01.08.12

Soziales Netzwerk

Wenn es um Geld geht, zensiert auch Twitter

Kein Platz mehr für Ideale: Nachdem der Kurznachrichtendienst den Account eines britischen Journalisten gesperrt hat, sind viele Nutzer empört. Auch, weil die Rechtfertigung schmallippig ausfällt.

Foto: DAPD
Twitter in weiten Teilen der Welt kurzzeitig nicht aufrufbar
Weil Twitter einem Journalisten den Account sperrte, provozierte das soziale Netzwerk den Protest vieler seiner Nutzer

Das Zwitschern der Vögel ist für viele wie die Musik der Freiheit. Allmorgendlich ertönt es wie ein herrliches Versprechen auf Aufbruch und Neuanfang, eine Vision, die auch die jugendlichen Twitterer der Arabellion beflügelte. Doch der gefiederte Singsang tönt täuschend ähnlich auch aus den Volièren dieser Welt, wo man die munteren Geschöpfe hinter Gitterstäben hält.

Das Bild von der schleichenden Zähmung des gefeierten Freiheitsmediums Twitter nimmt allmählich Kontur an. Denn der Kurznachrichtendienst bedient sich immer gröberer Filter, um die Freiheit der sozialen Kommunikation nicht ins Uferlose und damit ins ökonomisch und politisch Prekäre auswachsen zu lassen. Bereits die Ankündigung von Twitter zu Anfang des Jahres, künftig nationale Zensurvorschriften zu befolgen, um in so lukrative Märkte wie China oder die Golfstaaten hineinschwärmen zu dürfen, hatte bei den geschätzten weltweit 100 Millionen Usern heftige Proteste ausgelöst.

Protestensturm heraufbeschworen

Jetzt empört sie der Ausschluss eines Journalisten, dem der Kurznachrichtendienst den Account sperrte. Guy Adams, Korrespondent des britischen Blattes "The Independent", hatte in einem Tweet dazu aufgerufen, sich bei Gary Zenkel, dem Manager des amerikanischen Fernsehsenders NBC, über die Olympiaberichterstattung zu beschweren, was zu Tausenden Protesten führte. NBC hatte die Spiele nicht live, sondern mit mehreren Stunden Verzögerung in die USA übertragen, wohl in Absprache mit seinen Werbekunden.

Was Adams nicht wissen konnte: Twitter und der TV-Sender sind für die Olympischen Spiele in London eine lukrative Medienpartnerschaft eingegangen. Leicht vorstellbar also, dass NBC Protest gegen die Aktion des Korrespondenten einlegte. Doch der Sender wiegelte ab: Twitter habe von sich aus den Zugang gesperrt, weil Adams mit der Nennung der persönlichen E-Mail-Adresse des NBC-Managers gegen hauseigene Richtlinien verstoßen habe.

Empörte Reaktion der Twitter-Gemeinde

Wie immer der Zensurvorstoß motiviert ist, die empörte Reaktion der Twitter-Gemeinde wirft ein bezeichnendes Licht auf die Naivität, mit der die meist jugendlichen Zwitscherer noch immer an die Unschuld ihres Freiheitsmediums glauben. Doch es gibt keine macht- und ökonomiefreien Räume, auch Freiheitsfeinde dürfen die Social Networks nutzen.

Dass der saudische-arabische Prinz al-Walid Bin Talal im vergangenen Jahr 300 Millionen Dollar in das Unternehmen Twitter investierte, ist ja auch nicht gerade ein Hoffnungszeichen für grenzenlose Liberalität. Und nach Google, Yahoo oder Microsoft bekommt nun auch Twitter die Macht ökonomischer oder politischer Lobbyisten zu spüren, die ihre Märkte nur unter Bedingungen für Kommunikationsdienste öffnen. Aber der Lernprozess hat ja eben erst begonnen. Bleibt die Hoffnung, dass die Gängelung der sozialen Netze durch findige Neugründungen unterlaufen wird – bis zum nächsten Kompromiss.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
title
Aktualisiert vor 16 MinutenHellersdorf
Mädchen vermisst – Berliner Polizei sucht achtjährige Sharlyn

In Hellersdorf wird seit Montagvormittag ein Mädchen vermisst. Die Suche nach der Achtjährigen blieb bisher erfolglos. Die Polizei hat ein Foto veröffentlicht und bittet um Mithilfe. mehr...

Astronomie
19:00Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Dienstag

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Dienstag, den 21. Mai. mehr...


BVG-Tarifverhandlungen stehen vor einer kritischen Runde
13:43Kritische Tarifrunde
Bei der BVG laufen bereits Vorbereitungen für einen Streik

In Berlin drohen neue Streiks im Nahverkehr. Am Dienstag treffen sich die Gewerkschaft und die BVG-Arbeitgeberseite, um über noch einmal über den Tarifvertrag zu beraten, Streikvorbereitungen laufen. mehr...


Der BER war vor allem wegen Mängeln beim Brandschutz nicht gestartet - die zuständige Behörde hatte die Genehmigung der Anlage verweigert
13:07Brandschutzanlage
Am BER startet das erste Umbauprojekt seit Mehdorns Antritt

Wann der BER eröffnet, ist noch immer völlig unklar. Nun soll zumindest ein großes Manko beseitigt werden: Die Sprinkleranlage wird umgebaut, statt einer zentralen soll es drei separate Anlagen geben. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
Unwetter Starke Tornados verwüsten vier US-Bundesstaaten
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Zweite Liga

Die Aufstiegsfeier von Hertha

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote