16.08.12

Pseudonyme

Zur Verdummung der Kunden möchte ich nicht beitragen

Nach dem Fall "Der Sturm": Fühlen sich Buchhändler von den Verlagen getäuscht, wenn ihnen Autoren angedient werden, die sich als Pseudonyme entpuppen? Eine Umfrage.

Foto: DPA
Schweden-Krimi "Der Sturm"
Am 27. August soll "Der Sturm" in den Buchhandlungen zum Verkauf liegen. Bereits jetzt ist klar, dass es sich bei seiner Autorenschaft um einen Fake handelt

Die Debatte um den Kriminalroman "Der Sturm" wirft die Frage nach Pseudonymen und authentischen Biografien von Autoren auf. Das Buch, das übernächste Woche bei S. Fischer erscheint, wurde einem Per Johansson zugeschrieben. Schließlich bekannte sich der Journalist Thomas Steinfeld zur Co-Autorenschaft. Berliner Morgenpost hat Buchhändler gefragt, ob sie Bücher mit gefälschten Autoren-Biografien überhaupt noch empfehlen wollen:

Markus Kroczek, M. Lengfeld'sche Buchhandlung, Köln

"Mich persönlich irritiert es, wenn ein Verlag einen angeblichen schwedischen Krimi anträgt, der sich als Fake herausstellt, hinter dem ein deutscher Autor steckt. Und als Buchverkäufer komme ich mir schön blöd vor, wenn ich einem Kunden Autoren empfehle, die es gar nicht gibt. Darunter leidet schließlich meine eigene Glaubwürdigkeit. Oder müsste ich in Zukunft sagen, alle Buchempfehlungen ohne Gewähr?"

Marina Krauth, Felix Jud Buchhandlung, Hamburg

"Was wäre die Literaturgeschichte ohne Pseudonyme? Jedes Buch, dessen Qualität uns überzeugt, empfehlen wir. Wir treten für Meinungsfreiheit ein. Jeder soll sich sein eigenes Urteil bilden können. Bücher, zu denen wir nicht stehen, haben wir nicht vorrätig, bestellen sie aber auf Wunsch. Von Bestsellern, deren literarische Qualität wir schätzen, profitieren wir gern."

Patricia Saathoff, Ellens Buchhandlung, Münster

"Ich habe wenig Spaß daran, Krimis gefakter Autoren zu verkaufen, und guten Gewissens kann ich diese Bücher auch nicht empfehlen. Mir geht es dabei weniger um die Moral als um Authentizität. Ich würde darauf hinweisen, dass es sich um erfundene Autoren handelt, denn zur Verdummung meiner Kunden möchte ich nicht beitragen. Bei den geringen Gewinnspannen im Buchhandel kann ich mir solche Probleme aber nur schlecht leisten. Und wenn die Kunden sich für diese Bücher entscheiden, obwohl sie um den Schwindel wissen, dann habe ich kein Problem damit."

Christian Koch, Hammett-Krimibuchhandlung, Berlin

"Wenn mittelmäßige Hochgeschwindigkeitsromane von Verlagen reklamiert und hochgepuscht werden, wenn der Stoff nicht überzeugt, bin ich natürlich dagegen; vor allem, wenn es sich dabei um Pseudonyme handelt. Ich sehe da auch die Reputation der Verlage in Gefahr. Gute Tarnnamen-Texte würde ich dennoch befürworten. Wenn ein Verlag ein Pseudonym sorgfältig aufbaut, bekommt davon eigentlich niemand etwas mit. Ein Bekannter beim S. Fischer-Verlag, der dort auf mittlerer Verlagsebene arbeitet, sagte mir bei der Veröffentlichung von "Der Regler" (der Autor Max Landorff ist ein Pseudonym der Autoren Stephan und Andreas Lebert, d. Red.), er könne mir die echten Autorennamen nicht nennen. Nicht, weil er nicht dürfe, er wisse es einfach nicht. In diesem Fall galt also äußerste Geheimhaltungsstufe."

Henning Nielsen, Carl-von-Ossietzky-Buchhandlung, Flensburg

"Ich finde die Vorgehensweise der Verlage ärgerlich, aber wesentlich ist wohl der Inhalt und die Qualität. Da ist Jean-Luc Bannalec (das Pseudonym von S. Fischer-Verlagschef Jörg Bong, d. Red.) eine große Enttäuschung. Gute Bücher empfehle ich mit dezentem Hinweis auf das Pseudonym. Im Übrigen gibt es so viele Bücher, die ich aus moralischen Gründen zumindest fragwürdig finde, dennoch zumindest teilweise anbiete – den ersten Sarrazin haben wir natürlich nicht im Angebot gehabt, sein Euro-Buch hingegen im Regal. Ich kann nicht immer alles genau kontrollieren, eine gewisse Nachsicht gestatte ich mir."

Christian Richter, Schleichers Buchhandlung, Berlin

"Was die Pseudonyme angeht, stehe ich etwas unentschlossen in der Landschaft. Es ist es ja so, dass es sich bei Autoren, die unter anderen, ausgedachten Biografien veröffentlichen, fast schon um Heteronyme handelt. Empfehlen kann ich solche Bücher natürlich trotzdem. Solange sie gut geschrieben sind, habe ich nichts dagegen. Allerdings sehe ich auch, dass diese Vermarktungsstrategien der Verlage repräsentativ sind für die Verfassung der Buchbranche und ihrer immer stärkeren Marktorientierung."

Klaus Bittner, Buchhandlung Klaus Bittner, Köln

"Ich fühle mich nicht getäuscht, wenn sich Autoren als Pseudonyme herausstellen. Ist doch lustig! Wenn sie gut sind, kann ich solche Bücher uneingeschränkt empfehlen. Ich habe als Buchhändler kein Problem damit, von planmäßig verfassten Bestsellern oder sogenannten Fakes, zu profitieren. So what?"

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