14.08.12

"FAZ"-Herausgeber Rätsel um den Autor eines literarischen Mordanschlags

Foto: picture-alliance/Anke Fleig / SVEN SIMON, picture alliance / dpa-Zentralbild/ Arno Burgi

Ein neuer Krimi entpuppt sich als Mordanschlag auf Frank Schirrmacher. Vom Autor fehlt jede Spur. Hinweise führen zur Süddeutschen Zeitung.

Noch ist die Aufregung um Martin Walsers Buch "Tod eines Kritikers" gut in Erinnerung, in dem der Schriftsteller vor zehn Jahren den deutschen Literaturkritikerpapst Marcel Reich-Ranicki karikierte und sterben ließ, und damit einen kleinen Skandal auslöste.

Da kommt jetzt womöglich ein neuer Fall daher, allerdings um zwei Ecken. "Der Sturm", der im S. Fischer Verlag erscheint, stammt von Per Johansson, ist ein Schwedenkrimi und spielt im südschwedischen Schonen. Hier aber, in einer Scheune, wird eine übel zugerichtete Leiche gefunden, mit einer Schaufel erschlagen, von Aasfressern bis zur Unkenntlichkeit entstellt, zerteilt, zerfetzt.

Das Opfer ist aber nicht irgendwer, sondern ein bekannter deutscher Journalist, ja mehr noch, "der Chef einer Zeitung, die in ganz Deutschland gelesen wird".

Spur führt zu "Süddeutschen Zeitung"

Dieser Mann heißt im Roman Christian Meier, wenn aber aufgelistet wird, was der so verfasst hat, "weltumspannende Phantasien über die Macht der Netzwerke, die Zukunft der Roboter und die Allmacht der Gentechnik", kann man darin unschwer Frank Schirrmacher erkennen, seines Zeichens Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Dieser Mann wird zu einem Dämon und Übermenschen. Und da mag man schon stutzen, was einen unbekannten schwedischen Debütautor so an Schirrmacher reizen mag. Und woher er all sein Insider-Wissen hat.

Wer sich für den Krimiautor interessiert, stößt sehr bald an Grenzen. Das schwedische Original "Stormen" ist noch nicht publiziert, an den Autor, der in Berlin leben soll, kein ist Herankommen, auch von der Übersetzerin ins Deutsche fehlt jede Spur. Das legt den Schluss nahe, dass der schwedische Autor gar nicht existiert, sondern lediglich ein Fake, ein Pseudonym ist.

Die Tageszeitung "Die Welt" hat deshalb in so etwas wie eine feuilletonistische Rasterfahndung erstellt, derzufolge der Autor jemand sein müsse, der ein Krimikenner ist, mit Schirrmacher in einem spannungsreichen Verhältnis stehen muss und eine Vorliebe für Schweden hat. Das Fazit: Der Autor müsse Thomas Steinfeld sein, Feuilleton-Chef der "Süddeutschen Zeitung", einst Literaturchef der "FAZ", der aber aus Frust über den Herausgeber Schirrmacher die Zeitung verließ.

Alte Rechnungen begleichen

Erst vor zwei Monaten hat die "Welt" aufgedeckt, dass sich hinter dem vermeintlich französischen Krimi-Bestsellerautor Jean Luc Bannalec ("Bretonische Verhältnisse") niemand anderes als Fischer-Verleger Jörg Bong selbst verbirgt. Und nun erscheint in dessen Verlag unter Pseudonym ein weiterer, auf Bestseller getrimmter Krimi mit noch unglaublicherem Hintergrund.

Der Fall Johansson liegt freilich etwas anders als bei dem Buch von Bong/Bannalec. Während dort das Pseudonym wohl dazu diente, mögliche Vorbehalte des Literaturbetriebs gegenüber Kollegen zu umgehen, dürfte es bei "Der Sturm" vor allem ein Schutzschild sein. Nur in der Deckung einer Autorenmaske lassen sich Bosheiten verbreiten und alte Rechnungen begleichen. Da wäre der Mord nur eine Überwindungsfantasie, der angestrebte Bestseller-Erfolg aber ein zusätzlicher Triumph über Schirrmacher, Verfasser der Bestseller "Das Methusalem-Komplott" und "Payback".

Der "Sturm"-Autor hat seine Motivation an einer unauffälligen Stelle selbst in den Roman geschrieben, wenn einmal über das Mordmotiv spekuliert wird: "Und dass sich einer seiner Untergebenen gerächt haben könnte, für eine Demütigung, für eine Quälerei?" An der Stelle folgt im Buch die Replik: "Kann sein. Glaube ich aber auch nicht. Die Leute ducken sich doch eher, und wenn es überhaupt nicht mehr geht, dann gehen sie woandershin. Oder gibt es das heute noch, ich meine, moderne Menschen, die meinen, ihre Ehre verteidigen zu müssen?" Genau das scheint der Kern des Romans zu sein: Hier glaubt jemand, seine Ehre zu verteidigen.

(BM)
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