14.08.12

Journalismusdebatte

Wider die Wahrheitsallergiker in der Sportpolitik

Der renommierte Sportjournalist Jens Weinreich hat jahrelang für den Deutschlandfunk gearbeitet. Doch kürzlich trennte sich der Sender von ihm. Der Journalist ist empört. Die Sendeanstalt auch.

Von Ekkehard Kern
Foto: picture-alliance
Marler Tage der Medienkultur
Fühlt sich hintergangen und vermisst zunehmend Qualität in der Sportberichterstattung des Deutschlandfunks: Journalist und "Grimme Online Award"-Gewinner Jens Weinreich

Der Hintergrund seiner Twitter-Seite ist mit verschiedenfarbigen Porträts von Sepp Blatter tapeziert, jener Figur aus der Sportwelt, die Jens Weinreich von Berufs wegen genau beobachtet, eine Art Lieblingsfeind.

Der Sportjournalist ist zweifellos bei vielen Zeitgenossen angesehen, als kritischer Geist, gerne verweist er selbst auf den ihm zugesprochenen Grimme-Online-Award, den er für sein Bloggen über die Vorgänge im Sportausschuss des Deutschen Bundestages erhielt. Jens Weinreich sieht sich als Kämpfer für den Qualitätsjournalismus, was er macht, sei weniger Sport- als Politikjournalismus, sagt er der "Welt".

Dieser Tage taucht sein Name vor allem in den sozialen Netzwerken auf, und zwar in Zusammenhang mit dem Namen Deutschlandfunk. Dieser nämlich hatte im April die Zusammenarbeit mit Jens Weinreich als freiem Mitarbeiter und Autor beendet. Nach Weinreichs Dafürhalten ist dieser Schritt als Reaktion auf einen seiner privaten Blogeinträge zu sehen, den er unter dem Titel "Pressehetze ignorieren! Originale lesen! Pflichtlektüre zum Sportausschuss" am 6. März veröffentlichte.

Weinreich übt Kritik an den Medien

Darin widmete er sich "den öffentlichkeitsscheuen Demokratieverhinderern und Wahrheitsallergikern im Sportausschuss des Bundestages" und kritisiert auch all jene Medien, die "diesen intransparenten Schauspielern eine Berichterstattung gönnen" und somit "diese Abart von Journalismus" fördern.

Den Deutschlandfunk habe er damals nie erwähnt – eine Feststellung, auf die Weinreich Wert legt. Daraufhin, so der Journalist, soll es "einen Hinweis aus dem Ausschuss gegeben haben" – und einen Anruf von der Sportchefin des Deutschlandfunks, Astrid Rawohl, "die mir ein Ultimatum stellte".

Kürzlich publizierte der Journalist dann die E-Mail, die er seiner Chefin daraufhin geschickt hatte: "Liebe Astrid, wenn ich alles richtig verstanden habe, dann hast Du mir am Telefon gesagt, ich könne nicht mehr für den Deutschlandfunk arbeiten, wenn ich gleichzeitig öffentlich Kritik am Deutschlandfunk äußere. Du verlangst ein Bekenntnis der 'Loyalität' Dir gegenüber."

Weinreich sieht sich offensichtlich ungerecht behandelt und bittet Rawohl darum, "Dir dieses Ultimatum noch einmal zu überlegen".

Was den Sender letztendlich bewog, das Vertragsverhältnis mit Weinreich zu beenden, ist schwer zu sagen. Vieles deutet darauf hin, dass es wohl über Monate schwelende Konflikte waren, die den Journalisten und die Redaktion entzweiten.

"Innerredaktioneller Qualitätseinbruch"

Weinreich ist überzeugt, das Sportressort habe nach dem Abgang seines ehemaligen Leiters im Sommer 2010 an Profil verloren – eine Einschätzung, die im Übrigen auch Sportjournalistin Grit Hartmann teilt, die den Sender bereits Anfang des Jahres verlassen hatte: "Mit der personellen Neubesetzung hat es einen doch merklichen innerredaktionellen Qualitätseinbruch gegeben, und da spreche ich nicht über Freie, da schätze ich einige sehr. Aber es hat zum Beispiel sogenannter Interviewjournalismus Raum gewonnen, mit wenig Distanz, mit wenig Kompetenz auch", sagte sie Newsroom.de.

Empörung hervorgerufen hat Weinreichs Einschätzung, das Deutschlandradio hätte ihm "Berufsverbot erteilt": Und zwar "ohne Anhörung. Ohne Angabe von Gründen".

Der Sender wies die Vorwürfe zurück: "Sie entbehren jeder Grundlage." Die Ursache für die Aufkündigung des Vertragsverhältnisses "lagen im Verhalten von Jens Weinreich, das den Redaktionsfrieden bedrohte und eine weitere Zusammenarbeit mit ihm unzumutbar machte": "Jens Weinreich verunglimpfte mehrfach Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Redaktion und stellte deren Kompetenz in Frage."

Gegenüber der "Welt" betont Birgit Wentzien, Chefredakteurin des Deutschlandfunks, man habe Weinreichs journalistische Expertise stets geschätzt, nach den vergeblichen Bemühungen, sich mit ihm zu verständigen, allerdings einen Schlussstrich unter die Zusammenarbeit gezogen.

Von Qualitätsverlust auf ihrem Sender will sie nichts wissen – und stellt sich vor ihre Mitarbeiter, die "ich schützen werde". Weinreich sprach wiederum von einer "Verunglimpfung" seiner Person. Er sei immer gesprächsbereit gewesen, lange Zeit hätte es jedoch nur "Vertröstungen per E-Mail" gegeben.

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