07.08.12

Soziologie

Niederlagen sind die Motoren des Fortschritts

Mit Hilfe der Evolutionstheorie entschlüsselt Tim Harford das Geheimnis des Fortschritts. Das hat nichts mit Sozialdarwinismus aber viel mit dem globalen Konkurrenzkampf der Ideen zu tun.

Von Michael Holmes
Foto: GES/Markus Gilliar
Astana/ Kasachstan
Jede neue Stadt ist ein Katalysator der Ideen-Evolution – zum Beispiel Astana, die Retorten-Hauptstadt von Kasachstan

Der moderne Fortschritt zählt zu den größten Rätseln der Wissenschaft. Viele kluge Köpfe meinen ihn auf die Geburt der Demokratie, der Wissenschaft oder der Marktwirtschaft zurückführen zu können. Andere halten Technologien wie den Buchdruck oder die Dampfmaschine für entscheidender. Aber die meisten haben die Suche nach einer umfassenden Theorie der Moderne abgebrochen, weil sie bezweifeln, dass sich im Ursachenwirrwarr eine einfache Ordnung verbirgt.

Der Journalist und Bestsellerautor Tim Harford macht uns in seinem Buch "Trial and Error" auf spielerische Weise mit den Thesen einiger Wissenschaftler vertraut, die das enorme Fortschrittstempo der Moderne mit den Mitteln einer der bedeutendsten Theorien der Wissenschaftsgeschichte zu verstehen versuchen: der Evolutionstheorie. Sie sind überzeugt, dass die von Darwin entdeckte Logik der Evolution nicht nur die Artenvielfalt auf unserem Planeten, sondern die Komplexität der modernen Weltgesellschaft erklärt.

Aber keine Angst! In diesem Buch findet sich nichts, was den Sozialdarwinisten gefallen könnte, die eine Herrschaft der Starken ersehnen. Harford träumt von einer Welt, in der nicht mehr die Menschen, sondern ihre Ideen ums Überleben kämpfen. Er demonstriert, dass die offene Gesellschaft die soziale Evolution vorantreibt, indem sie die ökonomischen und politischen Grundrechte aller Bürger schützt. Seine Gedanken kreisen um die Frage, welche Spielregeln gelten müssen, damit alle Errungenschaften auch den Schwächsten nutzen.

Ständig neue Ideen auf dem Prüfstand

Harford braucht nur wenige Fachbegriffe, um die Hauptthese des Buches zu erläutern. Nach dieser haben die soziale und die biologische Evolution das "unablässige Alternieren von Variation und Selektion" gemein – "Abwandeln und Auslesen, bis in alle Ewigkeit". Pluralistische Gesellschaften steigern nicht nur die Variation, indem sie "ein breites und buntes Ideenspektrum" fördern. Sie verbessern auch die Selektion, da sie ihren Bürgern die Freiheit zugestehen, die zur Auswahl stehenden Ideen zu prüfen.

Selbst ihre mächtigsten Politiker, Unternehmer, Wissenschaftler und Künstler müssen unzählige Konkurrenten und Kritiker fürchten. Mit der Anzahl der marktwirtschaftlichen Demokratien auf dem Planeten wachsen die globalen Märkte für Güter und Ideen, welche "ständig neue Ideen auf den Prüfstand stellen und erbarmungslos fallen lassen, was sich nicht bewährt, egal, ob es sich um innovative Gedanken oder jahrhundertealte Praktiken handelt."

Wer die freie Gesellschaft verstehen will, darf sich von ihren Erfolgen nicht blenden lassen. Harford führt uns "den langen, gewundenen, mit Niederlagen gepflasterten Weg" vor Augen, den selbst das schlichteste Produkt hinter sich hat, wenn wir es achtlos in den Einkaufswagen werfen.

Wettbewerbsbedingungen verändern

Er lässt uns über den "unfassbar schnell ablaufenden Prozess von Versuch und Irrtum" staunen, aus dem die "weltumspannenden Zuliefererketten und das koordinierte Zusammenspiel zahlreicher, über mehrere Kontinente verstreuter Menschen" entstehen. Eindringlich warnt er vor Politikern und Intellektuellen, die große Pläne für die Welt von morgen schmieden, aber die Komplexität und Unberechenbarkeit der sozialen Evolution unterschätzen.

Harford möchte uns nicht nur für die Erklärungskraft, sondern mehr noch für die praktische Relevanz dieses Denkens begeistern. Er ist voller Zuversicht, dass wir die Lernprozesse fördern und beschleunigen können, die uns den Lösungen für die globalen Probleme Schritt für Schritt näherbringen. Sein Rat: "Regierungen sollten nicht versuchen, einzelne Methoden zur Rettung der Welt herauszugreifen. Sie sollten vielmehr die Wettbewerbsbedingungen verändern, um jeden Menschen anzuregen, bei all seinen Entscheidungen das Wohl unseres Planeten im Hinterkopf zu behalten."

Eine solche Wirkung verspricht er sich etwa von einer Kohlenstoffsteuer. Jede nennenswerte Reduktion von Treibhausgasen erfordere eine "komplette Reorganisation unseres alltäglichen Lebens". Eine Steuer würde alle Bürger und Unternehmen belohnen, die Einsparungsmöglichkeiten ausfindig machen, und so die größtmögliche Anzahl von Menschen an der Suche nach effektiven Lösungen für das Klimaproblem beteiligen.

Netzwerk von Ökonomen

Zudem empfiehlt Harford Wissenschaftspreise als ein altbewährtes Mittel, um "kostenaufwendige, die Welt verändernde Innovationen anzuregen". Diese würden ein "völlig offenes Feld" schaffen, auf dem "die kühnste, riskanteste Idee am Ende den Sieg davontragen kann". Schon 1737 entdeckte ein Tischler eine Methode zur Bestimmung der geografischen Länge, für die das britische Parlament ein hohes Preisgeld ausgelobt hatte. Heute bieten Stiftungen und Regierungen stattliche Summen für neue Impfstoffe und andere Erfindungen, die viele Menschenleben retten könnten.

Im Experiment sieht Harford den wesentlichen Selektionsmechanismus der Wissenschaft. Er ist voller Lob für ein weltweites Netzwerk von Ökonomen, die mit kontrollierten Studien die Wirksamkeit unterschiedlichster Maßnahmen zur Armutsbekämpfung überprüfen. Gemeinsam mit den Armen entwickeln sie kreative Strategien gegen Missstände und vergleichen deren Effizienz. Von vielen Ergebnissen sind sie selbst überrascht. So erwies sich die Wurmbehandlung von Kindern in Kenia als eine unschlagbar billige Methode zur Verringerung von Fehlzeiten in der Schule.

Lob des lernenden Bürgers

Harford präsentiert viele weitere Vorschläge, die eine verbesserte Lernfähigkeit von Gesellschaften, Organisationen und Individuen zum Ziel haben. Er möchte Barrieren zwischen verschiedenen Sektoren des Finanzsystems errichten, damit die unvermeidlichen Fehler nicht das System gefährden. Er befürwortet die Neugründung von Städten, die offen für politische Experimente und Einwanderer sind. Außerdem zeigt er, wie Spitzenunternehmen, erfolgreiche Einheiten der US-Armee und starke Persönlichkeiten mit Schwächen und Rückschlägen umgehen.

Harford ist ein Linker, der die Staatsmacht zur Umverteilung einsetzen will. Er ist ein Konservativer, der den Absichten eifriger Sozialplaner misstraut, und ein Liberaler, für den alle Freiheitsrechte eine Einheit bilden. Er plädiert für Mäßigung und kluge Kompromisse, aber auch für die revolutionäre Beseitigung aller Klassenschranken.

Sein Buch erinnert daran, dass die moderne Gesellschaft auf Bürger angewiesen ist, die allen Differenzen zum Trotz voneinander lernen. Das Buch endet mit Samuel Becketts Worten: "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." Ist es das nun, das Geheimnis des Fortschritts? Oder gibt es doch keines?

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