Kino
Hier sitzt sogar die Stasi im Gefängnis
Die DDR, wie man sie erwartet: Toke Constantin Hebbelns Republikflucht-Drama "Wir wollten aufs Meer" kommt vor lauter Authentizitätsbeweisen nicht zum Erzählen.
Den Unterschied zwischen Zeigen und Erzählen im Kino kann man sehen. Zum Beispiel so: Da sitzt gleich zu Beginn von Toke Constantin Hebbelns Stasi-Melodram "Wir wollten aufs Meer" ein junger Mann in einem Treppenhaus. Er ist smart, er ist blond, er ist Alexander Fehling. Draußen regnet's, draußen ist es dunkel. Wir befinden uns, das wissen wir seit dem Vorspann, in Dunkeldeutschland, in Rostock, Mitte der Achtziger. Die Mauer steht seit zwei Jahrzehnten dick und grau. Die Republik, die sie angeblich schützen soll, stirbt vor sich hin. Das weiß sie aber nicht.
Der Mann auf der Treppe jedenfalls ist eigentlich einer von den Guten. Er hat ja Tränen in den Augen. Er will, das zeigen die Tränen, nämlich gar nicht tun, was er gleicht tut, um seinem Traum vom Meer näherzukommen. Conny, der Werftarbeiter, der so gern zur See fahren möchte, geht hin zu seinem Freund Matze, dem republikmüden Brigadier, und er horcht ihn aus für die Stasi. Dem Letzten, der das nicht schon gleich auf der Treppe zumindest geahnt hat, zeigt es Conny zur Sicherheit noch mal, während Matze (Ronald Zehrfeld, der Arzt von Christian Petzolds Stasi-Drama "Barbara") mal kurz rausmuss. Er ruckelt an seiner Jacke. Da steckt ein Aufnahmegerät drin. Und Matze, der Vorsichtige, der Gewiefte, der Aufrechte, merkt natürlich nichts und erzählt. Alles. Einfach so. Alles über seine geplante Republikflucht.
Eine gefährliche Neigung zum Geheimnislosen
So geht das in diesem Film. So geht das immer. "Faktisch wasserdicht" hatte er werden sollen, der erste Langfilm des 1978 in Itzehoe geborenen Studentenoscar-Gewinners von 2006 (für "NimmerMeer"). Das hat leider bis zur Planübererfüllung funktioniert. So dicht geworden ist "Wir wollten aufs Meer", dass er eine gefährliche Neigung zum Geheimnislosen, zum Übererzählen, zum prompten Einlösen des gerade eben noch bloß Erwarteten hat.
Gnadenlos und untersubtil leuchtet er die in schlichtes Schwarz-Weiß gehaltenen Charaktere und Kontraste seiner Ausschnittsvergrößerung der DDR aus. Und vor lauter Vorführen und Authentizitätsbeweisen kommt er gar nicht ins Erzählen, bleibt bei der Behauptung von Psychologie hängen, im Abfotografieren seiner Figuren, denen keinerlei Entwicklung zugestanden wird, die sich – wie zum Beweis der Gefängnishaftigkeit der DDR – psychologisch kein Jota von der Stelle rühren, erstickt im engen Korsett einer genauso überinstrumentalisierten wie berechenbaren Dramaturgie.
Es ist eine Kain-und-Abel-Geschichte, die Hebbeln in Szenen stellt. Die Geschichte von Conny und Andy. Zwei Jungs, zwei Waisen, die auf große Fahrt gehen wollen, vom einzigen Ort der DDR aus, von dem das geht, vom Rostocker Hafen aus, dem "Tor zur Welt". Weil sie aber jung sind und bindungslos, lässt die DDR sie nicht an Bord. Und als sich gar nichts mehr bewegt, kommt die Stasi mit einem unmoralischen Angebot: Spitzeln für den Seegang. Andy, der Schmierige, der Anschmiegsame, Biegsame, der geborene Handlanger will's tun (und damit wir gleich wissen, dass Andy der Böse ist, muss August Diehl fast den ganzen Film gegen einen schrecklichen, in seiner Lächerlichkeit fast schon wieder kultigen falschen Oberlippenbart anspielen, was ihm fabelhaft gelingt).
August Diehls lächerlich-kultiger Bart
Conny hat Zweifel, Conny ist erpressbar, er hat eine vietnamesische Freundin, was die DDR nicht gern sieht. Conny verweigert sich der Stasi, Andy verdingt sich. So ist das Leben in der Diktatur. Andy verrät Matze, Conny ist außer sich. Sie prügeln sich, Andy gerät unters Auto, Conny flieht samt Vietnamesin über die CSSR-Grenze, wird gefasst und landet als Politischer im Gefängnis. Natürlich in dieselbe Zelle wie Matze.
Immer neue, selten wirklich überraschende Volten schlägt das Skript, immer neue Aspekte des DDR-Unterdrückungssystems werden erwähnt und abgehakt: Vietnamesenhass (was als Thema durchaus neu ist in der DDR-Filmgeschichte), Bestechlichkeit, Bonzentum, Brutalität, Erpressung, Zersetzung. So lange geht das, bis der arme Andy, der im Rollstuhl sitzend seine Seele an die Stasi verkauft hat, seine eigene Intrige gegen Conny und Matze nicht mehr überblickt.
In der Zwischenzeit schlägt der Blitz in höchster Präzision immer dann ein, wenn es dramaturgisch opportun ist (man sollte überhaupt ein dreijähriges Gewitterverbot im Kino einführen), und Nick Raines fette Partitur weiß immer alles vorher und noch fetter, wenn es noch finsterer wird. Es fallen Sätze, die man entweder sofort erwartet hätte oder nie wieder in einem Skript lesen wollte ("Die Hoffnung stirbt zuletzt", "Totgesagte leben länger"). Es gibt überraschende Erkenntnisse (dass man unter DDR-Wollzeug eine Frostnacht an einem See in Tschechien überleben kann) und erschütternde Continuity-Fehler (bei Andys Notoperation, gesegnet sei das Stasi-Gesundheitswesen, wird ihm nicht nur vergeblich das Rückgrat gerichtet, er wird auch von sämtlichen Schrammen im Gesicht geheilt).
Der DDR-Alltag wird ausgeblendet
So geht das dauernd. Unter sorgfältiger Ausblendung des realen DDR-Alltags führt Hebbeln Figuren vor, die in Gefängnissen sitzen, in mehr oder weniger selbst gewählten wie Andy und die bösen Stasi-Leute oder in erzwungenen wie Matze, Conny und die guten Politischen. Und wie sie sich verraten, wie Hass entsteht und mit welchen Folgen, wie sie in ihren Gefängnissen überleben, ihre Menschlichkeit riskieren und retten oder preisgeben. Das hatte er wenigstens vor. So hat er sie geschnitzt. So geschnitzt sind sie geblieben.
Wer DDR-Leben unklischiert sehen, wer erfahren will, wie Beziehungen erodieren in einem System, das auf einem Misthaufen von Misstrauen errichtet wurde, wer Menschen sehen will, nicht Rollen, muss (auch um Ronald Zehrfeld auf seinem eigentlichen Niveau spielend zu erleben) zu Petzolds fast parallel entstandener "Barbara" wechseln.
Das Meer mögen wir, aufs Meer wollen wir, weil es so schön unberechenbar ist. Wer deswegen, um sich etwas Unberechenbarem, Unheimlichem auszusetzen, ins Kino geht, der sollte Hebbelns "Meer" meiden und am Ufer bleiben.















