30.07.12

Berliner Waldbühne

Tausende lauschen Konzert von Barenboims West Eastern Divan

Daniel Barenboim dirigierte in der Waldbühne sein Nahost-Jugendorchester. Die Besucher ließen sich auch von starkem Regen nicht schrecken.

Von J. Krause-Blouin
Foto: DPA
Daniel Barenboim - West-Eastern Divan Orchestra
Dirigent Daniel Barenboim probt mit dem West-Eastern Divan Orchestra

"Ob die Juden wohl auf der einen und die Palästinenser auf der anderen Seite sitzen?", fragt eine ältere Dame. Eine junge Frau mit Nerd-Brille auf der Nase, höchst wahrscheinlich Kunststudentin, antwortet geduldig: "Bestimmt nicht. Es geht ja darum, dass wir alle gleich sind."

Natürlich hat sie Recht, die junge Frau; am Sonntagabend spielte in der Berliner Waldbühne kein gewöhnliches Orchester, es handelt sich um das weltberühmte, symbolträchtige West Eastern Divan Orchestra (Wedo), benannt nach Goethes auf Gleichberechtigung zielenden Gedichtzyklus. 1999 wurde das Projekt vom Stardirigenten Daniel Barenboim und dem Literaturwissenschaftler Edward Said ins Leben gerufen. Es ist ein Orchester, das aus jungen israelischen sowie arabischen Musikern besteht. Sommer für Sommer kommen die Künstler im spanischen Sevilla zusammen – einer Gegend, in der vor Jahrhunderten Juden, Muslime und Christen friedlich, sich gegenseitig bereichernd zusammenlebten. Ziel ist ein interkultureller Dialog, der politische Grenzen überwindet – mit Hilfe klassischer Musik.

Das abendliche Wetter zeigt sich erstaunlich stabil und so werden im Freizeitpark Waldbühne eifrig Picknickdecken und Partytomaten ausgepackt. Frei nach dem Motto: Beethoven für alle. Ein blendend gelaunter Daniel Barenboim winkt ins Publikum. Noch Freitagnacht wurde ihm, der schon Wagner in Jerusalem aufführte, eine große Ehre zu Teil: Unter anderem an der Seite von Muhammad Ali durfte er an der Olympia-Eröffnungsfeier in London die olympische Flagge tragen. Als "der Mann, der aus Dissonanz Harmonie macht", wurde der 69-Jährige angekündigt. Man merkte Barenboim an, dass ihm das Wedo eine Herzensangelegenheit ist. Der olympische Gedanke wurde auch nach Berlin getragen: Auf ein friedliches Zusammenspiel.

Beethovens dritte Sinfonie in Es-Dur "Eroica", steht nach wie vor für die Ideale Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Dieses Motiv könnte kaum passender sein, es geht um mehr als sonntägliche Unterhaltung. Die Stimmung ist politisch geprägt, fröhlich und äußerst respektvoll; an den Pianissimo-Stellen wird es totenstill. Dramatisch geht es nach der Pause mit der berühmten "Fünften" weiter. Trotzdem darf man zum Fagott-Solo schon mal eine Bratwurst vertilgen oder vor lauter Überschwang zwischen den Sätzen klatschen. Ein leidenschaftlicher, hoch konzentrierter Daniel Barenboim erweckt den Eindruck, als könne er mit seinem Taktstock die Welt verbessern. Durchlässig wie ein guter Schauspieler, der für jede Phrase einen Subtext im Kopf hat und trotzdem die große Geschichte, die er erzählen möchte, nie aus den Augen verliert. Der ein oder andere entzündet symbolisch eine Wunderkerze. Ein kleines olympisches Feuer.

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