Schule
Berliner schreibt boshaften Roman über seine Zunft
Michael Marten hat in einem Sabbatjahr das Buch "Drei Klausuren und ein Todesfall" geschrieben. Das Ergebnis ist eine bitterböse Satire.
Ganz leicht, fast schwebend hangelt sich eine daumengroße Spinne langbeinig an dem Bücherregal herab. 18 gelbe, dicke Duden ruhen in einer Staubschicht auf dem Schrank und sieben Stowasser "lateinisch-deutsches Schulwörterbuch" liegen in seinem Inneren. Der Geschichts- und Englischlehrer Michael Marten betrachtet den grazilen Achtbeiner bei seinen Kletterkünsten und zieht die Augenbrauen hoch. Dann erzählt er schnell von den fantastischen Notendurchschnitten der Abiturjahrgänge an der Gustav Heinemann Oberschule in Marienfelde und dass die Schüler hier sogar ab der fünften Klasse Japanisch lernen könnten. Das Lehrerzimmer sieht trotzdem aus wie der Gemeinschaftsraum einer chaotischen Literaturkommune aus den 80er Jahren.
So ähnlich stellt man sich auch das Lehrerzimmer in Michael Martens Roman "Drei Klausuren und ein Todesfall" vor. Hier beginnt ein Mobbing-Krieg zwischen den Lehrerkollegen, ausgelöst durch eine Referendarin mit bronzefarbener Haut. Der Wahlberliner Michael Marten lebt seit 1995 in Neukölln und hat sich in einem Sabbatjahr dazu entschieden, ein Buch zu schreiben, statt um die Welt zu reisen.
Die Pädagogen sind das Problem
Das Ergebnis ist eine bitterböse Satire, die sich nicht mit Problemschülern beschäftigt, sondern mit Problemlehrern. "Keine Parallelen zur Realität" beteuert Michael Marten. Es gebe vielleicht dem einen oder anderen Ansatzpunkt aus seinem Schulalltag, den er in seinem Buch zur Groteske überhöht habe. Die Spaltung des Kollegiums in verschiedene Lager, das gebe es "schon auch in echt". Da seien die konservativ-autoritären auf der einen und die liberal-nachsichtigen Pädagogen auf der anderen Seite. Er sei eher der liberale Typ, der bei Regelverstößen auf Schülerseite mal ein Auge zudrückt.
"Gerade in der Oberstufe funktioniert das ganz gut. Da kommt man mit sachlicher Argumentation auf Augenhöhe viel weiter als mit Druck", sagt Marten und wippt mit seinen dunkelblauen Chucks. Es sei wichtig, sich fair zu verhalten, die Schüler ernst zu nehmen und sie niemals mit Halbwahrheiten abzuspeisen. "Damit erübrigen sich viele Machtkämpfe von ganz allein", meint Marten. Warum er sich für den Lehrerberuf entschieden hat? Weiß er nicht mehr genau. "Phantasielosigkeit vermutlich", sagt er schließlich. Eine Eigenschaft, die man ihm nach der Lektüre seines Romans nicht wirklich zutraut. Zu boshaft sind die Charakterisierungen der Protagonisten, zu absurd die Entwicklungen des zerstrittenen Kollegiums. Heute ist er jedenfalls glücklich damit, junge Menschen für Otto von Bismarck zu begeistern oder für die Auswirkungen des 30 jährigen Krieges.
Ist er denn auch ein cooler Lehrer? Ein beliebter? Einer, der mit liebevollen Anekdoten in der Abizeitung charakterisiert wird? "Ach, das weiß ich jetzt auch nicht", sagt Marten und verschränkt die Arme vor der Brust. Manchmal werfen ihm seine Schüler vor, er lebe hinter dem Mond. Weil er keinen Fernseher hat, kein Smartphone (nicht mal ein Handy) und einen Facebook-Account sowieso nicht. "Brauche ich alles nicht" sagt Marten und nickt, dass der Schurrbart wippt.
Das größte Problem in seiner Schülerschaft sieht er darin, dass die jungen Leute zu wenig echte Bücher lesen und sie sich in Folge dessen nicht mehr so gut auf lange Texte konzentrieren können, ihre Rechtschreibung schwächer wird und die Allgemeinbildung nachlässt. "Früher kannte jeder 14-Jährige sämtliche Karl-May-Bücher. Heute lesen die eben Kurznachrichten bei Twitter", seufzt Marten. Schüler, die nicht lesen, und Lehrer, die nichts mit dem Web 2.0 zu tun haben wollen. Aber sollten nicht gerade liberal eingestellte Lehrer darum bemüht sein, an den Lebenswirklichkeiten der Schüler teilzuhaben?
Wenn sich Marten im Unterricht umdreht, um etwas an die Tafel zu schreiben, während die Schüler am Computer arbeiten sollen, verschwinden 90 Prozent von ihnen sofort zwischen den Posts und Links und Likes bei Facebook. Was die Schüler da so ganz genau treiben, weiß Marten nicht. "Aber wissen Sie was?" sagt er plötzlich, "Sie haben vollkommen recht. Ich sollte mich mal damit beschäftigen!" Denn eigentlich hat er immer gerne Neues ausprobiert. Zum Beispiel, als er sich für sein Volontariat nach Griechenland versetzen ließ. Oder eben, als er einfach mal versucht hat, ein Buch zu schreiben. 2006 war das. Doch als sich die Absagen stapelten, reagierte Marten bockig: "Die haben es nicht richtig gelesen oder nicht verstanden", war seine erste Erklärung. Erst nach und nach stellte er sich die unangenehme Frage, ob sein Roman vielleicht nicht gut genug ist.
Wie werden die Kollegen reagieren?
"Dann habe ich jemanden gefragt, der sich damit auskennt, und angefangen, alles zu überarbeiten". Marten hat seitenweise gekürzt, die Charakterzüge seiner Protagonisten verfeinert, Pointen zugespitzt und versucht, sich noch stärker aufs Wesentliche zu konzentrieren. Jetzt ist er gespannt, wie sein Kollegenkreis auf das Buch reagiert. Bisher hat kaum jemand etwas mitbekommen, weil große Ferien sind. "Und nicht mit allen teilt man den selben Humor", sagt Marten vorsichtig. Macht aber nichts. Man könne sich ja aus dem Weg gehen. In dem Lehrerzimmer mit den verstaubten Büchertürmen ist dafür allerdings wenig Platz.
Die Spinne ist verschwunden, zwei Kaffeetässchen mit Goldrand glänzen in der Nachmittagssonne. "Vielleicht", sagt Marten und starrt und auf einen vergilbten Wandkalender der Rathaus-Apotheke, "vielleicht schreibe ich auch einfach noch ein Buch."
Michael Marten: Drei Klausuren und ein Todesfall. Satyr Verlag Berlin, 205 Seiten, 14, 90 Euro















