04.08.12

Architektur

Rettet die Privatsphäre vor dem öffentlichen Raum!

Vor dem Haus ist hinter dem Haus: Alle wollen den öffentlichen Raum retten. Dabei ist der private viel bedrohter. Schuld ist die moderne Architektur, die den Mensch aus dem Blick verloren hat.

Foto: DPA
Die Elsa - Ein Mainzer Hochhausdorf
Das Treiben im Haus gegenüber immer im Blick: In den Städtebaukonzepten des 20. Jahrhunderts kommt der Bewohner als Individuum nicht mehr vor. Hier das wohl größte Hochhausdorf von Rheinland-Pfalz, die "Elsa" in Mainz

Kein Thema diskutiert die Planungswissenschaft so leidenschaftlich wie die "Privatisierung des öffentlichen Raums". Festgemacht wird diese vermeintlich von Amerika ausgehende Gefahr am Vordringen eingezäunter Wohnquartiere auf der einen und großer Shoppingmalls auf der anderen Seite, in denen Privatpolizisten, Privatgesetze und private Hausordnungen das öffentliche Leben regulieren – sehr zum Missvergnügen von Sprayern, Bettlern, Straßenmusikanten und Hundehaltern.

Bundesbauminister Ramsauer war das Thema sogar eine "öffentliche Baukulturwerkstatt" wert. "Flashmobs, Facebook-Partys, Überwachungskameras, Vandalismus, Kulturveranstaltungen – wie funktioniert öffentlicher Raum? Fördert er Urbanität, oder dient er nur noch als Laufsteg des Konsums? Ist er Opfer der Verkehrsplanung oder Aktionsraum aller Stadtakteure? Wie zufällig ist die Begegnung der gesellschaftlichen Gruppen hier, und wer steuert sie? Und was bedeutet 'öffentlich' heute im Sinne von Baukultur?" Antworten holte man von Medienphilosophen, "Raumtaktikern" und Künstlern ein – ohne sich klarzumachen, dass öffentlicher Raum in Zeiten des Internet ein viel weniger bedrohter Bereich als die Privatheit ist.

Ein für Wohnzufriedenheit elementarer Faktor ist verlorengegangen

Einer am Menschen und seinen Bedürfnissen orientierten Planung hätte es sehr viel früher auffallen müssen. Die Privatheit städtischer Wohnkultur hat ihre jahrhundertelang das städtische Wohnen prägenden Reservate eingebüßt, lange bevor der Wandel und die Degeneration des öffentlichen Raums in den Städten beklagt wurde. Dass dabei ein für die Wohnzufriedenheit elementarer Faktor verloren ging, ist eine Erfahrung, die erst heute, da die Innenstadt als Wohnort neu entdeckt wird, allmählich und sehr verhalten ins Bewusstsein dringt.

Im klassischen Dorf sind die Grundstücke klar und deutlich gegeneinander abgeteilt. Der Blick ins Innere des Hofes ist oft durch Mauern, hohe Gewächse, Zäune und an die Stirnseite des Grundstücks gerückte Gebäude verwehrt. Was hinter dieser Verschanzung geschieht, ist Angelegenheit der Eigentümer und ihrer nächsten Angestellten. Ob und in welcher Weise Kommunikation stattfindet, unterliegt ihrer Kontrolle.

Von diesen Reservaten des Privaten ist in der modernen Großstadt nur noch die Wohnung als solche geblieben. Für die Moderne, die neue Menschen entwickeln wollte, war der "alte Mensch" mit seinen Bedürfnissen nur noch ein Fossil. Die Scheidung zwischen öffentlichen und privaten Zonen war – und bleibt – suspekt. Dass dies ganz wesentlich zulasten der Privatheit ging, hat Hannah Arendt lange vor der Erfindung von Facebook von der Beobachtung abgeleitet, "dass die moderne Gesellschaft die mit den Lebensnotwendigkeiten verbundenen Tätigkeiten und Funktionen aus ihrem jahrtausendealten Versteck an das Licht der Öffentlichkeit gebracht hat."

Höfe für Kinderspiel, Wäschebleiche und Geselligkeit

In der Kulturentwicklung der Menschheit hat sich ein zwiespältiges Verhältnis zu dem herausgebildet, was uns lange als "privat" und auf keinen Fall für die Öffentlichkeit bestimmt erschien. Schon das römische Atriumhaus kultivierte einen, wenn auch eng bemessenen, Bereich als Konserve der alten ländlichen Privatheit in Gestalt des Atriums, des innen liegenden, himmeloffenen, nur den Hausbewohnern zugänglichen Hofes. In der Mittelalterstadt weitete sich diese Fläche zum Hof hinter dem Haus.

Eine ganz neue Rolle wuchs diesem Rückzugsbereich in der Zeit der Bevölkerungsexplosion und der Großstadtwerdung am Ende des 19. Jahrhunderts zu. In den Innenbereichen der neuen Blockrandquartiere entstanden große zusammenhängende "halbprivate" Zonen: die anfangs üppig bemessenen Höfe. Sie waren ausschließlich der Nutzung durch die Anlieger vorbehalten, dienten dem Kinderspiel, der Wäschebleiche und Geselligkeit, gewährten den Nachbarn aber Einblicke weit über das eigene Grundstück hinaus.

Gegen den öffentlichen Raum bildeten die sich bis zu sechs Geschosse auftürmenden Vorderhäuser dagegen einen perfekten Sicht- und Lärmschutz, der weder vom Rattern der Pferdewagen über das Buckelpflaster noch von dem von Schopenhauer beklagten Knallen der Kutscherpeitschen einen Laut nach drinnen dringen ließ.

Wind, Abgase, Lärm machen das Innen zum Außen

Erst der neue, so lange gefeierte Zeilenbau, das Punkthochhaus, die "fließenden" Stadträume und offenen Plätze der Moderne brachen diese sinnreiche Gliederung auf. Sie kennen keine internen Freiräume, keine (halb-)privaten Rückzugsräume mehr. Vor dem Haus ist hinter dem Haus. Wind, Abgase, Lärm, Fahrradwege, Spielplätze und Skateranlagen machen das Innen zum Außen und stellen den einzelnen Bewohner mit allen seinen Regungen und Zuckungen wie ein Zootier öffentlich aus.

Es ist diese Deformation der Begriffe vom städtischen Wohnen, die der Renaissance der Innenstädte entgegensteht. In den revolutionären Städtebaukonzepten des 20. Jahrhunderts kommt der Bewohner als Individuum nicht mehr vor. Zwar konnte er den Balkon als letzten himmeloffenen Freiraum retten, aber es ist endgültig kein persönlicher Freiraum mehr – kein Rückzugsgebiet, sondern eine öffentliche Bühne, die von vierhundert Fenstern aus eingesehen werden kann. Jahrzehnte bevor das Internet die Privatsphäre großer Bevölkerungsgruppen zugänglich gemacht hat, funktionierte der tausendäugige Kontrollapparat, dem die moderne Planung die Wohnmaschine ausgeliefert hat.

Wenn aber das Private veröffentlicht ist, geht auch dem Öffentlichen die Öffentlichkeit verloren. Das Öffentliche und das Private mischen sich, weil ihre Abgrenzungen fallen. Parks werden zu Liegewiesen und Grillplätzen, Bürgersteige zu Freiluftrestaurants, Innenhöfe und ganze Stadtquartiere zu Einkaufscentern. Zu den Blumenkübeln auf Straßen und Plätzen gesellen sich Zäune, Pilzstrahler und Heizsonnen, Sonnenschirme und Plastikmöbel. Der öffentliche Raum wird von Investoren und Nutzern "beschlagnahmt" – ohne Rücksicht auf die jahrhundertealte Rechtskultur des Öffentlichen wie des Privaten.

Hannah Arendts Erkenntnis hat sich nicht durchgesetzt

Niemand hat diese Verschränkung des Öffentlichen und des Privaten so früh und so grundsätzlich kritisiert wie Hannah Arendt. Schon in dem zitierten Essay von 1958 spricht sie davon, "dass das Absterben des Öffentlichen von einer radikalen Bedrohung des Privaten begleitet ist" und eine "wirkliche Enteignung" bedeutet, die eine Gefahr "für das Menschsein überhaupt in sich birgt". Denn "kein Teil der uns gemeinsamen Welt wird so dringend und vordringlich von uns benötigt wie das kleine Stück Welt, das uns gehört zum täglichen Gebrauch und Verbrauch". Doch diese Erkenntnis hat sich nicht durchgesetzt.

So ignoriert die sich zaghaft zurückmeldende neue Blockrandbebauung standhaft das Bedürfnis, das so viele einstige Städter zur Flucht in das Einfamilienhaus am Stadtrand verleitet hat: sich einen Ort zu schaffen, "an den wir uns von der Welt zurückziehen können" (Arendt). Fast keine dieser neuen Blockstrukturen kommt ohne wahllos hineingesägte Lücken aus. Privatheit, "Intimität" kann sich auf diese Weise nicht einmal in Ansätzen entwickeln.

Die Blocköffnungen werden zu Schleusen für den Radfahr- und Skaterverkehr, die Sträucher zu öffentlichen Toiletten, die freigehaltenen Wiesen zu Bolzplätzen. Die grauenhafteste Entstellung wird diesen Hofbereichen dort zuteil, wo sie auch noch mit Zäunen und Mauern unterteilt, mit Schuppen und Garagen vollgestopft und mit Spielgeräten verunstaltet werden, mit denen Privatheit simuliert, tatsächlich aber karikiert wird.

Wer es mit der Renaissance der Städte wirklich ernst meint, wird sich an die berühmten Verse von Kurt Tucholsky halten müssen: "Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,/ vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße." Auch wenn das Bild nur verkehrtherum funktioniert: vorn der öffentliche Raum und hinten der private, vorn die Friedrichstraße und hinten das Grün – an der Bedeutung dieser deutlichen Trennung beider Bereiche, die für den Menschen so unerlässlich ist, hat sich auch im 21. Jahrhundert nichts geändert.

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