28.08.12

Psychologie

Kortison kann Schizophrenen helfen

Bei einem Viertel der schizophrenen Patienten gibt es Hinweise auf fehlgeleitete Reaktionen des Immunsystems. Sie könnten die Symptome auslösen. Helfen kann dann eine Kortisontherapie.

Von Katja Heise
Foto: Getty Images

Bei der Schizophrenie verzerren Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Depressionen die Wahrnehmung
Bei der Schizophrenie verzerren Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Depressionen die Wahrnehmung

Wahnvorstellungen, Stimmen im Kopf oder kompletter Realitätsverlust – Schizophrenie ist eine schwere psychische Erkrankung. Die Ursachen der Psychose sind meist eine Kombination genetischer Faktoren und emotional belastender Erfahrungen, doch auch hormonelle Störungen oder Drogenkonsum können die Symptome auslösen. Jetzt legen mehrere Veröffentlichungen der vergangenen Monate nahe, dass bislang ein wichtiger Faktor nicht genug beachtet wurde.

Die Uni-Klinik Freiburg etwa fand im Nervenwasser einiger Patienten Autoantikörper. Das sind für eine fehlgeleitete Reaktion des Immunsystems typische Abwehrstoffe, bei denen körpereigene Zellen angegriffen werden. Sie können von verschiedenen Erkrankungen ausgelöst werden und weisen auf Entzündungen im Gehirn hin – die wiederum schizophrene Symptome hervorrufen könnten.

Möglicher Auslöser für Schizophrenie

Möglicherweise spielt dies als Auslöser der Schizophrenie also eine Rolle. Darauf weist auch eine Veröffentlichung des Institute of Population Health Sciences in Taiwan im Fachmagazin "British Journal of Psychiatry" hin. Bei 10.000 untersuchten Patienten mit der Diagnose Schizophrenie wurde ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen Schizophrenie und Autoimmunkrankheiten gefunden. Das bestätigt auch das Mental Health Center in Kopenhagen.

Hier heißt es in den "Annals of the New York Academy of Sciences", 24 Prozent aller mit Schizophrenie Diagnostizierten waren vorher wegen einer Entzündung behandelt worden.

Die gute Nachricht: "Während Schizophrenien meist von Ärzten nur symptomatisch therapiert werden können, können manche Autoimmunkrankheiten, beziehungsweise die Entzündung im Gehirn, etwa über fünf Tage mit Kortison therapiert – und der Patient geheilt werden", sagt Ludger Tebartz van Elst, Leitender Oberarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uni-Klinik in Freiburg.

Autoantikörper gerade erst entdeckt

Er plädiert daher dafür, vor jeder Neudiagnose einer Schizophrenie zu testen, ob eine Autoimmunkrankheit vorliegt. Das Problem dabei: Viele der Autoantikörper werden gerade erst entdeckt. Weltweit suchen Forscher nach weiteren.

"Alle paar Monate kommt ein neues hinzu", sagt Harald Prüß, Neurologe an der Berliner Charité. Er geht aber davon aus, dass es noch viele zu entdecken gibt. "Wir haben hier eigentlich nur die Spitze des Eisbergs."

Das heißt auch: "Wir können nur finden, wonach wir suchen." Bis dahin sei davon auszugehen, dass viele Autoantikörper übersehen werden, weil sie noch unbekannt sind – oder weil sie nicht mehr nachweisbar sind. Denn oftmals sind sie nicht mehr sichtbar, weil ihre Entstehung zu lange her ist.

Steroide oder der Zufall?

Doch ein Autoantikörper könnte schon viele Jahre vor dem Ausbruch der Schizophrenie die Prädisposition für die Krankheit gelegt haben. An einigen Uni-Kliniken wird das Wissen bereits in die Praxis umgesetzt.

Neurologin Belinda Lennox von der britischen Universität Cambridge erklärt: "Wir haben schizophrene Patienten mit Autoantikörpern mit Steroiden therapiert – und es hat geholfen." Doch sie schränkt ein: "Leider wissen wir nicht, ob die Symptome vielleicht ohnehin verschwunden wären."

"Verlässliche Studien hierzu müssen erst ausgewertet werden." Noch sei es zu früh, von einer neuen Heilungsmethode zu sprechen. Auch in Freiburg wurden Patienten mit schizophrenen Symptomen gegen Autoimmunkrankheiten therapiert – was auch die psychischen Symptome stoppte. "Doch wir stehen erst am Anfang", sagt Tebartz.

Nebenwirkungen möglich

Bei allen schizophrenen Patienten in jedem Fall eine Kortisontherapie zu starten halte er jedoch für unseriös, der schweren Nebenwirkungen wegen: Blutdruckanstieg, gesteigerte Infektanfälligkeit und Gewichtszunahme etwa. Außerdem könnte das Medikament selbst psychotische oder depressive Reaktionen hervorrufen.

Skeptisch ist auch das Mental Health Center in Kopenhagen. Denn bisher ist allein der statistische Zusammenhang zwischen schizophrenen Symptomen und Autoimmunkrankheiten belegt.

Ob das eine aber tatsächlich das andere bedingt – und ob dann Kortison gegen die schizophrenen Symptome hilft, das müsse noch weiter erforscht werden. Es sei auch möglich, dass bei der besonderen Empfindlichkeit eines Patienten sowohl die organische als auch die psychische Erkrankung auftritt.

Organische Ursachen auch für andere Erkrankungen

Ein Hinweis, der jedoch für einen kausalen Zusammenhang spricht: Treten Schizophrenie und Autoimmunkrankheit gemeinsam auf, gibt es oft noch weitere Auffälligkeiten. Hierzu gehört ein akuter Beginn der Symptome binnen Stunden oder Tagen, ein schubförmiger Verlauf, aber auch für eine Schizophrenie untypische Symptome wie Anfälle oder Bewegungsstörungen.

Doch nicht nur Schizophrenie, auch andere psychische Erkrankungen könnten mit organischen Ursachen zusammenhängen.

Inga Zerr, Leiterin des Deutschen Nationalen Referenzzentrums für Prionerkrankungen in Göttingen, überträgt die Antikörper-Theorie auf Demenz. "Weil wir festgestellt haben, dass insbesondere rasch verlaufende Demenzen oder jene mit unklassischen Symptomen wie epileptischen Anfällen oft von Autoantikörpern im Gehirn ausgelöst werden."

Blutwäsche als weitere Therapiemöglichkeit

Doch auch hier gilt: Eventuell werden sie übersehen, weil sie noch nicht bekannt sind. "Immerhin kennen wir heute deutlich mehr Autoantikörper als vor einigen Jahren", sagt Zerr. "Ich plädiere deshalb dafür, falls eine Demenz untypisch verläuft, mit Kortison oder ähnlichen Medikamenten zu therapieren." Außerdem könne eine Blutwäsche helfen, bei der Blut durch eine halbdurchlässige Membran geleitet und damit gereinigt wird.

Dass dies keine schlechte Idee ist, zeigten Untersuchungen am Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin in Berlin: Autoantikörper durch eine Blutwäsche zu entfernen verbesserte bei den Patienten die Hirndurchblutung. Dies könne ein Ansatz im Kampf gegen Demenz sein, hofft das Team von Marion Bimmler, das seine Ergebnisse im Fachjournal "PLoS ONE" veröffentlichte.

Bimmler glaubt an einen kausalen Zusammenhang von Autoantikörpern und zumindest Demenz – und konnte dies jetzt auch mit Rattenversuchen zeigen. Im Magnetresonanztomografen sah sie, dass bestimmte Autoantikörper an Oberflächenproteine von Blutgefäßzellen binden und dadurch tatsächlich die Gefäße des Gehirns schädigen.

Gefäßwände verdicken sich

Die Autoantikörper erzeugen eine Dauerstimulation des Rezeptors und erhöhen gleichzeitig die Konzentration von Calciumionen in der Zelle. Dadurch verdicken sich die Gefäßwände, und die Durchblutung des Gehirns wird gestört.

Um die Forschung voranzutreiben, treffen sich Inga Zerr und ihr Team kommende Woche im Forschungsverbund mit ihren internationalen Kollegen. "Wir treffen uns in Hannover, um eine international gültige Empfehlung zur Diagnostik und Therapie zu erarbeiten", erklärt Zerr. Außerdem müsse erst einmal ausgetauscht werden: "Was wissen wir über das Thema – und was können wir von den internationalen Kollegen lernen."

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Schizophrenie
  • Verbreitung

    Schizophrenie trifft etwa ein Prozent der Bevölkerung zumindest einmal im Lauf ihres Lebens. Die Erkrankung ist gekennzeichnet durch fundamentale Störungen des Denkens und der Wahrnehmung eines Menschen.

  • Symptome

    Es gibt sogenannte Positivsymptome, die Übersteigerungen oder Fehlinterpretationen des normalen Erlebens beschreiben. Dazu gehören etwa Wahnideen, Halluzinationen oder die Überzeugung, Gedanken von anderen eingegeben zu bekommen. Die Negativsymptome dagegen beschreiben Einschränkungen des normalen Erlebens. Schizophrene sind oft ohne Motivation, antriebslos bis depressiv.

  • Weitere Defizite

    Häufig treten auch kognitive Defizite auf: Die Betroffenen verstehen komplexe Zusammenhänge nicht mehr, der sprachliche Ausdruck verarmt, manchmal werden auch Wörter oder Gedanken unablässig wiederholt. Auch motorische Defizite können auftreten – dann sind Mimik und Gestik reduziert.

  • Verlauf

    Schizophrenien können entweder schubweise oder chronisch verlaufen. Meist bricht die Krankheit zwischen der Pubertät und dem 30. Lebensjahr aus; bei Frauen im Durchschnitt etwa drei Jahre später als bei den Männern.

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