19.08.12

Sat.1-Doku-Soap

Kleinwüchsige im Zirkus des Privatfernsehens

Wie bewältigt man den Alltag bei einer Größe von 1,20 Meter? Sat.1 will Antworten geben und begleitet Kleinwüchsige mit der Kamera. Eine Doku-Soap zwischen Freakshow und quotenträchtigem Mitgefühl.

Foto: Sat1/Andre Kowalski

Mit dem Leben kleinwüchsiger Menschen beschäftigt sich bei Sat.1 eine neue Dokuserie. Mit dabei: Moderatorin Ulla Kock am Brink (l.) und Michel Arriens, der 1,20 Meter groß ist.

7 Bilder

Er lebt nicht auf einem anderen Stern. Doch wenn er im Supermarkt mal wieder auf den unteren Rand des Kühlregals steigen muss, weil er sonst nicht an den Käse heranreicht, wenn er dann sieht, wie ihn andere Kunden verstohlen aus dem Augenwinkel beobachten, anstatt ihm zu helfen, dann bekommt er zumindest eine Ahnung davon, wie man sich als Außerirdischer fühlt.

Michel Arriens misst 1,20 Meter. Der Student der Sonderpädagogik ist mit 22 Jahren ungefähr so groß wie ein Erstklässler. Sein Selbstbewusstsein verhält sich jedoch antiproportional zu seiner Körpergröße. Was vielleicht erklärt, warum er nur kurz gezögert hat, als ihn Sat.1 fragte, ob er nicht Lust habe, bei einer vierteiligen Doku-Soap mitzumachen, die sich auf die Augenhöhe der 100.000 Kleinwüchsigen in Deutschland begibt. Titel: "Die große Welt der kleinen Menschen."

An der Seite von Ulla Kock am Brink soll er das Format moderieren, dieses Angebot hat ihm die Entscheidung erleichtert, auch als Kandidat vor die Kamera zu treten. Der Zuschauer wird Zeuge, wie ein neuer Lebensabschnitt für ihn beginnt. Michel Arriens zieht mit seiner Freundin Anna zusammen, 19 Jahre alt, einen Zentimeter kleiner als er.

Vom Shopping bis Mallorca-Trip

Die Doku-Soap läuft am Sonntagabend um 19 Uhr – zu einer Uhrzeit, die im Privatfernsehen traditionell für Freaks reserviert ist. Der Konkurrenzsender RTL vermittelt schwer vermittelbare Junggesellen ("Schwiegertochter gesucht") oder jagt Mietnomaden.

In diese Spur will Sat.1 nicht einscheren. "Es wird niemand vorgeführt", heißt es in der Pressestelle. Stattdessen wolle man zeigen, "wie es auch kleinwüchsige Mitbürger schaffen, sich im Alltag zu bewegen, wie ihre Beziehungen aussehen auch wie sie mit ganz gewöhnlichen Problemen zu kämpfen haben – von Einkaufen gehen bis zum lustigen Mallorca-Trip."

Filmmaterial gibt es nicht vor dem Start, nur einen Trailer. Er bestätigt die Befürchtungen, die die Inhaltsangabe weckt. Es ist, als ob man durch ein Schlüsselloch in eine Welt schaut, die von Erwachsenen bevölkert wird, die im Körper eines Kindes eingesperrt sind.

Die Kamera zeigt, wo die Kandidaten überall im Alltag anecken: Kleine Menschen fahren Auto, aber ihre Arme sind zu kurz, um sich das Ticket aus dem Automaten vor dem Parkhaus zu angeln.

Klischee des Voyeurismus

Kleinwüchsige als Witzfiguren? Der Trend in der Pädagogik geht dahin, jeden so anzunehmen, wie er ist, nicht trotz, sondern wegen seines Handicaps. Inklusion heißt das Zauberwort. Vor diesem Hintergrund wirken Bilder von der Unzulänglichkeit der Zwerge archaisch.

Man denkt an die Jahrmärkte im 19. Jahrhundert, als Einbeinige, Liliputaner oder Siamesische Zwillinge dem Voyeurismus der Besucher ausgeliefert wurden. An diese Stelle ist das Privatfernsehen getreten.

Erst im März hat RTL II das Klischee der zu kurz Geratenen mit einer zweiteiligen Reportagereihe genährt. Der Titel war beinahe identisch: "Kleine Menschen, große Welt." Der Sender begleitete Single-Frauen wie Vanessa und Janine auf Männerfang bei einem internationalen Treffen von Kleinwüchsigen in Los Angeles. Es entbehrte nicht der Komik. Frauen mit zu kurzen Armen versuchten, Männer zu umarmen.

Kleinwüchsige haben es doppelt schwer, den Partner fürs Leben zu finden, diese Botschaft vermittelte der Sender. Und wenn ihnen doch das Kunststück gelingt, einen normalgroßen Partner ins Bett zu bekommen, dann nur, weil sie sich auf der Bühne zum Affen gemacht haben. Schadenfreude war schon immer quotenträchtiger als Mitgefühl.

Das suggeriert ein Video, das ein 20-jähriger Party-Rapper aus Köln zu seiner ersten Hitsingle gedreht hat, mit freundlicher Unterstützung von RTL II und der Vorzeige-Blondine Gina-Lisa Lohfink. Titel: "Affentanz/Hangover."

Der 1,30 Meter große Rapper nennt sich Sascha Urlaub, und er steht vor derselben Herausforderung wie ChrisTine Urspruch. Die kleinwüchsige Schauspielerin ist besser bekannt als das "Sams" das knubbelnasige Monsters aus der Kinderbuchreihe von Paul Maar. Als Gerichtsmedizinerin im Münsteraner "Tatort" sieht man sie auch ohne Kostüm, aber auch in dieser Rolle muss sie als Zielscheibe für Zwergenwitze herhalten – ihr Spitzname ist "Alberich".

Der Boykott der Kleinwüchsigen

Ist das peinlich? Oder führen solche Auftritte zu einem entspannteren Umgang mit einer Minderheit, die sonst nur wahrgenommen wird, wenn sie im Supermarkt nicht an den Käse kommt?

"Diese Frage muss jeder Betroffene für sich selber beantworten", sagt Ruzena Klingebiel vom Vorstand des Bundesverbands kleinwüchsiger Menschen (BKMF). Sie persönlich schaue sich den "Tatort" gerne an, weil sich Alberich selber nicht so ernst nehme. Sie kenne aber viele Kleinwüchsige, die die Krimiserie genau deswegen boykottierten.

Ruzena Klingebiel ist als betroffene Mutter zur Anwältin der Kleinwüchsigen geworden. Ihre härteste Schlacht hat sie vor zwanzig Jahren geschlagen. Damals erreichte der Verein, dass einem Party-Veranstalter der Riegel vorgeschoben wurde, der kleinwüchsige Menschen durch die Gegend schleuderte und dieses Event als "Zwergenwerfen" verkaufen durfte.

Entsprechend gelassen sieht sie der neuen Doku-Soap auf Sat.1 entgegen. Auch Michel Arriens tut so, als könne ihn nichts mehr erschüttern. Als Sonderpädagoge in spe hat er den Härtetest schon hinter sich: ein Praktikum in einer Grundschule. Er sagt, es habe ihn nicht von seinem Berufswunsch abgehalten. Er wolle immer noch Lehrer werden, ein lebendes Vorbild für Kinder mit Handicap.

Für den Fall, dass Sat.1 seine Erwartungen enttäuscht und die Kleinwüchsigen so verkauft wie RTL II , als infantile Bewohner eines Lilliput-Landes, kann er sich mit einer Gewissheit trösten. "Die Realität ist noch härter als das Fernsehen", sagt Ruzena Klingebiel. Auch mit 30 Jahren müsse sich ihr Sohn die Frage gefallen lassen: "Wo, bitteschön, geht's zum Zirkus?"

"Die große Welt der kleinen Menschen", Sat.1, ab dem 19. August immer sonntags, 19 Uhr.

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