28.08.12

Altkanzler in München

Schmidt schwärmt vom "alten Gauner" Strauß

Bei seinem Auftritt in München fand Altbundeskanzler Helmut Schmidt lobende Worte für seinen früheren Widersacher Franz Josef Strauß. Und er verriet, warum er sich nicht gern duzen lässt.

Foto: DAPD
Helmut Schmidt
Auftritt im Volkstheater in München. Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt fand lobende Worte für Bayerns früheren Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß

Es ist eine Mischung aus Vorlesung und kurzweiliger Unterhaltung, die Helmut Schmidt am Dienstagabend bietet. Ins Volkstheater München lud die bayerische SPD den Altbundeskanzler – mit einem Hintergedanken: "zu darstellerischen Zwecken" darf auf dieser Bühne dem strengen bajuwarisch Rauchverbot getrotzt werden.

Schmidt nutzt dieses Recht gern. Befragt von Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), der in einem Jahr bayerischer Ministerpräsident werden will, absolviert Schmidt eine tour d'Horizon, erklärt, warum er sich nicht gern duzen lässt, schwärmt von dem "Gauner" Franz Josef Strauß und verkündet, Visionäre sollten keineswegs den Arzt aufsuchen.

Doch der Reihe nach: Mit "Herr Bundeskanzler" spricht Ude Schmidt – protokollarisch korrekt – an und fragt sogleich, weshalb er eigentlich so wenig halte von dem in der SPD üblichen Duzen. Weil er erlebt habe, "wie feindlich Genossen miteinander umgehen können", kontert Schmidt kühl und gewiss zutreffend.

In der Sozialdemokratie werden zuweilen raue Sitten gepflegt, im innerparteilichen Ränkespiel geht es manchmal brutal zu. Fast drei Jahrzehnte nach dem Ende seiner Kanzlerschaft ist Schmidt nach wie vor hoch populär – mancher würde gar heute noch gerne von dem 93-Jährigen regiert werden. "Es schmeichelt", kommentiert er diese Verehrung, "aber es ist nicht wichtig."

Kein Loblied auf Bayern

Ein Loblied auf Bayern, das der dortigen machtfernen SPD sowieso fremd wäre, will Schmidt nicht anstimmen. Dafür lobt er in der Capitale bavariae die eigene Heimat. In Hamburg nämlich habe es die im Süden übliche "deutsche Unart" eines Separatismus nie gegebene, "und wir sind ein bisschen stolz darauf".

Doch Komplimente spricht Schmidt sehr wohl aus, ausgerechnet für zwei Ministerpräsidenten von der CSU. Nein, die Namen Horst Seehofer und Edmund Stoiber, fallen an diesem Abend nicht ein einziges Mal. Seine Verehrung äußert Schmidt vor allem für den einstigen Landesvater Alfons Goppel.

Warum? Nun ja, der einstige bayerische Regierungschef, hatte Schmidt zum Ende von dessen Kanzlerschaft "eine silberne Schnupftabakdose geschickt". Eine "wunderbare Geste" sei das gewesen, schwärmt Schmidt, und Goppel ein "wunderbarer Kerl".

Ambivalentes Verhältnis zu Strauß

Ambivalent nennt Schmidt sein Verhältnis zu Franz Josef Strauß, der im Jahre 1980 ihn erfolglos aus dem Kanzleramt zu vertreiben gedachte. Doch man habe viel mehr persönliche Kontakte gepflegt als bekannt sei. "Strauß pflegte durch den Garten des Bundespräsidenten zu mir zu kommen", erinnert Schmidt an selige Bonner Zeiten, "und kein Journalist hat es gemerkt."

Bei jenen Treffen habe er, Schmidt, Strauß dann begrüßt mit den Worten "Na, Sie alter Gauner!" – woraufhin Strauß erwiderte: "Na, Sie alter Lump!" Strauß sei ein "Kraftwerk ohne Sicherung" gewesen, aber eben ein "Kraftwerk". Schmidt: "Er hat manchen Blödsinn erzählt. Aber ich habe auch Dummheiten erzählt."

Ja, Bayern habe einen erstaunlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, das müsse er "einräumen", sagt Schmidt. Doch er schreibt dies weniger FJS oder der CSU zu, als der Tatsache, dass schon 1943/44/45 große deutsche Unternehmen (etwa Siemens, die Allianz, Borsig) von Berlin in den Süden geflohen waren.

"Sie, Christian", spricht Schmidt seinen Interviewer Ude auf hanseatische Art an, und Ude stellt seine journalistische Herkunft mit klugen und recht unparteiischen Fragen unter Beweis stellt. "Sie, Christian", eröffnet Schmidt ein schnelles, heikles Quiz: Er fragte den Mann, der im Herbst 2013 Horst Seehofer aus der Staatskanzlei vertreiben will, wie viel Geld Bayern in den Länderfinanzausgleich stecke. "Mehr als zwei Milliarden Euro", tippt Schmidt. Mit "3,7 Milliarden Euro" nennt Ude die korrekte Antwort.

Lob für Hans-Jochen Vogel

Lobende Worte findet Schmidt dann noch für einige Gäste, die im Publikum des Volkstheaters Platz genommen hatten. Etwa Hans-Jochen Vogel, unter Schmidt Justizminister, "mein alter Freund Jochen".

Es war kurz nach 20 Uhr, Schmidt zündet zum Spaß seiner Zuhörer seine erste Zigarette an, pustet allerhand Rauch aus und umgarnte Vogel bei der im Internet übertragenen Veranstaltung regelrecht: "Er ist ein sehr stringenter Denker. Man konnte sich auf das Urteil verlassen."

Während der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer sei Vogel "unverzichtbar als Ratgeber" gewesen. Geistig ist Schmidt auf der Höhe der Zeit, physisch aber ist er, im Rollstuhl sitzend, erkennbar beeinträchtigt.

Einmal aber nimmt er die Kraft zusammen und spendet gar Beifall, als nämlich die einstige FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher begrüßt wird. Sie hatte 1982 gegen den Koalitionswechsel der FDP von der SPD zur CDU/CSU gestimmt. Mit einer "fabelhaften Rede", wie Schmidt ihr noch heute diagnostiziert,

"Visionen"-Satz relativiert

"Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen" – vielleicht ist dieser Spruch das bekannteste Zitat Schmidts, ein riesiges Missverständnis, war doch seine Europapolitik etwa durchaus visionäre. Er habe den Satz mit den Visionen nie ganz verstanden, sagt Moderator Ude und bittet um Aufklärung.

"Es war eine einmalige Äußerung, die 1000 mal nachgedruckt wurde", sagt Schmidt. Weil das Wort als Affront gegen den "Visionär Willy Brandt" verstanden worden sei.

"Ich würde das Wort heute nicht wiederholen", schiebt Schmidt nach, und lieferte gleich zwei Übersetzungen des Begriffes Vision: Wunschtraum – oder aber Konzeption. Für einen Mann mit Konzepten hat sich Schmidt immer gehalten. Der Hase aber liegt woanders im Pfeffer: "Im Prinzip bin ich gegenüber Visionären in der Politik sehr skeptisch."

Die Gesinnungsethiker, die Menschen "mit bester Absicht und bestem Gewissen", die waren Schmidt stets suspekt. "Diese Leute wollen den Himmel auf die Erde holen. Das erleben Sie in Amerika, Italien, Frankreich, Deutschland – auch in Bayern." Applaus im Publikum.

Verteidigung des Nato-Doppelbeschlusses

Abermals verteidigt Schmidt den von ihm voran getriebenen Nato-Doppelbeschluss, was heute eine leichte Übung ist. Mit dem Zeigefinder beharrt er auf der kruden Thesen: "Ich hatte dafür in der SPD eine Mehrheit."

Sein Nachfolger Helmut Kohl, der sei klug genug gewesen, dieses Projekt fortzusetzen. Weit weniger freundlich spricht Schmidt über Kohl im Kontext von dessen ziemlich kühnen Versprechung einer "geistig-moralischen Wende" anno 1982.

"Herr Kohl hat selber geglaubt, was er erzählt hat. Er hatte aber keine bessere Moral", erzürnt sich sein Vorgänger. Union und FDP hätten vielmehr seine Außen- und Deutschlandpolitik nahtlos fortgesetzt.

Und als es um den Euro geht, da verweist Schmidt darauf, dieser sei auch anno 2012 stabiler als die D-Mark es jemals gewesen sei. Staatsschulden, Banken, Konjunktur – diese drei Probleme benennt der Weltökonom Schmidt, verteidigt sein altes Diktum "fünf Prozent Inflation ist besser als fünf Prozent Arbeitslosigkeit" und bemängelt: "Es fehlt in Europa an Führung. Die letzten Führungspersonen sind längst von der Bühne abgetreten. Ich beneide Frau Merkel nicht um ihre Aufgabe."

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