10.09.12

"True Crime"-Industrie

Krimi-Autor Schirach und der Trend zum Zweitmord

Ferdinand von Schirachs Bücher über wahre Verbrechen wurden Millionenseller. Seitdem ahmen zahlreiche Epigonen das Erfolgsmuster nach. So entstand eine ganze "True Crime"-Industrie

Foto: dpa

Hinter jedem Gartenzwerg kann ein Axtmörder lauern: Spurensicherung nach einem Leichenfund in einem Eisenacher Kleingarten
Hinter jedem Gartenzwerg kann ein Axtmörder lauern: Spurensicherung nach einem Leichenfund in einem Eisenacher Kleingarten

"Ich habe Ingrid kleingemacht. Kommen Sie sofort." Mit diesen Worten zeigte sich 2009 ein pensionierter Arzt bei der Polizei von Rottweil an. Es war der Höhepunkt von "Fähner", der ersten Geschichte Ferdinand von Schirachs. Die wahren Fälle des Berliner Rechtsanwalts wurden danach in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Im Februar 2012 meldete sein Verlag Piper, dass sich "Verbrechen", "Schuld" und "Der Fall Collini" über eine Millionen Mal verkauft haben.

"True Crime" im Wochentakt

Dieser Megaerfolg ist nicht nur literarisch begründet. Schirach erzählt aus einem verborgenen Berufsalltag. Was Anwalt und Mandat besprechen unterliegt im wahren Leben der Schweigepflicht. Die Pointe eines Verbrechens wird im Prozess selten erzählt. Zu oft würde sie das Urteil revidieren. In den Gerichtsgeschichten, die inzwischen massenhaft im Schlepptau der Schirach-Bücher erscheinen, wird das Verbrechen um diese unerzählte Pointe verlängert. "So ist es wirklich", denken wir, längst darauf trainiert, hinter jeder Nachricht eine verborgene Wahrheit zu vermuten.

Im Wochentakt erscheinen in deutschen Verlagen bereits seit zweieinhalb Jahren "die härtesten", "die spektakulärsten" und "die aufsehenerregendsten" Fälle von Rechtsanwälten, Richtern, Kriminalhauptkommissaren. Hier darf der Mörder genannt werden, hier ist er Mensch. Die Autoren wähnen sich im Besitz herrschaftlichen Wissens. "Ich arbeite direkt an der Front und habe viele Facetten und Abgründe menschlicher Verhaltensweisen kennengelernt", brüstet sich der Polizist Toni Fehler ("Das Gesicht des Todes"). Seine "authentischen Mordfälle" werden bereits in der 4. Auflage ausgeliefert.

Geht eine Idee auf, wird sie vom Buchmarkt kopiert. Der deutsche Buchmarkt hat eine neue Cash Cow entdeckt, die so genannte "True Crime Fiction". Es sind Geschichten, die auf wahren Verbrechen beruhen. Denn "die Wirklichkeit ist packender als jeder Krimi". So warb der Heyne Verlag bereits 2011 für "Abgründe – Wenn aus Menschen Mörder werden", vom "legendären Mordermittler" Josef Wilfing.

Sogar die fünfzehnte Kopie hat noch Erfolg

"Üblicherweise hat das zweite Me-too-Buch noch Erfolg, das dritte etwas weniger, das vierte floppt", sagt Margit Ketterle, verantwortliche Lektorin der Sachbuchabteilung von Knaur, "bei True Crime beobachten wir aber, dass sich sogar das vierzehnte und das fünfzehnte ähnlich gelagert Buch weiterhin verkauft."

Zwei Neuerscheinungen dieses Herbstes kupfern nun auf besondere Weise bei Schirach ab. Sie stehen beispielhaft für eine verlegerische und literarische Strategie, die ins Absurde gedreht wurde: "Am Dienstag habe ich meinen Vater zersägt", von der Gerichtsreporterin Uta Eisenhardt, und "Mord – Geschichten aus der Wirklichkeit" des forensische Psychiaters Hans-Ludwig Kröber.

Die gleichen Cover-Farben wie bei Schirach

Eisenhardt schrieb bei stern.de die Kolumne "Icke muss vor Gericht". Daraus extrahierte sie bereits 2011 ihr Buch "Es juckt so fürchterlich, Herr Richter – die skurrilsten und schrillsten Fälle aus dem Gerichtsalltag". Nun folgen "die härtesten Fälle einer Gerichtsreporterin", die bereits im Titel an Schirachs "Ich habe Ingrid kleingemacht" erinnern. Der Buchhändler soll schließlich wissen, auf welchen Genretisch "Am Dienstag habe ich meinen Vater zersägt" gelegt werden muss.

Die Coverfarben sind Rot, Schwarz, Lichtgrau, Weiß, passend zu Schirachs "Schuld"-Cover. Die Farbwahl ist die gleiche wie "Mördermann" von Strafverteidiger Uwe Krechel aus dem Bücherfrühjahr, das vom Heyne-Verlag damals mit den Worten "für Leser von Josef Wilfing und Ferdinand von Schirach" angekündigt wurde. Krechel in seinem Buch: "Ich bin der letzte Anker, der Libero, der mit gestrecktem Bein vielleicht den falschen Pass verhindert, der den Mandanten in die Zelle führt."

Schirach will sich sich nicht äußern

Es beschleicht einen die Frage, ob man den 18,50 Euro teuren Schirach austauschen kann gegen die 8,99-Euro-Taschenbücher von Uta Eisenhardt, Toni Feller, Robert Glinski und weiteren Vertretern des Genres. Bei anderen Konsumartikeln wägt man doch auch ab: Muss der Joghurt zwangsläufig von Bauer, das Sportdress von Nike, die Uhr von Glashütte sein?

Denn gerade bei Uta Eisenhardt bekommt man besonders viel Schirach fürs Geld. Ihre Geschichte "Therapie mit Todesfolge" erzählt einen Fall nach, in dem Schirach ab 2009 als Rechtsanwalt wirkte. Ein Berliner Allgemeinarzt und Psychotherapeut hat damals aus Versehen zwölf seiner Patienten mit einer Bewusstsein erweiternden Droge vergiftet. Über diese Sache wurde in allen Medien berichtet, sie könnte als toderzählt gelten. Doch Uta Eisenhardt gelingt ein postmoderne Kunststück. Auf Stilebene kopiert sie den Autor Schirach, auf Inhaltsebene literarisiert sie den Rechtsanwalt Schirach.

Ihr Hinweis, "Parallelen zu lebenden Personen sind selbstverständlich nicht beabsichtigt", ist nichts anderes als ein Gag. Ferdinand von Schirach schreibt, auf "Therapie mit Todesfolge" angesprochen: "Verzeihen Sie bitte, aber ich mag mich nicht dazu äußern. Man sollte solche Dinge gelassen nehmen, das scheint mir die vernünftige Haltung."

"Ich erkenne den Sinne erfundener Krimis nicht"

Dass Eisenhardts Story "Eine stumme Bitte" sehr stark an Schirachs Geschichte "Das Cello" erinnert, muss man vermutlich ebenfalls "gelassen nehmen". Vielleicht ist alles sogar ganz kühl erklärbar. "Krimis sind das strukturkonservativste Genre das es gibt, vor allem deshalb, weil es stets um die Wiederherstellung gestörter, zumeist bürgerlicher Ordnungen am Ende geht", sagt Andreas Blödorn, Krimispezialist und Germanistikprofessor an der Universität Münster. Nach seiner Beobachtung liegen "Realitätsnähe und Epigonalität in Bezug auf etablierte Genremuster strukturell zu den Erfolgsrezepten guter Krimis." Laut Blödorn haben Me-Too-Krimis Tradition: "Das war schon bei Doyle, Christie und Wallace so." Außerdem kann sein, dass die deutschen True-Crime-Produzenten lediglich Krimi-Edelfeder David Peace ("Tokio, besetzte Stadt") nacheifern, der Anfang 2010 von seinen Autorenkollegen die konsequente Hinwendung zur Realität gefordert hat: "Im richtigen Leben passieren so viele Dinge, die wir nicht verstehen oder ergründen können. Ich erkenne den Sinn erfundener Krimis nicht. "

Alle Genremuster werden bedient

Somit bewegt sich der renommierte forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber mit seinen "Geschichten aus der Wirklichkeit" im geforderten Soll. Auch bei ihm erinnert das Cover an Ferdinand von Schirach und ist ebenso wie "Verbrechen" in Rot-Weiß-Schwarz gehalten. Der Aufbau seiner Mordfälle baut Schirach-Plots nach. Sogar ein Anfangszitat hat Kröber gewählt, das dräuend auf die folgenden Schrecken hinweisen soll. Es ist ein Satz aus Dostojewskis "Verbrechen und Strafe", auch bekannt als "Schuld und Sühne", womit man die ersten beiden Schirachbücher sogleich mitgenannt hätte. "Wichtiger als Moden ist bei Krimis, dass sie bestimmte, eingeführte Genremuster bedienen, etwa des Rätselromans, des hardboiled-Stils oder des Soziokrimis der Siebziger und Achtziger", sagt Andreas Blödorn.

Abschließend kann also festgestellt werden: Die lang andauernde True-Crime-Welle ist nicht weniger als die perfekte Melange aller genannten Krimigenres. Die Werke sind rau wie ein hardboiled-Stück, beleuchten geradezu rührend verschiedenen Milieus und als intertextuelles Rätsel steckt in nahezu jedem Buch die Frage: "Wie viel Schirach darf es heute sein?"

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