02.09.12

Talkshow Leichter denken mit Richard David Precht

Foto: Paul Zinken / dapd

Von Marc Reichwein

Gerührt, nicht geschüttelt: Richard David Precht startet seine philosophische Talkshow im ZDF. Mit seinem ersten Gast, dem Hirnforscher Gerald Hüther, debattiert er einen Skandal: die Schule.

Das Setting der Sendung hat eigentlich vieles richtig gemacht. Schluss mit der Holzverkleidungs-Ästhetik, den gedeckten Farben und der Wohnzimmer-Gemütlichkeit von Anne Will bis Sandra Maischberger. Stattdessen ein karges, ziemlich dunkles Studio. Blau mäandernde Leuchtkreise im Hintergrund erzeugen fast ein Retro-Disco-Feeling.

Sein Name ist also Precht. Richard David Precht. Er liebt die Philosophie. Aber nicht hart geschüttelt, sondern weichgerührt fürs breite Publikum. Wie Hochgeistiges zum Softdrink wird, das kann man jetzt im ZDF nachvollziehen. Dort läuft die Premiere des neuen Philosophietalks von und mit Precht. Das Thema der vorab aufgezeichneten Sendung: "Skandal Schule – Macht Lernen dumm?"

Als Gesprächspartner eingeladen ist der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther. Aber bis zum Schluss der Sendung wird nicht klar, warum eigentlich, denn er kommt fast weniger zu Wort als Precht selbst.

Bildung ist mehr als "Bulimielernen"

Es ist nicht so, dass in den 45 Minuten nichts rumkommt. Vielleicht liegt es am Thema. Bildung – da gerät man immer so schnell in die Phrasenfalle. Denn tatsächlich: Zahlreiche bekannte Aspekte der Bildungskrise werden benannt: Fächerfülle, zuviel Spezialwissen. Bildung ist mehr als "Bulimielernen", bei dem man möglichst viel Stoff zu sich nehmen soll, um ihn zu Klausuren oder Prüfungen wieder auszuspeien.

Schon Wilhelm von Humboldt wusste das alles. Die Reformpädagogik auch. Warum wissen wir seit rund zweihundert Jahren, was gute Bildung ist – und schaffen es doch nicht, sie zu installieren, will Precht wissen.

Weil das System aus Kultusbürokratie und Bildungsföderalismus sich nicht mehr aus sich selbst heraus reformieren kann, sagt Hüther – und wird deutlicher: Wenn du den Sumpf austrocknen willst, darfst du nicht die Frösche fragen. Die Metaphern stauen sich noch öfter.

Die Diskutanten reden wie Coaches

Da erklingen Weisheiten wie: Kinder sind keine Fässer, die man mit Wissen abfüllt. Oder: Das Bildungssystem ist keine Plantage, in der ein Obstgärtner alles auf gleich trimmen kann. So reden Coaches, und nicht zufällig arbeiten Precht und Hüther beide als solche.

Moderne Coaches wissen auch um die Macht des Storytellings, und so taucht irgendwann auch das Tiermärchen mit der Ente auf, die nicht rennen aber gut schwimmen kann, aber weil alle Tiere auch rennen können sollen, irgendwann das Schwimmen verlernt. Eine Fabel auf zuviel Gleichmacherei, zu wenig Individualismus, mit der heute schon Kitas werben, die es besser machen wollen.

Prechts Hinweis, dass wir uns in Bezug auf unsere Schulzeit besser an unseren ersten Pausenhofkuss erinnern als an das Ohm'sche Gesetz, ist eine schöne Veranschaulichung von Hüthers These, wonach bloßes Wissen, zu dem wir keine emotionale Beziehung aufbauen, in unserem Gehirn nichts auslöst.

Precht kennt Hüthers Argumente: So wird man den Eindruck nicht los, dass die O-Töne des Hirnforschers nur Erkenntnisse liefern, die Precht schon vor der Sendung hatte. Denken Sie an ein Wort wie Neugier, sagt der Gast zum Gastgeber, irgendwann zur Halbzeit, und man hofft, dass die Neugier des Gastgebers noch kommt.

Precht verweigert die Rolle des Fragestellers

Doch als Journalist oder Moderator tritt Precht nicht an, er verweigert die Rolle des bloßen Fragenstellers. Vielleicht wäre aber genau das die Voraussetzung für mehr Erkenntnisgewinn gewesen. Abstrakt hätte sich die Sendung tiefer auf Begriffe einlassen dürfen. Precht könnte mehr von der Körperfeindlichkeit der Aufklärung und Hüther von Neurotransmittern erzählen, anstatt es bei der Wendung "so eine Art Dünger im Gehirn" zu belassen.

Und umgekehrt: Um konkret zu funktionieren, müsste die Sendung mehr nachfragen, statt Thesen zu illustrieren. Kein Nachhaken, wenn Hüther sagt, nicht in zehn, sondern in sechs Jahren werde unser Schulsystem bankrott gehen. Auch nicht, als es kurz vor Schluss um Potenzialentfaltung geht und der Hirnforscher erwähnt, wie man früher gedacht hatte, es sei ausgeschlossen, dass Menschen mit Trisomie 21 h Abitur machen können.

Lieber hebt Precht zu seinem Schlussmonolog an, in dem die Worte vorkommen: "Schopenhauer hat mal gesagt…". Der weiseste Satz der Sendung kommt schon davor, von Hüther: "Wir haben kein Erkenntnisdefizit, wir haben ein Umsetzungsdefizit". Und man fragt sich, ob das nicht auch ein treffender Kommentar zur Precht-Performance ist, die im Auftakt noch nicht überzeugt.

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