03.08.12

Glosse

Nichts ist absurder als die Wirklichkeit

Ein Journalist des "New Yorker" hat zugegeben, Zitate von Bob Dylan erfunden zu haben. Inzwischen hat Jonah Lehrer seinen Job gekündigt. Doch auch der Zitierte nahm es mit geistigem Eigentum nicht so genau.

Foto: thelavinagency.com
Lange der angesagteste amerikanische Sachbuch-Autor, außerdem Redakteur beim ehrwürdigen "New Yorker" gewesen: Jonah Lehrer
Lange der angesagteste amerikanische Sachbuch-Autor, außerdem Redakteur beim ehrwürdigen "New Yorker" gewesen: Jonah Lehrer

Bob Dylan hat seit jeher eine entspannte Einstellung zum geistigen Eigentum. In seiner Jugend schickte er dem "Herzl Herald", einer jüdischen Sommercamp-Zeitschrift, ein Gedicht mit dem Titel "Little Buddy". Er hatte es Zeile für Zeile beim Countrysänger Hank Snow abgekupfert. Dessen ungeachtet setzte er stolz seine Signatur darunter: Bobby Zimmerman. Später klaute er behutsamer, variierte Verse toter Poeten, etwa auf dem Album "Modern Times" (2006), für das er sich großzügig beim Bürgerkriegsdichter Henry Timrod bediente.

Im Song "Spirit on the Water" paraphrasiert Dylan sachte eine Passage aus Timrods "Two Portraits": "How then, O weary one!", heißt es da: "Explain the sources of that hidden pain". Dylan macht daraus: "Can't explain/ The sources of this hidden pain". Die Quellen verborgenen Schmerzes kann oder will er also nicht erklären. Im Booklet der Platte war von Timrod jedenfalls nicht die Rede; die Entdeckung war akribischen Dylanologen vorbehalten.

Über Dylan-Aussagen gestolpert

Bekanntlich ist nichts absurder als die Wirklichkeit. So stimmt es wohl auch, dass jetzt ausgerechnet Bob Dylan zugeschriebene Zitate, in denen es ums Erklären kreativer Prozesse geht, getürkt sein sollen. Jonah Lehrer, bis circa vorgestern der angesagteste amerikanische Sachbuch-Autor und Redakteur beim ehrwürdigen "New Yorker", kann die Quellen seines mittlerweile ganz offen liegenden Schmerzes auch nicht erklären. Ein Journalist und Dylan-Fan namens Michael C. Moynihan wunderte sich bei der Lektüre des ersten Kapitels von Lehrers kürzlich erschienenem Buch "Imagine", das in Deutschland eigentlich Ende August mit dem Untertitel "Wie das kreative Gehirn funktioniert" herauskommen sollte.

Moynihan stolperte über lauter Dylan-Aussagen, die er entweder nicht kannte oder die ihm unwahrscheinlich erschienen. Lehrer – 31-jähriger Darling der Verlagsbranche, weil er es wie kein anderer schafft (nicht mal Malcolm Gladwell), unterhaltsam und im gefragten Selbsthilfe-Duktus von der Neurowissenschaft zu erzählen – behauptete anfangs, aus seltenen Quellen zu schöpfen.

Er gab zu, schlicht gelogen zu haben

Schließlich gab er aber zu, schlicht gelogen zu haben. Wie es ihm in den Kram passte, stellte er Zitate in irreführende Kontexte, bastelte Jahrzehnte auseinanderliegende Aussagen zusammen oder erfand sie kurzerhand selbst. Ein paar Tage später war er seinen Job beim "New Yorker" los, wo er schon vor ein paar Wochen unangenehm aufgefallen war, weil er – ohne das kenntlich zu machen – sich selbst plagiiert hatte. Sein Verlag, der offenbar schon 200.000 Exemplare des Buchs verkauft hat, ruft sie zurück und stampft sie ein.

Für C.H. Beck, wo "Imagine" – das noch viel kreativer zu sein scheint, als man es für möglich hielt – erscheinen sollte, ist das alles natürlich sehr unangenehm. "Auf keinen Fall Ende August und auf keinen Fall in dieser Form" werde das Buch kommen, erklärte eine Sprecherin auf Nachfrage. Die Antwort auf die Frage, ob es jemals erscheinen wird, kennt ganz allein der Wind.

Bob Dylan hat sich zu der ganzen Sache übrigens nicht geäußert. Womöglich arbeitet er fieberhaft an einem Bonus-Track für sein neues Album, das im September erscheinen soll: "The Quotes They Are a-Changin'".

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