01.08.12

Gore Vidal

Unter den Literatur-Machos war er die einzige Tunte

Linker politischer Publizist, auflagenstarker Romancier, vielbeschäftigter Stücke- und Drehbuchschreiber: Mit Gore Vidal ist die letzte große Krawallschachtel Amerikas gestorben.

Foto: DAPD
US-Literat Gore Vidal mit 86 Jahren gestorben
86-jährig in seinem Haus in Los Angeles gestorben: Gore Vidal (hier auf einem Foto von 1974)

Welchen Vidal hätten Sie denn gerne? Den politischen? Bitte sehr: "Amerika hat ein Einparteiensystem mit zwei rechten Flügeln." Den Dandy? Da, schauen's: "Stil heißt zu wissen, wer man ist, was man will – und sich dann nicht darum zu kümmern." Oder doch lieber gleich die böse, alte Tunte? Also dann: "Erfolg zu haben genügt nicht; die anderen sollen scheitern."

Das alles und noch viel mehr war Gore Vidal, der linke politische Publizist, der auflagenstarke Romancier, der vielbeschäftigte Stücke- und Drehbuchschreiber, aber vor allem anderen die letzte große Krawallschachtel Amerikas.

Nachbar alter Hollywood-Legenden

86-jährig ist er jetzt in seinem Haus in Los Angeles gestorben, als Nachbar alter Hollywood-Legenden, und genau da gehörte er hin, ins Showbiz, in die große Welt der beautiful, glamorous people, von der er immer ein Teil war, auch wenn er sich in der Rolle dessen gefiel, der abseits stand, der nur beobachtete, der das Tun und Trachten der "Entscheider" schneidend verachtete und ihr Auftreten einer gnadenlosen Stilkritik unterzog.

Aber wehe er wurde dann doch mal zu einem Empfang auf höchster Ebene, zu einer Party der gerade Angesagten nicht geladen. Dann war die Wut groß, dann goss er die Schalen seines Spottes mit noch mehr Schwung aus als sonst.

Aber im Großen und Ganzen segelte er sein ganzes Leben lang auf der Erfolgsbahn, verkehrte mit denen, auf die es ankam. Selbstbewusst, wie er war, gelang es ihm, bis ins Weiße Haus hinauf diejenigen zu bezaubern, die er beeindrucken wollte. Schnell schloss er Freundschaften, und gern überwarf er sich auch. Er wusste schließlich, dass es auf längere Sicht ergiebiger und vor allem viel amüsanter ist, seine Feindschaften zu pflegen als seine Freundschaften.

Hahnenkämpfe zweier Superdiven des Kulturbetriebs

Das Hin und Her mit seinem "Ich bin süchtig, ich bin schwul, ich bin ein Genie"-Kumpel Truman Capote beglaubigt diese These. Nichts hat jedenfalls das Publikum der amerikanischen Gossip-Presse so begeistert wie die Hahnenkämpfe dieser beiden Superdiven des Kulturbetriebs: Capote warf Gore Vidal in immer neuen Varianten vor, dass er als Autor nichts tauge, und Gore Vidal konterte spitzzüngig damit, der werte Kollege möge zwar die avancierteren Bücher schreiben. Dafür kriege er aber sein Leben nicht auf die Reihe und vor allem die Männer nicht ins Bett, die er haben wolle.

Letzteres konnte Vidal nicht passieren. Er sah gut aus, wusste es und setzte es erfolgreich ein. Was seine Süchte anging (Alkohol sowieso, aber er behauptete auch, es gebe keine Droge, die er nicht ausprobiert habe), so beherrschte er sie, nicht sie ihn (wie es das Problem von Capote war).

Er war aber auch wirklich mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden. Seine Familie war mit den Kennedys befreundet, ein Großvater US-Senator für Oklahoma gewesen. Mit dem ehemaligen Vizepräsidenten Al Gore war man verwandt.

Auch literarisch auf der Überholspur

Auch literarisch befand sich Gore Vidal, der als Eugene Luther Vidal jr. am 3. Oktober 1925 in West Point/New York zur Welt gekommen war, von Anfang an auf der Überholspur. Schon sein Debüt "Williwaw", mit dem er 1946 seine Erfahrungen in der US-Army verarbeitete, verkaufte sich so gut, dass er von den Einnamen eine Weltreise unternehmen konnte.

Prompt forderte in seinem Folgebuch die Prüderie der US-amerikanischen Nachkriegsgesellschaft heraus und veröffentlichte 1948 den ersten offen schwulen Roman in der Literatur seines Landes, "The city and the pillar" (auf Deutsch und brav "Geschlossener Kreis" genannt).

Geschadet hat es ihm nicht. Da er auf dem Standpunkt stand: "Es gibt keine homo- oder heterosexuellen Personen, sondern nur homo- und heterosexuelle Handlungen", umgab er sich auch gern mit schönen Frauen, so dass selbst beinharte Schwulenhasser ihm ihre Hochachtung nicht versagen konnten.

Das Romaneschreiben fand Gore Vidal jedoch auf Dauer öde. Es zog ihn in die Politik. 1960 bewarb er sich mit dem einprägsamen Slogan "You' ll get more with Gore" als Kandidat der Demokraten um einen Sitz im Repräsentantenhaus.

Aber hier musste er dann doch mal eine Niederlage einstecken: Ein Republikaner machte das Rennen. Auch als Mitbegründer einer linksliberalen "People's Party" scheiterte Vidal 1970. Einblicke ins politische Geschäft hatte er dennoch gewonnen, und darauf kam es ihm letztlich mehr an.

Interesse an den Mechanismen der Macht

Was ihn interessierte, waren die Mechanismen der Macht. Und davon profitierte alsbald, was über Jahre hinweg sein literarisches Hauptgeschäft werden sollte. Zwar legte er mit der Geschichte einer Geschlechtsumwandlung ("Myra Breckenridge") 1968 noch einmal einen sensationellen belletristischen Kracher hin, aber wichtiger wurden ihm nun seine romanhaft aufgepeppten Biografien von historischen Größen wie Lincoln und Washington.

In diesem Genre setzte er am Ende seiner Karriere den ultimativen Schlusspunkt mit einer Lebensbeschreibung von Jesus ("Live from Golgatha", 1992).

Seinen vielen Bekannten aus der Fimbranche ist es zu verdanken, dass er auch immer wieder für Hollywood tätig war. Als eine Neubearbeitung von "Ben Hur" anstand, schmuggelte er eine schwule Komponente bei der Anlage der Titelfigur ein.

Noch heute mitreißend in ihrer bedrohungsschwangeren, schwülen Atmosphäre ist der Psychothriller "Suddenly last summer" mit der jungen Liz Taylor und der alternden Katherine Hepburn, in dem ebenfalls die uneingestandene, von seiner Familie verdrängte Homosexualität eines jungen Künstlers im Vordergrund steht, der auf grausame Weise ums Leben kommt.

Herumdrucksen war seine Sache nicht

Dabei war das Verdrängen und Herumdrucksen definitiv Vidals Sache nicht. Er gab sich vielmehr in allen Lebenslagen ganz ausgesprochen outspoken. Sein Leben ist der schönste, schillerndste Beweis dafür, dass nicht die Vorsichtigen, die Leisetreter und Zurückhaltenden das Rennen machen, sondern diejenigen, die den Mut besitzen, ganz sie selber zu sein.

Mag er literarisch auch nicht zu den ganz Großen der amerikanischen Literatur gezählt werden – gelesen wurde er, man rieb sich an ihm, man suchte seine Nähe. Dass man mit Literatur zur living legend werden kann, das kam einmal in Amerika gar nicht so selten vor, man denke an Hemingway und Fitzgerald, an Norman Mailer und Truman Capote.

Mit Gore Vidal ist nun der letzte aus dieser Reihe abgetreten. Von den Musterschülern, die heute die Szene beherrschen, heißen sie Ford oder Franzen, darf man sich in dieser Hinsicht nicht besonders viel versprechen.

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