10.09.12

Kino

Wenn Regisseure sich für "ihre" Filme schämen

Im Vorspann von "Goldrausch" steht kein Regisseur. Natürlich gibt es einen, aber er hat seinen Namen zurück gezogen, denn der Produzent mischte sich zu sehr ein. Kein Einzelfall.

Foto: Andreas Schloesel

Vor 20 Jahren: Den Kampf der Ostdeutschen mit der Treuhand um ihre Arbeitsplätze zeigt die Dokumentation „Goldrausch“
Vor 20 Jahren: Den Kampf der Ostdeutschen mit der Treuhand um ihre Arbeitsplätze zeigt die Dokumentation "Goldrausch"

Die ganz großen, ganz eitlen Regisseure schreiben ihren Namen über den Titel: "Ein Film von…". Ganze Anwaltskanzleien sind in Hollywood damit beschäftigt, mit dem Studio auszuhandeln, an welcher Stelle der Regisseursname steht, vor dem Filmtitel, darüber oder darunter, vor dem Starnamen oder danach, in welcher Schriftgröße, in Schwarz oder Rot. Doch bei "Goldrausch", der Dokumentation über die Treuhandanstalt, die nun im Kino läuft, ist alles anders: Es gibt gar keinen Regisseur. Scheinbar.

Natürlich gibt es ihn. Ohne Dirk Laabs gäbe es den Film nicht. Er wird nur nirgends erwähnt, weder im Vor-, noch im Nachspann. Man hört seine Stimme, wenn er den Ex-Treuhand-Managern Fragen stellt, und man kann das Buch "Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand" (Pantheon, München. 16,99 €, 384 S.) kaufen, wo sein Name auf dem Titel prangt. Nur dass dies sein Film ist, bleibt uns verborgen. Aber ist es noch sein Film?

Ist dieser Film noch der des Regisseurs?

Zu Beginn von "Goldrausch" fährt Klaus Klamroth auf der Autobahn von Heidelberg nach Halle, von West nach Ost, wie der Manager es auch vor 22 Jahren tat, als er die Regionalstelle der Treuhand übernahm, um Hunderte von Betrieben im Bezirk Halle zu privatisieren oder ins marktwirtschaftliche Grab zu stoßen. Der Film, den Dirk Laabs gemacht hat, drehte sich um eine andere Figur: um Detlef Scheunert, den einzigen Treuhand-Direktor, der aus der DDR stammte und die Sache mit der Illusion anpackte, es gehe um die Menschen und ihre Arbeitsplätze.

Die Wahl der Person, aus deren Perspektive erzählt wird, ist bei jeder Geschichte die erste und größte Entscheidung – noch viel mehr, wenn der eine ein Wessi und der andere ein Ossi ist. Klamroth war der gestandene West-Manager, der im "Beitrittsgebiet" eine neue berufliche Herausforderung suchte, aber eigentlich nur sein bewährtes berufliches Rüstzeug anzuwenden brauchte. Scheunert kam aus der Planwirtschaft und besaß keine Ahnung von BWL, als er zum Assistenten des Treuhand-Chefs ernannt wurde. Sein Konflikt musste ihn zerreißen, und das hat er spätestens gemerkt, als er einmal einer Delegation aus einem Betrieb gegenüberstand, den die Treuhand schließen wollte, und als er in dieser Delegation einen alten Schulfreund entdeckte.

Dieser Job musste den Ossi zerreißen

Scheunert ist also die interessantere, weil gespaltene Figur. Als Laabs im vorigen Sommer den fertig geschnittenen Film an seinen Produzenten Thomas Kufus und die anderen Geldgeber (SWR, MDR, NDR) zur Abnahme schickte, stand Scheunert im Mittelpunkt. Doch Kufus und den Sendern gefiel die erste Viertelstunde nicht, zu viel trockene Information über die Treuhand, bemängelten sie, zu viel Scheunert-Lebenslauf. Sie beauftragten den Cutter Andrew Bird (den ständigen Schnittmeister Fatih Akins) mit einer neuen Fassung – und brachen damit einen Streit mit Laabs vom Zaun, der das alleinige Recht am Schnitt beanspruchte. Am Ende, nach diversen von Laabs und Bird geschnittenen Fassungen, gab es eine erneute Senderabnahme, die zu Gunsten von Kufus ausging. Laabs zog seinen Namen zurück, und die Parteien verkehren seitdem nur noch per Anwalt.

Man könnte, in Anlehnung an den großen Treuhand-Vorgang, von einer Verdoppelung von Geschichte sprechen. So wie den DDR-Bürgern ihr Volkseigentum durch die Privatisierung genommen wurde, kam nun dem Autor des Treuhand-Films sein Werk durch den Produzenten abhanden. Doch die Konfliktlinien verlaufen feiner. Zum einen ist dies kein Ost/West-Konflikt. Sowohl Laabs (der investigative Journalist aus Hamburg) wie auch Kufus (der Filmemacher und Produzent aus Essen) stammen aus dem Westen. Die Frage ist, was die Schwerpunktverlagerung von Scheunert auf Klamroth bewirkt.

Kufus begründet sie mit der Notwendigkeit, das heutige Publikum – Hand aufs Herz: Wer von den Unter-Vierzigjährigen weiß noch so recht, was die Treuhand eigentlich getan hat? –langsam in das Thema einzuführen, so wie sich der Wessi Klamroth in die Ost-Gegebenheiten einarbeiten musste. Laabs sieht andere Motive am Werk. Der Markt für diesen Film liege nicht in West-Deutschland, wo sich kein Mensch mehr für die Treuhand interessiere, sondern in der früheren DDR, wo "Treuhand" weiterhin ein Reizwort sei. Für dieses Publikum solle "Goldrausch" offenbar eine Reizfigur bieten, ein westdeutsches Feindbild, und diese Rolle müsse Klamroth spielen. Auch Laabs ist kritisch an das Kapitel "Treuhand" heran gegangen, und man kann nach seinem Film kaum mehr von einem "Beitritt" der DDR zur Bundesrepublik reden, sondern muss ihn als "feindliche Übernahme" erkennen – aber Laabs' Protagonist Scheunert steht für eine äußerst differenzierte Betrachtungsweise, die nicht einfach das Selbstmitleid der Geschluckten bedient.

Kein "Beitritt". Es war eine "feindliche Übernahme"

Zwischen diesen Positionen gab es offenbar keinen Kompromiss – zumal Deutschland auch kein Schiedsgerichtsverfahren kennt wie es die amerikanischen Regisseursgilde vorschreibt. In Amerika war es dreißig Jahre lang üblich, einen gewissen "Alan Smithee" in den Vorspann zu setzen, wenn sich Regisseur und Produzent nicht einigen konnten. Der Mann, den es nie gab, brachte es bis zur Jahrhundertwende auf über fünfzig Filme; renommierte Regisseure wie Don Siegel, John Frankenheimer oder Dennis Hopper verbargen sich jeweils bei verschlimmbesserten Filmen hinter dem Pseudonym.

Aber als 1998 sogar ein Film von dem Phänomen handelte ("An Alan Smithee Film: Burn Hollywood Burn"), in dem der Ex-Python Eric Idle Mr. Smithee verkörperte, schickte die Akademie Smithee in den Ruhestand; schließlich sollte er nicht Aufmerksamkeit erregen, sondern Streitigkeiten zudecken. Als Walter Hill mit der Verunstaltung seines Films "Supernova" unzufrieden war, vergab die Akademie den neuen Decknamen "Thomas Lee".

Alan Smithee hat trotzdem überlebt, in Filmen außerhalb der Jurisdiktion der US-Akademie. Als die ARD vor fünf Jahren die Eigenproduktion "Paparazzo" sendete, standen weder die ursprüngliche Regisseuren Connie Walter ("Schattenwelt"), noch ihr Ersatz Stephan Wagner ("Tatort", "Bella Block") im Abspann – sondern Alan Smithee. Zur gleichen Zeit kam der Kinderfilm "Stella und der Stern des Orients" in die deutschen Kinos, inszeniert von einer gewissen Erna Schmidt, die in Filmkreisen kein Mensch kannte, kein Wunder, handelte es sich doch in Wirklichkeit um Almut Getto ("Fickende Fische"). "Der große Kater", großes Kino mit Bruno Ganz, Ulrich Tukur und Christiane Paul, hatte bei der Uraufführung überhaupt keinen Regisseur, denn der – Wolfgang Panzer – und seine Produzenten hatten sich heillos zerstritten.

Einen deutschen Alan Smithee gibt es nicht, aber wir sollten Erna Schmidt dazu aufbauen. Beschäftigung für sie gäbe es genug. Laut einer Schätzung des Bundesverbands Regie gibt es bei den neunzigminütigen TV-Movies pro Jahr bis zu zehn Fälle – und im Bereich der Seifenopern sei das sowieso üblich, wenn renommierte Regisseure gern das Honorar für eine Folge mitnehmen, aber nicht mit ihrem guten Namen gerade stehen möchten.

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