13.08.12

Olympia-Abschluss

Englands neue Nationalband heißt – Blur

"Wir können unser Leben weiterleben": Die Popband Blur hat sich wieder zusammen gerauft, um zum Londoner Olympia-Finale die Besten der britischen Musik zu feiern. Allen voran sich selbst.

Quelle: dapd
13.08.12 0:59 min.
Jubelnde Menschenmassen feiern ihre Stars des Britpop. Das Konzert der britischen Popband Blur war eine offizielle Alternativveranstaltung zur Olympia-Abschlussparty in London.

Fred Perry war ein Held des Sports, allerdings kein olympischer. Aber das kümmert niemanden an diesem Abend, auch wenn er Fred Perrys Lorbeerkranz als Stickerei über dem Herzen trägt. Im Londoner Hyde Park, zum Olympia-Finale, folgen Abertausende der Tradition, dem Dresscode. Es sind nicht nur Hemden, hier spannt sich Geschichte über Brust und Bauch: Fred Perry war der Sohn eines Baumwollspinners und der erste Proletarier, der im Tennis das Turnier von Wimbledon gewann. Drei mal in Folge, in den Dreißigerjahren. Weil er die Trikots der Adligen untragbar fand, gestaltete er seine eigenen. Seither gilt er als Vater aller BritPopper.

Vor seinem Aufstieg war Fred Perry Weltmeister im Tischtennis gewesen. Als der Bürgermeister Boris Johnson vor vier Jahren bei Olympia in Peking auftauchte, erklärte er den staunenden Chinesen: Mit den Londoner Sommerspielen kehre Ping Pong endlich wieder heim.

Für 55.000 zahlende Zuschauer

Er kommt so einiges zu sich im Sportsommer 2012, sogar die Briten selbst. Während im Stadion die Abschlussfeier läuft, feiert die Popband Blur im Hyde Park "Best Of British – The Olympics Closing Celebration Ceremony Concert". Eine amtlich abgesegnete Alternativveranstaltung im öffentlichen Raum. Für 55.000 zahlende Zuschauer und unzählige Zuhörer hinter den Zäunen.

Blur hatten sich vor acht Jahren aufgelöst. 2009 fanden sie wieder zueinander, ebenfalls für ein Comeback im Hyde Park. Damals schienen sie gegen die Krise anzuspielen. Über ihrer Bühne hing ein Lageplan des Bahnhofs Waterloo. Die Hymne "Parklife" klang damals wie die hysterische Erinnerung an bessere Zeiten, an das Sonntagspicknick, an gesünderen Tauben und den Freizeitpark der Neunziger.

Heute singt Damon Albarn wieder: "All the people, so many people. And they all go hand in hand through their parklife." Er späht über das Menschenmeer, das vor ihm wogt, als hielten sich tatsächlich alle bei den Händen. Wasserbälle tanzen vor ihm, Fahnen wehen, englische und britische.

Keine Klagen über Olympia

Vom Sportsgeist scheint auch die Musiklandschaft wieder beseelt zu sein. Die Besten sind, laut Blur und neben ihnen, die verdienten Veteranen von New Order und den Specials. Schon am Nachmittag treten New Order aus dem Norden an, aus Manchester, ohne den prägenden Bassisten Peter Hook, aber mit Klassikern des Postpunk wie "Blue Monday", der die Gäste aber weniger zum Tanzen animiert als zur Gymnastik.

Als die Sonne untergeht, versammeln sich die Specials auf der Bühne, ohne ihren Gründer Jerry Dammers. 1977 hatte Londons beste Big Band das Königreich kurzerhand zum Einwanderungsland erklärt, mit Ska und Afropop und rüden Botschaften. "A Message To You Rudy" widmen sie dem Sprinter Usain Bolt und allen fleißigen Olympia-Helfern.

Man hört keine Klagen mehr über Olympia. Über lange Arbeitswege, Amerikaner in der Stadt und den Verlust des pittoresken Londoner East Ends, ausgerechnet im Charles-Dickens-Jahr. Gelegentlich stimmten die pop- und punksozialisierten Londoner für sich Blurs "Ernold Same" an. Einen Spottgesang über Ken Livingstone, den ehemaligen Bürgermeister, der die Spiele in die Stadt geholt hat, nicht zum Spaß, sondern wegen des Geldes.

Überwältigende ältere Songs

Nichts davon ist noch zu hören. Manche haben sich den Union Jack über ihr Perry-Hemd gelegt wie eine Toga. Viele tragen Goldmedaillen aus Cadbury-Schokolade am sonnenverbrannten Hals und winzige Fähnchen auf dem Kopf wie Dartpfeile im Schädeldach. Während der Pausen schiebt sich auf der Bühne ein gewaltiger Bildschirm vor die Umbauarbeiten. Er zeigt dann unter reger Anteilnahme einen weiteren Triumph des Teams GB oder erzählt von den bereits errungenen.

Und als die Nationalhymne erklingt, singt alles mit wie später beim "Song 2" von Blur, dem Jubellied, mit seinem vierfachen "Woohoo!" Man hört im Hyde Park heute nichts als überwältigende ältere Songs.

Blur nehmen ihre Rolle dankbar an, sie sind die neue Nationalband. Sie haben den Wettbewerb der Neunziger für sich entschieden. Sie waren gegen Oasis angetreten wie die Rolling Stones gegen die Beatles in den Sechzigern. Vier wohlerzogene Kinder aus dem Londoner Westend gegen Proletariersöhne aus dem Norden Englands.

T-Shirts für leisen Defätismus

Oasis hatten Tony Blair bei seinem Amtsantritt besucht. Blur hatten sich darüber amüsiert, und sie behielten recht: Der Sozialist vollendete die Politik von Margaret Thatcher und erfand fürs postindustrielle Zeitalter den Kampfbegriff der "Kreativwirtschaft", die Industrie der Blasen. Daher auch die Zweifel am olympischen Gedanken bei der Umgestaltung Londons.

Graham Coxon spielt bei Blur Gitarre, er hatte vor dem Konzert erklärt: "Es geht darum, zu feiern, dass Olympia vorüber ist und wir unser Leben wieder weiter leben können." Auch sein T-Shirt unterstreicht den leisen Defätismus; es zeigt keinen Lorbeerkranz, sondern den Namen einer teuflischen Black-Metal-Band aus Schweden, The Abyss. Abyssos ist der bodenlose Abgrund der Dämonen.

Coxon hatte sich zuletzt der englischen Folklore zugewandt und die Gentrifizierung im Gitarrenlärm gegeißelt. Blur führen die übliche Geschäftsbeziehung institutionalisierter Bands. Der Schlagzeuger Dave Rowntree tritt bei Kommunalwahlen für Labour an. Der Bassist Alex James berät den Künstler Damien Hirst in musikalischen Fragen. Damon Albarn unternimmt so vieles, dass er selbst als Held der Kreativwirtschaft dasteht.

Vor der Ruine von Battersea

Neben der virtuellen Band Gorillaz betreibt Albarn Festivals in Afrika, hilft Musikern in Mali, trommelt Supergroups zusammen und führt Opern auf über vergessene Mystiker des Krone. Mit The Good, The Band And The Queen erinnerte er an den großen Brand von London 1666. Dazu trug er Anzüge. Auf seine Anhänger wirke er künstlerisch zunehmend prätentiös.

Während der Spiele sind sie wieder Blur. Ihr Werk erscheint in einem blauen Leinenwürfel, den man sich auf den Kamin oder den Kühlschrank stellen kann. Im Hyde Park treten sie vor einer malerischen Kulisse auf: Am Horizont erhebt sich die Ruine des berühmten Kraftwerks Battersea neben einem noch unfertigen Zweckbau. So sieht London nach Olympia aus.

Mit Blur singen die Einwohner beseelt "End Of The Century" und "For Tomorrow". Alle tanzen auf dem Rindenmulch zum Schutz des heiligen Rasens. Graham Coxon krümmt sich grinsend über der Gitarre. Damon Albarn hält das Volk an, diese Stadt bedingungslos zu lieben. Auch er ist vom Anzug wieder in ein Polo von Fred Perry umgestiegen. Zum Wunder von London.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Karneval der Kulturen der Welt
19.05.13Umzug
Karneval der Kulturen – 700.000 feiern in Kreuzberg

In Berlin-Kreuzberg ist es wieder bunt und voll: Tausende Tänzer, Musiker und andere Akteure inszenieren den Karneval der Kulturen. 75 Gruppen sind bei dem Multikulti-Umzug dabei. mehr...

title
19.05.13Wiederaufstieg
Herthas blau-weißer Feiertag

Hertha BSC beendet die Saison mit einem 1:1-Unentschieden im Berlin-Brandenburg-Derby gegen Energie Cottbus. Mit 76 Zählern stellt das Team von Trainer Jos Luhukay einen neuen Punkterekord auf. mehr...

Sonne in Berlin
19.05.13Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Montag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Montag, den 20. Mai. mehr...

VfL Bochum - 1. FC Union Berlin
19.05.13Zweite Liga
Union gelingt mit Auswärtssieg versöhnlicher Saisonabschluss

Mit Tabellenrang sieben und dem ersten Auswärtserfolg nach acht sieglosen Spielen auf fremden Plätzen beendet der 1. FC Union die Zweitliga-Saison. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Multimedia
Olympia-Abschluss

Blur & Co. im Hyde Park

Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Straßenfest

Karneval der Kulturen 2013

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote