Filmfest Venedig
Blutiges Gemetzel von Brian De Palma zum Finale
Die Filmfestspiele im italienischen Venedig neigen sich dem Ende. Neben Brian De Palma wollte auch Altmeister Robert Redford noch einmal zeigen, was in ihm steckt. Das muss nicht jedem gefallen.
Es war kein gutes Jahr für Frauen. Auf dem 69. Filmfestival von Venedig waren die Frauenfiguren entweder neurotisch oder fundamentalistisch, manchmal auch beides zugleich, sie hatten sich dem Patriarchat ohne Murren zu unterwerfen oder mussten gar einer Jüngeren weichen. Zwei amerikanische Beiträge ließen zum Ende noch ein anderes Bild erhoffen, doch auch sie verstärkten letztlich nur den Eindruck: Auf Frauen sollte man besser aufpassen.
Brian De Palmas Erotikthriller "Passion", mit dem gestern der Wettbewerb am Lido schloss, ist zumindest ein Film voller starker Frauen. Und starker Obsessionen. Wenn ein Hollywoodregisseur das Remake eines europäischen Films dreht, dann wird dieser gewöhnlich in die Staaten verlegt und vollständig amerikanisiert. Nicht so in diesem Fall: Die Vorlage, "Crime d'amour" von Alain Corneau, ist gerade mal zwei Jahre alt. "Passion" wurde, das ist besonders absurd, vom selben Produzenten finanziert, als französisch-deutsche Koproduktion, und in Berlin gedreht. Von der deutschen Hauptstadt sieht man indes nicht allzu viel, überwiegend spielt das Drama zwischen Bett und Büro und könnte so überall ablaufen.
Passion: blonde Femmes Fatales
Die Passion von De Palma sind blonde Femmes Fatales. Diesmal ist Rachel McAdams das blonde Gift, das im Chefsessel nicht nur das Talent ihrer Mitarbeiter schamlos ausbeutet, sondern mit ihnen auch auf andere Art spielt. Und Noomi Rapace ist die verhuschte Dunkelhaarige, die darunter zu leiden hat und doch an den erotischen Verlockungen Gefallen findet. Liebesgeschirr, sexuelle Vorlieben, auch lesbische Annäherungen werden hier weit expliziter ausgestellt als im französischen Original.
De Palma zitiert dabei nicht nur ungeniert "Basic Instinct" und sein ewiges Vorbild Hitchcock, sondern gleich noch sich selbst, wenn er wie in "Carrie – Des Satans jüngste Tochter" bei der Schlüsselszene mit Splitscreen arbeitet: Im linken Bild sehen wir ein Ballett im Theater, im rechten gleichzeitig, wie die Chefin massakriert wird. Von da an kippen die Bilder, ist nichts mehr, wie es scheint.
Aber ach, das alles wirkt so künstlich und konstruiert, als käme es aus dem Reagenzglas. Die Metaphern wirken aufdringlich, die Schauspieler (unter ihnen auch Dominic Raacke und Benjamin Sadler) agieren steif und unmotiviert. Am Ende sorgte De Palma für enttäuschte Buhrufe am Lido. Aber immerhin: Karoline Herfurth hat hier einen wirklich großartigen Auftritt. Und Berlin sah noch nie so sauber aus.
Neuer Film von Robert Redford
Mit zwei amerikanischen Ikonen geht das 69. Filmfestival von Venedig zu Ende, zwei Namen, die noch einmal Glamour und Stars bieten, aber auch für ein bisschen Wehmut sorgen, weil man bei den Altmeistern vor allem eines sieht: dass sie eben alt geworden sind. Das gilt nicht nur für den 71-jährigen De Palma, sondern auch für seinen 76-jährigen Kollegen Robert Redford. Der stellte seinen inzwischen neunten Regie-Film "The Company You Keep" vor. Und der zeigt ihn noch einmal in seiner Paraderolle: als Inbegriff des guten Amerikaners, der für die Bürgerrechte und wahren Werte kämpft, aber diesmal unter Verdacht gerät, vor 30 Jahren einer terroristischen Zelle angehört zu haben.
Hollywoods ewigem Novizen Shia LaBeouf kommt die Rolle zu, die Redford vor drei Dekaden noch selbst verkörpert hätte: die des investigativen Reporters, der die Sache aufdeckt. Denn am Ende sind auch bei dem großen Frauenversteher Redford letztlich die Frauen schuld. Er selbst aber gilt erst mal als Staatsfeind Nr. 1. Und wie er ständig fliehen, rennen und springen muss, macht man sich wirklich Sorgen um die physische Verfassung des Stars.
Redford ist schlicht zehn, zwanzig Jahre zu alt für den Part und hätte besser daran getan, bloß im Regiestuhl zu sitzen. Doch er setzt auch sonst auf eine Garde verdienter Veteranen wie Susan Sarandon, Julie Christie und Nick Nolte. Und es ist fast schon rührend, dass Redford hier nicht nur den Glauben an das gute Amerika mit seinen eigenen Knochen verteidigt, sondern vor allem ein Erzählkino, für das er wie wenige steht.
Wenn am Abend die Löwen verliehen werden, dürfte De Palma leer ausgehen, Redfords Werk lief gleich außer Konkurrenz. Beiden wurde noch einmal auf dem Roten Teppich gehuldigt, aber beide haben auch demonstriert, dass sie nicht mehr so ganz auf der Höhe ihrer Zeit sind. Das stimmt ein wenig traurig gerade zum Ausklang eines Festivals, das sich doch jüngeren Filmemachern öffnen wollte.















