Roman "Das Büro"
Das Ich ist auch nur ein Angestellter
Kühl wie klimatisierte Großraumluft und erfolgreich wie Harry Potter: J. J. Voskuils Roman "Das Büro" liefert grandiose Einsichten in den Alltag moderner Arbeitswelten.
Haben Sie das manchmal auch? Sie liegen des Nachts im Bett und meinen, Sie lägen in Ihrem Grab. Von unten aus der Grube sehen Sie Kollegen, die Sie schon vergessen hatten, kaum hatten Sie Ihren Schreibtisch halb geräumt, als Sie damals in Pension gingen. Ein bisschen nervös stehen sie herum. Sie wollen wieder zurück in den Dienst, sie sind immer im Dienst. Und Sie liegen da und fragen sich: Wie konnte es bloß dazu kommen, zu dieser unfassbaren Verschwendung von Lebenszeit, wie zur Verwechslung von Leben und Arbeit, wann hat das angefangen, wo war der Ausgang, den ich verpasst habe. Ich, der Angestellte.
Es gab mal eine Zeit, da war er uninteressant, dieser Angestellte. Da hat sich niemand für diesen eigentlichen Kern unserer Gesellschaft interessiert. Die Soziologie nicht. Und die Literatur erst recht nicht. Jetzt gerade scheinen sie wieder in Mode kommen, das Büro und seine Insassen, bei Thomas von Steinaecker und Jens Sparschuh in der Literatur, bei Christoph Bartmann im Großessay. Trotzdem schien etwas zu fehlen. Ein realistischer Roman aus dem Inneren der Angestelltenexistenz, einer, der ist wie das Leben von (beinahe) uns allen, in dem ein Angestellter selbst wissen will, wie es soweit kommen konnte.
Die Geschichte des Maarten Koning
Er schien allerdings bloß zu fehlen. Schon im Jahr 1996 nämlich war in den Niederlanden "Het Bureau 1: Meneer Beerta" erschienen, der erste von sieben Bänden einer geradezu volkskundlichen literarischen Untersuchung des Angestelltenwesens aus ihrem Inneren heraus. Und der Traum vom Moment am Grab und der Erkenntnis eines sinnlos verschwendeten Lebens war der Auslöser.
Johannes Jacobus Voskuil, Schriftsteller im Neben- und mehr als dreißig Jahre lang im Brotberuf wissenschaftlicher Beamter an einem fast vergessenen Volkskundeinstitut in Amsterdam, hatte diesen Traum. Und weil er so richtig gar kein Buch fand, das sein Problem mit der Lebensverschwendung der abhängig Beschäftigten erschöpfend und realistisch zu ergründen versuchte, schrieb er es selbst. Am 7. September 1990 fing er an. Mit der Geschichte des Maarten Koning, der am 1. Juli 1957, ausgerechnet und nicht zufällig seinem Geburtstag, den Dienst als wissenschaftlicher Beamter an einem fast vollkommen vergessenen Volkskundeinstitut antrat.
Was eigentlich gar nicht wollte. Als er dann unterschrieb, nahm sein alltägliches Unglück als Stellvertreter von uns allen seinen Lauf. Und eine geradezu aberwitzige Erfolgsgeschichte begann.
400.000 Exemplare vom "Büro" verkauft
Denn gut 5000 Seiten, sieben Bände und zehn Jahre später hatte Maarten Koning, hatte J. J. Voskuil etwas Unfassbares geschafft. Die Niederlande lagen im Büro-Fieber. "Het Bureau", die von 1996 an in Etappen publizierte Heptalogie Voskuils, war Kult. Die Niederländer standen wie weiland für Harry Potter morgens vor den Buchhandlungen, wenn der neue "Büro"-Band angekündigt war.
400.000 Exemplare wurden vom "Büro" verkauft, was auf Deutschland umgerechnet einer Auflage von gut zwei Millionen entspräche. Es gab Bureau-Führungen. Als das P. J. Meertens Instituut umzog, in dem Voskuil sein Angestelltenleben verbracht hatte und wie Maarten Koning Forschungen angestellt hatte über die Verwendung von Pferdenachgeburten für Fruchtbarkeitsrituale, kamen "Büro"-Touristen, die Angestellten trugen Namensschildchen am Revert, auf denen verzeichnet war, wer sie waren im "Büro". Eine krebskranke Politikerin ließ sich, weil sie befürchtete vor dem Finale vom "Büro" zu sterben, sicherheitshalber das Ende erzählen.
Ein seltsamer Sog geht davon aus
Es war ein Rausch. Und es hat 16 Jahre gedauert, bis er Deutschland erreichte. Übersetzt vom unermüdlichen Voskuil-Propheten Gerd Busse liegt jetzt "Direktor Beerta" vor (C. H. Beck. 25 €). Fast 900 Seiten, fest in beigem Karton verpackt, mit Gummiband kladdenartig zu verschließen, versehen mit Grundriss und einem Tableau des unendlich vielköpfigen Personals. Der Roman über die ersten acht Jahre im Büroleben des Volkskundlers Maarten Koning.
Und es geht ein seltsamer Sog davon aus. Es ist der Sog der sorgsam von grandiosen Einsichten und Episoden, großartigen Dialogen gebrochenen Langeweile (Voskuils Prosa ist so kühl und präzise und trocken wie klimatisierte Großraumluft), ein Sog, der einen mitnimmt und tröstet – man fühlt sich weniger allein. "Das Büro" ist aber mehr als ein Trost-, es ist ein Weltroman. Weil es immer noch in jedem größeren Büro ähnlich zugeht, weil seine Lektüre ist wie das Leben.
Ob sich J. J. Voskuil am Ende wirklich klar geworden ist darüber, wie es dazu kommen konnte, dass er den überwiegenden Teil seines Leben zwischen Karteikarten und Karteileichen verbracht hat, wissen wir nicht. Dass er Humor hatte, allerdings schon. Er ist freiwillig aus dem Leben geschieden. Am Tag der Arbeit im Jahr des Herrn 2008.















