03.08.12

Tod mit 33

"Sie war ein Chamäleon, das sich selbst treu blieb"

Gerne zu Faxen aufgelegt, die langen Haare unbändig um sich schmeißend, als handele es sich um eine Waffe: Mit nur 33 Jahren ist die Pianistin Mihaela Ursuleasa überraschend gestorben. Ein Nachruf.

Foto: Arts Management Group
In Wien ließ sie sich nieder, nachdem sie Claudio Abbado vorgespielt hatte und von diesem zur Behutsamkeit und zum Sich-Zeit-Lassen ermahnt worden war: Mihaela Ursuleasa
In Wien ließ sie sich nieder, nachdem sie Claudio Abbado vorgespielt hatte und von diesem zur Behutsamkeit und zum Sich-Zeit-Lassen ermahnt worden war: Mihaela Ursuleasa

Sie war pianistischer Irrwitz pur. Ein Temperamentsbündel, das jederzeit explodieren konnte. Sie trat als stets lachende Dritte auf. Und wirkte fast wie brünettes Gift. Mihaela Ursuleasa, die in ihrer Wiener Wohnung völlig unerwartet gestorben ist, war eine der sympathischsten Rand-Erscheinungen in der neu erstandenen Welt der Klavier-Mädchen.

Zu fraulich-erwachsen, um sich dem glatten Image eines Girlies zu fügen. Zu eigensinnig im Repertoire, um in den Tourneeplänen konservativer Konzertveranstalter mitzulaufen. Eine schöne Individualistin, und dabei so pianistisch wild, dass man sie ohne weiteres als die Patricia Kopatchinskaya des Klaviers bezeichnen könnte – also als Klavierausgabe jenes Geigenwirbelwinds, mit dem sie seit vielen Jahren auch privat befreundet war.

Von Abbado zur Behutsamkeit ermahnt

Gerne zu Faxen aufgelegt, die langen Haare unbändig um sich schmeißend, als handele es sich um eine Waffe, so war sie. Das Strahlen und Lachen dieser Pianistin musste man bemerken, um nicht beinahe bedroht zu sein von ihrer außerordentlichen, fast aufdringlichen Präsenz. Sie trug Lederjacken und wallende Wickelröcke.

Sie war ein Fan des Wiener Naschmarkts. Aus einer "halben Zigeunerfamilie" stamme sie, so Ursuleasa. In Wien ließ sie sich nieder, nachdem sie Claudio Abbado vorgespielt hatte und von diesem zur Behutsamkeit und zum Sich-Zeit-Lassen ermahnt worden war.

Geboren am 27. September 1978 in Brasov (im Südosten Siebenbürgens), entstammte sie – ähnlich wie Kopatchinskaya – einer grundmusikalischen Familie, die stark in der Volksmusik ihres Landes verwurzelt war. Ihr Vater, Jazz-Pianist, und ihre singende Mutter hatten sich über die Musik kennengelernt und, wie die Tochter behauptete, "seit dem ersten Augenblick jeden Tag zusammen musiziert". Die kleine Mihaela galt als Wunderkind. Mit neun Jahren spielte sie sämtliche Klaviersonaten von Beethoven.

Schon mit sieben Jahren hatte sie debütiert. So jung, dass sie darauf bestand, ihre zottelige Puppe müsse neben ihr auf dem Klavier thronen, sonst sie spiele sie nicht. In diese Puppe hat sie sich nachher in gewisser Weise selbst verwandelt. Denn ihr haftete nichts Ätherisches, nichts Abgehobenes oder Verfreaktes an. Dazu war die ehemalige Leistungssportlerin zu energetisch, zu offensiv auf Sympathie erpicht und zu sehr Teamplayerin.

Oft wurde sie mit Martha Argerich verglichen

Einige ihrer eindrücklichsten Auftritte hatte sie im Verein mit der Familie von Patricia Kopatchinskaya, ebenso mit der Cellistin Sol Gabetta. Dabei ging sie in einem rauschhaften Musizieren auf, ekstatisch zuckend und innerlich glühend. Statt mit Chopin oder Beethoven auf den eigenen Ruhm zu setzen, engagierte sie sich für rumänische Landsleute wie George Enescu und Paul Constantiniescu. Natürlich bildeten die Werke Béla Bartoks ein Zentrum ihres Repertoires. Die konnte sie mit sanguinischer Erdung erfüllen wie kaum eine andere.

Ihre Meinung war, "dass es ohne Folklore auch keine Kunstmusik gäbe". Und genau diese Klugheit stempelte sie in dem heutigen, auf traditionelle Ideale verpflichteten Klassik-Betrieb zur Außenseiterin. Oft wurde sie mit Martha Argerich verglichen, der sie äußerlich etwas ähneln konnte. Doch das Spiel Ursuleasas hatte nichts katzenhaft Unberechenbares. Sondern wirkte viel bekenntnishafter, zuweilen uneben und betont impulsiv.

Der knobelnde Anschlag, die prasselnden Triller und ihre Neigung zum Lautspielen bewahrten ihr jene Fremdheit und Widerständigkeit, die zum Markenzeichen dieser Pianistin wurden. Sie war eine Unterschätzte. Und schien äußerlich so, als ob sie nicht darunter leide.

Privat war sie mit dem Komponisten Thomas Larcher liiert. Sie hinterlässt eine Tochter. Bezeichnet hat sie sich selber als "ein Chamläeon, das sich selbst treu bleibt". Kann man es schöner sagen? Wie traurig, dass sich die Erwartungen für diese Solitärin, die keine Einzelgängerin war, nicht erfüllen konnten. Am Freitag hätte sie im Berliner Konzerthaus auftreten sollen. Mihaela Ursuleasa starb am Donnerstag in Wien an den Folgen einer Gehirnblutung. Sie wurde 33 Jahre alt.

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