02.09.12

London

BBC sagt George Orwell den Kampf an

George Orwell war ein weltbekannter Schriftsteller und ein mächtiger Streiter gegen die Unfreiheit. Der BBC ist er nun allerdings "zu links". Seine Büste darf nicht im Rundfunkhaus aufgestellt werden.

Foto: picture-alliance / United Archiv

George Orwell (1903 bis 1950) ist einer der bedeutendsten politischen Schriftstellern der westlichen Welt.

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George Orwell – wie tief er der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London 2012 zugestimmt hätte! Danny Boyle, der Regisseur des Spektakels, zeigte ein England ohne Make-up – die ausbeutungsverdächtige Industrialisierung, den Kampf um die Frauenrechte, aber auch die allmähliche Demokratisierung, gipfelnd in einem Lobgesang auf den Nationalen Gesundheitsdienst, den die Labour-Nachkriegsregierung durchgesetzt hatte. Eine Hymne auf die graduelle Humanisierung der Gesellschaft.

Das hätte den Autor von "The Road to Wigan Pier" und anderen gesellschaftskritischen Büchern aus seiner Vorkriegsperiode durchaus in seiner Sensibilität gegenüber den sozialen Problemen bestätigt. Die gilt heute als conditio sine qua non, will man als Partei die nächste Unterhauswahl gewinnen.

Mit "1984" errang er Weltruhm

Die britische Zeitgeschichte scheint überhaupt auf Orwell zuzulaufen, mit seiner dezidiert "linken" Haltung in Fragen der Menschenrechte. "Links", das hieß damals: entschieden demokratisch, von Orwell mit seinem Einsatz im spanischen Bürgerkrieg demonstriert, noch stärker dann in seiner Abrechnung mit dem Marxismus und den roten Brigaden ("Mein Katalonien", 1938).

Ausgerechnet diesem Mann, einem Magier der präzisen Gesellschaftsanalyse, lange ehe er mit seinen anti-totalitären Romanen "Animal Farm" und "1984" Weltruhm errang, will der scheidende Generaldirektor der British Broadcasting Corporation, Mark Thompson, eine Statue vor der neuen BBC-Zentrale nahe dem Oxford Circus verweigern.

BBC-Direktor hält Ehrung für untragbar

Als "viel zu links" für die BBC kanzelte Thompson eine solche Orwell-Ehrung ab, im Gespräch mit Labour-Baronin Joan Bakewell, die sie ihm vorgeschlagen hatte. 60.000 Pfund hat der George Orwell Memorial Trust bereits für die Statue aufgebracht, mit welcher der Bildhauer Martin Jennings beauftragt wurde. Jetzt muss sie einen Platz außerhalb vom Broadcasting House finden.

Thompson baut mit seiner Ablehnung eine Apologie auf, denn "links" – dessen verdächtigen Kritiker die BBC selber seit Jahren, werfen ihr beständiges Mäkeln über die Regierung vor, zumal bei deren hart durchgreifenden Sozialreformen oder bei militärischen Einsätzen in Übersee.

Das "Tantchen BBC" fürchtet sich vor seinem Image

Schon Margaret Thatcher sah Grund, sich über "die linke BBC" zu ereifern, der sie einst unpatriotische Kritik am Falkland-Konflikt nachsagen ließ. Will der Generaldirektor den Ruf von "Auntie", von Tantchen, wie man die BBC gerne kosend nennt, jetzt korrigieren, indem er sich dem "linken" Orwell verweigert?

Da hilft nur ein Blick in die Beziehungen zwischen dem berühmten Autor und dem britischen Staatsrundfunk. Zwei Jahre lang, zwischen Herbst 1941 und Herbst 1943, arbeitete Orwell selber in der BBC, für deren Eastern Services, die nach Indien und Burma ausgestrahlt wurden. Diese Zuweisung lag bei einem Autor nahe, der, in Indien geboren, sechs Jahre lang in der Indian Imperial Police in Burma gedient hatte und sich bestens in der Mentalität des indischen Subkontinents auskannte.

Orwell war ein freiheitlich gesonnener Sozialist

Der Direktor der Eastern Services machte in einem Bericht über das Einstellungsgespräch mit Orwell im Juni 1941 keinen Hehl daraus, dass der Kandidat "starke linke Meinungen" vertrat. Orwell erschien seinem Befrager "schüchtern", jedoch "äußerst offen und ehrlich" in dem, was er vortrug. Doch akzeptiere er "die Notwendigkeit von Regierungspropaganda", denn im Kriege sei "Disziplin in der Vollstreckung amtlicher Politik wesentlich". Seine linke Grundeinstellung ließ Orwell sich dennoch nie abhandeln.

In einem Schreiben vom 15. Oktober 1942 beschrieb er sich ausdrücklich als "von der Regierung unabhängigen Kommentator" und bestand auf "angemessener Freiheit der Rede"; seine Beiträge seien eher von einem "anti-faschistischen als von einem imperialistischen Standpunkt" verfasst. Ohnehin hätten die Kommentare der Eastern Services "immer eine Linie verfolgt, die eine impliziert 'linke' ist, mit kaum einem Inhalt, den ich nicht mit meinem eigenen Namen hätte unterschreiben können". Die Vorgesetzten widersprachen nicht.

"Animal Farm" als Antwort auf den Totalitarismus

Seinen Abschied im Oktober 1943 nahm Orwell nicht, weil er sich in seiner Freiheit eingeengt fühlte, sondern weil er nach zwei Jahren Radioarbeit nicht davon überzeugt war, dass die Sendungen irgendeine Wirkung bei seinen indischen Hörern hatten.

Im Übrigen beschäftigte ihn sein neuer Roman, "Animal Farm". Der "demokratische" hatte längst den "sozialistischen" frühen Orwell überwunden, er trug das Epitheton "links" mit Stolz, zum Ausweis der Gegnerschaft zu jeder autoritären oder gar totalitären Herrschaft.

Wenn Mark Thompson heute Orwell als "zu links" abqualifiziert, verrät er nicht nur einen Mann, der zwei lange Kriegsjahre lang für King and Country an anti-faschistischer, demokratischer Front kämpfte. Er verrät auch die Grundlage der BBC selber, die doch weder "links" noch "rechts" steht, sondern allein auf dem Boden der konstitutionellen Demokratie, verschworen dem Rule of Law. Hier ist eine Geistesverwirrung am Werk, die dies nicht mehr erkennt.

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