine Fülle von Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen gewidmet sind. Frankfurt reklamiert für sich, gleichermaßen Stadt des Geistes und des Geldes zu sein. Mit dem Thema "Goethe und das Geld" ist sie ganz bei sich. Mehr geht nicht.

Goethe, Geld, Frankfurt – das gehört zusammen

Wie hielt es der Dichter also mit dem Mammon? Goethe hatte immer Geld, er verdiente viel und gab viel aus, er führte darüber als akribischer Hausvater Buch, er kannte aber auch als Zeitgenosse jener Sattelzeit, in der die ständische Gesellschaft sich auflöste und der Kapitalismus am Horizont erschien, die magischen Qualitäten des Geldes und seine revolutionären Potenzen.

Sein Leben lang hat er auch nachgedacht über die verblüffenden Parallelitäten von Geld und Poesie, ihrer beider Zeichenhaftigkeit, die ihren Wertgehalt von ihrer Materialität löst.

In einem Gespräch mit Eckermann zog er als Greis eine Lebensbilanz, in der er die Kosten seiner geistigen Existenz bezifferte: "Eine halbe Million meines Privatvermögens ist durch meine Hände gegangen, um das zu lernen, was ich weiß, nicht allein das ganze Vermögen meines Vaters, sondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes literarisches Einkommen seit mehr als fünfzig Jahren. … Es ist nicht genug, dass man Talent habe, es gehört mehr dazu, um gescheit zu werden; man muss auch in großen Verhältnissen leben und Gelegenheit haben, den spielenden Figuren der Zeit in die Karten zu sehen, und selber zu Gewinn und Verlust mitzuspielen".

Goethe vererbte 63.000 Taler

Goethe hatte einen guten Überblick über seine Finanzen. In seinem Testament, dessen Original aus dem Thüringischen Hauptstaatsarchiv in Frankfurt zu sehen ist, beziffert er sein zu vererbendes Vermögen auf 63.000 Taler.

Ausgegeben hat er nach einer Überschlagsrechnung auf Grundlage seiner Haushaltsbücher – im Detail ist das erstaunlicher Weise noch nicht erforscht – etwa 350.000 Taler. Zum Vergleich: Das Jahreseinkommen eines Handwerkers belief sich um 1800 auf etwa 200-400 Taler mit großen Schwankungen. Goethe nahm während seines Lebens etwa 160.000 Taler Autorenhonorar und 120.000 Taler Gehalt als Staatsminister ein.

Die Ausstellung gliedert sich in acht Kapitel, die im Rundgang um einen goldenen Kubus durchschritten werden können. In einem Spiegelkabinett sieht sich der Besucher mit einer zeitgenössischen Karikatur über den Schotten John Law konfrontiert, der Ende des 17. Jahrhunderts im Auftrag des französischen Königs das Papiergeld "erfand", Zettel, deren Wertversprechen durch künftig in den Kolonien zu fördernde Bodenschätze eingelöst werden sollten.

Es ging gründlich schief. Bevor die Finanzwirtschaft richtig in Gang kam, hatte sie schon ihre erste exemplarische Blase erzeugt. Der Zauberlehrling Law stand nicht nur Goethe vor Augen, als ein Jahrhundert später die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in mächtige Bewegung kamen. Es gab schon Erfahrungen mit dem "Neuen", dem auch Goethe deshalb mit einer gewissen Ambivalenz gegenüber stand.

Goethe pflegte ein Netzwerk mit Bankiers

Allerdings wurde er in das Milieu eines Frankfurter Großbürgertums hinein geboren, in dem die besten Voraussetzungen gegeben waren, die Chancen des Umbruchs zu nutzen. Sehr anschaulich wird in Porträts und Briefen das lebenslang wirkende Netzwerk mit Frankfurter Bankiers gezeigt, das Goethe früh begründete. Es half ihm bei der Finanzierung seiner Reisen, bei den Geschäften mit seinen Verlegern aber auch in seinem Weimarer Ministeramt. Geld bewegen, Geld flüssig machen, das konnte er.

Als urheberrechtlich damals völlig ungeschützter Autor – die zahlreichen Raubdrucke des "Werther", eines Bestsellers von dem sein Autor wenig hatte, geben davon ein eindrucksvolles Bild – versuchte er mit neuen Verhandlungsmethoden seine Marktstellung zu verbessern. Das Manuskript von "Hermann und Dorothea" ließ er seinem Verleger von einem Agenten in einem geschlossenen Umschlag anbieten, in dem sich außerdem Goethes Honorarforderung befand.

Der Verleger durfte den Umschlag erst nach Abgabe eines Gebots öffnen. Lag es über dem vom Autor verlangten Honorar, bekam er den Zuschlag zu eben diesem Honorar. Lag das Gebot darunter, kam das Geschäft nicht zustande. Auch ökonomisch wurde Goethe zum Großschriftsteller. Belief sich das Honorar für die erste Cotta'sche Werkausgabe von 1786 noch auf 2000 Taler, kassierte er für die Ausgabe von 1827 dann 60.000 Taler.

Für die Werkausgabe erhielt er 60.000 Taler

So erfolgreich Goethe in seinen persönlichen literarischen Unternehmungen war, so kümmerlich fällt seine Bilanz als Wirtschafts- und Industriepolitiker in Weimar aus. Weder der Versuch, den Silberbergbau in Ilmenau wieder zu beleben, noch das Projekt einer Porzellan-Produktion, die der Manufaktur in Meißen Konkurrenz machen sollte, führten zum Ziel.

Die Staatsfinanzen des Herzogtums wurden schließlich durch Heiratsverbindung mit dem russischen Zarenhaus saniert. Damals war irgendwann noch Schluss mit der Ökonomie. Sie war noch nicht die letzte Instanz.

Die Befürchtung, eine Ausstellung über Geld sei für alle diejenigen, die kein unmittelbar sinnliches Verhältnis zu diesem Medium haben, ein zweifelhaftes Vergnügen, erweist sich im Goethehaus als unbegründet. Das Beste an dieser Ausstellung aber ist, dass ihre Aktualität präsent ist, ohne dass sie immerzu behauptet werden muss. Sie zeigt den Anfang unserer Zeit.

Bis 30. Dezember

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Im Olympiastadion steht ein weiteres Sporthighlight bevor: das Champions-League-Finale 2015
Aktualisiert vor 30 MinutenFußball
Finale der Champions League 2015 im Berliner Olympiastadion

Dieses Jahr bekommt Berlin die Fanmeile zum Champions-League-Finale – in zwei Jahren wird das Spiel hier im Olympiastadion stattfinden. Nach München 2012 hat Berlin den Zuschlag für 2015 bekommen. mehr...

Ein saniertes und ein unsaniertes Wohnhaus in der Neuen Bahnhofstraße am 09.04.2013 in Berlin in Friedrichshain. Foto: Jens Kalaene/dpa
13:01Mietspiegel
Berliner Durchschnittsmiete steigt um mehr als sechs Prozent

Der Berliner Mietspiegel ist erneut gestiegen, wenn auch weniger stark als zuvor. Wer möglichst stabile Mieten möchte, sollte aktuell in Wohnungen ziehen, die zwischen 1950 und 1990 errichtet wurden. mehr...


Der vermeintliche Täter Roy B., soll einen Suizidversuch unternommen haben. Ein Rettungsarzt hatte den Mann gerettet. Zuvor hatte das Mädchen Sharlyn die Kripo-Beamten zu der Wohnung geführt
12:14Kidnapper
Mutmaßlicher Entführer von Sharlyn in Psychiatrie eingewiesen

Der vermeintliche Entführer der 8-jährigen Sharlyn ist nun in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert worden. Er hatte am Pfingstmontag das Mädchen von einem Spielplatz zu sich nach Hause gelockt. mehr...


Mit dem Männergefängnis am Heidering leistet sich das klamme Berlin ein neues Gefängnis
12:21Technische Mängel
Verlegung von Gefangenen in JVA Heidering erneut geplatzt

Berlin hat eine Baustelle mehr. Neben den andauernden Problemen am BER, hat nun das neue Männergefängnis am Heidering mit der Technik zu kämpfen. Die geplanten Verlegungen müssen verschoben werden. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
USA Bär spaziert durch Vorort von Los Angeles
London Islamisten töten britischen Soldaten
DW In Norditalien kommt die Erde nicht zur Ruhe
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote