29.07.12

Denkfabrik

Guggenheim Lab brachte viel Lärm um Nichts

Mehr Spielwiese als Theoriepalast: Das umstrittene Lab schließt. Befürchtete Protestaktionen blieben aus, Besucherströme auch.

Foto: DPA
Eine Denkfabrik für Berlin sollte es sein: Doch das Guggenheim Lab zog nicht viele Besucher an. Nach sechs Wochen wurden nur 24.000 Gäste gezählt
Eine Denkfabrik für Berlin sollte es sein: Doch das Guggenheim Lab zog nicht viele Besucher an. Nach sechs Wochen wurden nur 24.000 Gäste gezählt

Von weitem sieht es irgendwie aus, wie im Leistungskurs Gemeinschaftskunde mit Schwerpunkt "geografische Übungen". Zwei junge Frauen stehen im Guggenheim-Lab an einem leichten Holztisch. Vor sich eine geklebte XXL-Stadtkarte mit dem Kiez Prenzlauer Berg, gerade werden die Straßen eingezeichnet. Als Malmittel verwendet Künstlerin Alexandra Toland "coffee strong" aus einer Tupperdose. "Kaffee ist heute alles", sagt sie. Am Nachmittag plant sie eine Safari quer durch den Kiez zum Thema Stadt und Essen. Wo finden wir die billigste Latte? Wie weit verbreitet ist hier der angesagte Bubble Tea? Und was essen Kids hier? Anhand dieser "essbaren Landschaft" will sie Rückschlüsse ziehen auf die Sozialstruktur der Nachbarschaft.

Nur 571 Besucher pro Tag

So also sieht das Denklabor im Pfefferberg aus an einem ganz normalen Tag. Mehr Spielwiese als Theoriepalast. An einem anderen Tag wurden Bezüge für Fahrradsättel genäht. Sie wissen schon, die meist roten mit den großen weißen Punkten, da wirkt das Fahrrad so wie zu Omas Zeiten. Dann gab es noch einen Kurs für den Bau einer Solarkaffeeröstmaschine. Witzige Idee, originell, ja, auch zukunftsorientiert, doch letztlich konnten die wenigstens damit konkret etwas anfangen. Was hat das mit Berlin zu tun, mit der Stadt, ihren Menschen? Dabei haben wir durchaus etwas übrig für lockeres Do-it-yourself, aber irgendwie wirkte dieses aus New York hoch eingeflogene Diskurs-Projekt gerade die ersten Wochen ratlos, beliebig und naiv. Schließlich hatte das Lab angekündigt, sich um "urbane Entwicklungen und die Zukunft in Großstädten" zu kümmern, es will als eines der US-Premium-Museen politische Leuchtkugel auswerfen an markanten Punkten des Globus. Erste Station war im vergangenen Jahr New York.

Blättert man durch das Programm, fällt auf, dass auch mit "Outdoor Fitness" oder "Lazy Sunday Cycle" beim besten Willen kein Berliner mehr an die Berliner Luft zu locken ist. "Ich kam mir oft vor wie in einer Bastelstunde", bringt es Kristin Schroth auf den Punkt, die Studentin wohnt in der Nähe des New Yorker Ablegers und schaut öfter mal vorbei, was so läuft am Pfefferberg. Wie ihr ging es auch anderen Besuchern – sie fremdelten mit dem Wanderlabor und seinem Programm. "Sehr praktisch" sei man in Berlin gewesen, so zieht Maria Nicanor, Kuratorin aus New York, dann auch Bilanz. Warum wirkten gerade hier viele Events nur wie nette Beschäftigungstherapien? – während es in New York analytischer zuging.

Manchmal kamen 20, manchmal dreißig Leute. Englisch war die Arbeitssprache für das sechswöchige Programm, dadurch fühlten sich einige ausgeschlossen. Über 24.000 Leute haben bislang die verschiedenen Events besucht. Das sind gerade mal 571 pro Tag. Ein gemischtes Publikum, vier bis 99 Jahre, Familien, Rentner, und das "typische Berliner Diskussionspublikum". So nennt es Maria Nicanor, verblüffend war für sie, "wie in Berlin die Leute mitmachen, teilnehmen und vor allem über Themen diskutieren, dranbleiben. Das ist in New York definitiv anders." Weniger um urbane Infrastrukturen und Architektur sei es in der Hauptstadt gegangen, mehr um Lifestyle, und darum "wie Leute leben und leben wollen".

Dennoch zeigte sich das Lab in den letzten Wochen wandelbar, es punktete mit jenen Veranstaltungen und Diskussionen, die konkret Stadtpolitik und Situationsanalysen zum Thema hatten, also eng an die Entwicklung des urbanen Gefüges geknüpft sind. Während also die Berliner Politik mit Fragen wie Mieten oder Wasser beschäftigt ist, machte das Lab Geschichte: "Zentrum Kalter Krieg: Checkpoint Charlie" hieß eine Runde. Es ging um den Erinnerungsort, das Museum und den unwürdigen Zustand des Areals, erbitterte Streitpunkte unter den Koalitionspartnern CDU und SPD, die sich darüber einen Kleinkrieg liefern.

"Wir haben es geschafft, eine gute, offene Diskussion zu führen", findet Nicanor. Für sie ist der Auftrag erfüllt. Verscheuert Berlin sein Tafelsilber, gibt es Alternativen zum Ausverkauf? Diese Fragen stellten sich rund um die Veranstaltung zum Thema "Neue Liegenschafts- und Mietpolitik in Berlin?" Leider sagten die zuständige Staatssekretärin und der Liegenschaftsfonds-Geschäftsführer ab. Die neuralgischen Punkte dieser Stadt liegen offen. Eine Gesprächsfortsetzung über den Abend hinaus wurde angekündigt.

Das was gut gelaufen ist im Lab, sagen viele, gibt es auch ohne Lab in Berlin. Diskussionsangebote und Streitkultur sind tatsächlich keine Mangelware in Berlin. Diskussionen – in Form von Konferenzen und Symposien – gibt es hier fast täglich an wechselnden Orten, zu wechselnden Sujets. Manchmal allerdings wünschten wir uns mehr Sachkompetenz. Die New Yorker hätten also noch viel stärker mit Berliner Stadtplanern, Soziologen, Architekten und Historikern zusammenarbeiten sollen. Natürlich hat niemand abschließende Antworten erwartet auf Fragen wie jene: "Wie wollen wir in Zukunft leben?" oder "Was wollen wir von unseren Technologien?". Es ist so, dass die Erwartungen an das Lab hoch gesteckt waren, geradezu übersteigert nach all den politischen Querelen um Standort, Sponsor und Ausrichtung. Nach den anfänglichen Protesten blieb es letztlich erstaunlich ruhig.

Verteufelt, verlegt, vergessen

Dabei hatte es zuvor, im März, heftig Ärger gegeben in Kreuzberg, wo der temporäre Freiluft-Guggenheim-Ufo ursprünglich landen wollte. Das Projekt wurde im Kiez von Aktivisten als Vorreiter der Gentrifizierung verteufelt. Das Ende vom Lied war, dass das Lab aus Sicherheitsgründen in die ehemalige Brauerei auf dem Pfefferberg verlegt wurde.

Maria Nicanor jedenfalls zieht positive Bilanz, Kritik nimmt sie gelassen: "Das Lab ist schlicht ein Angebot zur Diskussion. Es ist doch naiv zu denken, wir könnten die Welt verändern. Das war ein Experiment, eine urbane Konferenz. Jeder kann mitmachen – und etwas draus machen!" Allerdings bringt Outdoor-Yoga da auch nicht wirklich weiter.

Das ist das BMW Guggenheim Lab

Das BMW Guggenheim Lab ist ein auf sechs Jahre angelegtes Projekt für Experimente und öffentliche Programme. In neun Metropolen weltweit soll ein mobiles Labor aufgebaut werden und als eine Art Denkfabrik fungieren. Die erste Station war im vergangenen Jahr in New York. Nach Berlin folgt Ende dieses Jahres Mumbai.

Initiatoren sind die Solomon R. Guggenheim Foundation und der Autokonzern BMW. Nach Angaben der Stiftung beteiligt sich BMW nicht nur finanziell an dem Projekt, sondern ist auch an dessen Umsetzung beteiligt.

Kuratorin des Lab ist Maria Nicanor. Die gebürtige Spanierin studierte Kunstgeschichte in Madrid, Paris und New York und promovierte über Architekturgeschichte.

Das Programm in Berlin organisierte ein Team von Experten aus den Gebieten Kunst, Städte- und Verkehrsplanung, Architektur und Gesundheitswesen. Verantwortlich sind Corinne Rose, José Gómez-Márquez, Carlo Ratti und Rachel Smith.

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