12.08.12

Zitadelle Spandau

Kitty, Daisy & Lewis lassen in Berlin die Gitarren leiden

Die drei Geschwister aus Kentish Town im Londoner haben zum Abschluss ihrer Welttournee ein exklusives Deutschlandkonzert in Berlin gegeben.

Foto: PIAS
Kitty, Daisy und Lewis Durham sind drei Geschwister aus Kentish Town, einem Vorort Londons
Kitty, Daisy und Lewis Durham sind drei Geschwister aus Kentish Town, einem Vorort Londons

Hören die das nicht? Die Gitarre perlt nicht beim rüde rumpelnden Rockabilly. Sie sie klingt schlicht schräg. Sie leidet. Und das ganze Arrangement holpert. Aber gerade das scheinen die Fans am britischen Familienunternehmen Kitty, Daisy & Lewis zu schätzen. Diese hemmungslose Retroversessenheit. Diese spielfreudig unfertige Ausgelassenheit, mit der sich die Durham-Geschwister aus Kentish Town im Londoner Nordwesten den Klassikern von Blues, Western Swing, Jump'n'Jive, Rhythm'n'Blues und Rockabilly nähern. Diese Akribie, dem Originalsound von einst so nah wie möglich zu kommen. Und diese Akkuratesse, mit der sie es schaffen, selbst Eigenkompositionen so klingen zu lassen, als würden sie aus einer 50-Jahre-Jukebox plärren.

Es ist Hausmusikabend in der gut gefüllten Spandauer Zitadelle. Die Stimmung auf dem Gelände ist nach dem Vorprogramm des Rocktrios The Sharp Tongues und der Sängerin Gemma Ray mit ihrer Band bestens, als Kitty, Daisy & Lewis ihr Konzert mit dem Bluesharp-getriebenen Instrumental "Smoking in Heaven" eröffnen. Der Opener, der noch ein bisschen nach Soundcheck klingt, ist Titelsong des im vergangenen Jahr erschienenen Albums. Das haben die Geschwister auf einer ausgedehnten Welttournee vorgestellt, die am Sonnabend mit einem exklusiven Deutschlandkonzert in der Zitadelle ihr Ende fand. Komplettiert wird das Trio wie stets von Vater Graeme Durham an Gitarre und Banjo und Mutter Ingrid Weiss am Kontrabass. Sie war in den Achtzigern Schlagzeugerin bei der Post-Punk-Mädchenband The Raincoats.

Der konservative Ruhepol

Kitty, Daisy & Lewis haben Musik und Lifestyle der 40er- und 50er-Jahre verinnerlicht. Sie sehen aus wie einer Fifties-Teenage-Opera entstiegen. Ihre Kinderzimmer müssen über und über mit Elvis- und James-Dean-Postern tapeziert gewesen sein. Cool sehen sie aus. Lewis im messerscharf schnieken Anzug und Pomade im Haar. Kitty im gemusterten Kleidchen, Daisy in einer Art Western-Hot-Pants-Kombination. Sie wechseln sich ständig ab an den Instrumenten. Mal hämmert Daisy wie ein Punchingball am rudimentären Schlagzeug mit klassisch übergroßer Bassdrum, dann übergibt sie an Schwester Kitty, um beim stampfenden "I'm Going Back" den Gesangsapart zu übernehmen und in die Tasten zu hämmern.

In einer vom Drang zum immer Neuen gegeißelten Popwelt sind Kitty, Daisy & Lewis so etwas wie ein konservativer Ruhepol. Sie wurden durch ihre Eltern infiziert von Rhyhtm'n'Blues und klassischem Rock'n'Roll. Schon als Teenager standen sie Anfang der 2000er-Jahre auf britischen Klubbühnen. Ihre Platten entstehen analog im Heimstudio des Vaters. Das Aufnahmeequipment stammt ausschließlich aus den 40er- und 50er-Jahren, um den typischen Vinylsound zu rekonstruieren. Mitunter meint man förmlich, ein leises Knistern zu hören. Auch live versuchen sie, diesen trockenen, direkten 50er-Jahre-Sound zu kreieren.

Das klappt meist ganz gut. Ab und an kommen sie aber auch hörbar an ihre handwerklichen Grenzen. Doch bei so viel Spielfreude und Hingabe fällt das kaum ins Gewicht. Die Fans vor der Bühne tanzen Boogie, Jive und Rock'n'Roll und geben sich unbekümmert dem Rhyhtmus hin. Im Publikum sind viele Petticoats, Teddyboys und Rock-'n'-Roller auszumachen. Etwa zur Mitte der Show wird mit neuen Stücken wie "Tomorrow" und "I'm So Sorry" dem auf der Insel beliebten karibischen Ska gefrönt. Als Gast stößt dabei die 80jährige Trompeterlegende Eddie "Tan Tan" Thornton zur Gruppe.

Auch wenn es mehr Stücke vom neuen Album gibt, gehören auch die swingende Boogie-Version von Canned Heats "Going Up The Country" und im Zugabenteil das von Banjos und Akkordeon getriebene "Hillbilly Music" zum Liverepertoire. Beim Instrumentalstück "What Quid?" machen Kitty, Daisy & Lewis noch einmal richtig Krach. Sie benutzen dazu das Gitarrenriff von Marc Bolans "Jeepster". Das hat nun zwar sehr wenig mit den Fifties zu tun, aber Kitty, Daisy &nd Lewis schaffen es auch hier, das Stück mit lärmender Lust nach 50er-Jahre-Rockkaschemme klingen zu lassen. Es bleibt spannend, wohin die Reise der nostalgischen Geschwister in Zukunft gehen wird.

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