Bayreuther Festspiele
Heuschreckenalarm, jetzt auch in Bayreuth
Der fliegende Kapitalist: Jan Philip Glogers "Holländer" eröffnet smart, aber brav die Bayreuther Festspiele. Eine ausgeglichene, musikalisch glückliche Produktion.
Das Unwetter kracht, der Seesturm tobt. Es jaulen die Hörner, es sirren die hohlen Streicherquinten im Tremolo-Diskant, dumpfe Trommelwirbel, schneidendes Blech. Da musste jetzt offenbar so richtig Dampf abgelassen werden. Fast scheint es so, als gibt in der Schwüle des frühen Bayreuther Premierenabends der unsichtbare Christian Thielemann im mystischen Abgrund musikalisch seinen Kommentar zu den Skandalwogen, die wieder mal bereits im Vorfeld diese Festspieleröffnung umgischteten.
Doch der längst mit diesen sehr speziellen Klangverhältnissen vertraute Dirigent, der Richard Wagners "Fliegenden Holländer", die früheste der im Hügelkanon zugelassenen Opern, erstmals hier leitet, kann natürlich auch anders. Im feinsten Dolce, dabei straff gespannt, blüht das Sentamotiv auf, keusch und zart führen es Eglischhorn und Hörner, dann Klarinette, Oboe und Flöte fort. Auch in die rustikalen Matrosentänze schmeißt sich Thielemann mit Spielopernfuror. Dämonie und Lebensfreude, Theatertemperament, nimm deinen Lauf.
Hier lodern nur die inneren Emotionen
Diese immer wieder faszinierend plakative, melodieselige, dabei meisterlich knapp erzählende Ouvertüre ist eine schöne Vorgabe für das, was kommt. Auf der Szene der überschaubar moderne Kontrapunkt zur Gespensterballade als fast schon zu abgeklärte, aufgeräumt nüchterne Regietheatersicht, mit lyrisch vorsichtigen Sängern, mit Ironie statt Emphase, natürlich ganz ohne Meer und Sturm. Hier lodern nur die inneren Emotionen – oder auch nicht.
Das scheinbar ortlose Orchester aber wird zum Haupthandelnden, famos präpariert, mal zusammengestaucht, mal sich dehnen dürfend, nimmermüde. Sichtbar dann weitergeführt von Eberhard Friedrichs Chorkollektiv, schlank, aber mit Wucht trumpfend, szenisch bewusst uniform als anonyme Masse, die sogar die Spinnstube hereinzieht. Das sind die Säulen, auf denen Bayreuth immer bauen kann, selbst wenn in der Feieremphase des dritten Bildes mal die Stimmen davontrippeln, von Steuermann Thielemann erst wieder eingefangen werden müssen.
Gloger will zeitgenössisch erzählen
Jan Philipp Gloger, 31 Jahre jung, mit seiner dritten Opernarbeit bereits auf den Grünen Hügel eingeladen, versucht die interpretatorische Bootsfahrt zwischen Skylla und Charybdis. Er ist ein Ausgleicher, will zeitgenössisch erzählen, die Motive von Weltekel, Materialismus, mädchenhaftem Wirrsinn, von Ideal und Ernüchterung, Utopie und Marktwirtschaft filettieren, aber Wagners Handlungsgerüst erhalten. Ein wenig musterknabenhaft kommt das rüber.
Sein zentrales Bild: der unbehauste Geschäftsweltreisende Holländer und die sich in schlichten Bastelfantasien einer schwärmerischen Girlie-Welt verlierende, in ihm ihr Groupie-Ziel findende Senta stehen bewegungslos duettierend und weit voneinander entfernt oben auf den Pappkartons von Vater Dalands Spinnstubenmanufaktur, wo heute natürlich ("Summ' und brumm', du gutes Rädchen") Tischventilatoren abgepackt werden. Die Drehbühne kreiselt, das Licht ist mild. Nur die Musik soll es richten.
Adrianne Pieczonca, die bei der Ballade noch selbstsicher an Soprangrenzen stieß, ist jetzt ganz kontrollierte Senta-Glut. Der für den wegen seiner umstrittenen Tätowierungen nicht mehr tragbaren Evgeny Nikitin mit nur einer Bühnenprobe eingesprungene Samuel Youn hat sehr gute Bariton-Höhen, dagegen einen eng mensurierten Bass-Bereich. Die beiden Stimmregionen klaffen ein wenig auseinander, in der Mitte klingt es vokal noch zu neutral. Eine der gefürchtetsten Wagner-Partien singt er freilich klug disponiert, punktgenau aufs Ganze setzend; keine typisch dunkelwuchtige Holländerstimme, aber eine interessante Farbe im Wagnerspektrum. Allein, was tut's?
Ein herrlich bassspießiger Franz-Josef Selig
Nur Gesang, und sei er so lauter, aufrecht und anrührend, kann diese Szene nicht retten und klären, in der sich entscheiden muss, was diese beiden Suchenden und schon Verlorenen anzieht und was sie bereits aneinander vorbeigleiten lässt: das Mädchen, das ein Bild liebt ("ich bin ein Kind und weiß nicht, was ich singe"), sich hier einen Kartonhelden baut und der verfluchte Mann, der sucht und niemals finden wird, ewig ein Ausgestoßener, trotz seiner Schätze. Gloger verlässt sich hier zu sehr, wie auch an anderen Schlüsselmomenten, auf die Aura, die Überwältigung des Musikalischen. Er erzählt dabei nichts, deutet kaum aus, lässt seine eigentlich radikalen, alles wollenden und schrecklich scheiternden Figuren immer wieder hölzern erstarren.
Dabei ist der Anfang magisch. Da flimmern in Christof Hetzers smarter Szeneninstallation bühnenhoch die Kabel der Datenautobahnen als Ozean des Turbokapitalismus, blinken auf Dioden Bilanzen. Im Strom der virtuellen Geldflüsse ist der Fabrikchef Daland verlorenen gegangen, im Zweireiher duckt sich der herrlich bassspießige Franz-Josef Selig in einer lächerlichen Jolle. Um ihn wuselt sein Bürovorsteher, der Steuermann (Benjamin Bruns, mit klarer, freier Tenoremphase), der in ruhigen Momenten das Preisschild am mitgebrachten Designerfetzen für die Geliebte streichelt.
Ware und Wert, das umtreibt auch den aus dem Dunkel sein Rollköfferchen hinter sich herziehenden Holländer. Auch er ist Haifisch und Heuschrecke, kauft und stößt ab, Konzerne und vielleicht sogar den Kosmos, aber auch nur den Coffee to go, wie den Sex als Handelsgut, den dienstbare Geister offerieren. Als ein Nicolas Berggruen der Wagneroper saust er um die die Welt, hat er kein Haus und Heim, nur eine Sehnsucht. Und er ist ein Gezeichneter, analog zur von Karin Jud simpel rotgekleideten Senta zwischen hellblauen Arbeitsbienen in ihrer Kleckselecke, der ein lepröses, schwarz glänzendes Mal am Kopf trägt und sich angeekelt gern selbst verletzt.
Romantik im sachlichgrauen Fabrikambiente
Ihm verkauft Daland ratzfatz die Tochter, Geldberge zwischen Hartschalen wechseln den Besitzer. Gefühle braucht es nicht, als modernes Altarbild erscheint die Betriebsanleitung für einen künstlichen Windmacher aus dem Hause Daland, Modell N1-H12. Noch nicht einmal mehr für einen Namen hat die profitorientierte Fantasie gelangt. Liebe, das scheint höchstens Frau Mary (mit Chefsekretärinnenalt: Christa Mayer) anzutreiben, die sich hinter ihrer Brille vorsichtig Senta nähert. Und natürlich den doofen Erik, hier der schmuddelige Hausmeister, den Michael König mit passgenau pressendem Verlierertenor gibt, und der doch bei der verpeilten Senta nie einen Stich machen wird.
Das Volk kümmert solches nicht und auch nicht die Metaphysik, das feiert und konsumiert. Stolz führen die Trophäenfrauen die neusten Kleiderspenden ihrer Schatzis vor. Und selbst der Einbruch der verstörenden Geister ist schnell weggewischt, man saugt sie auf und integriert sie. Als Senta merkt, sie ist in der Sackgasse gelandet, der Holländer kann sie auch nur mit Pappfreiheitsfackel und Engelsflügeln idolatrisieren, mehr geht nicht, da sucht sie den Tod mit der Schere. Doch nicht mal das klappt.
So wirft sie sich neben dem Holländer wenigstens in Heldinnen-Positur. Der Steuermann zückt das Fotohandy, und so dient die albern missglückte Geschichte, nachdem sich der Vorhang einmal geschlossen hat, wenigstens noch als Mustervorlage für einen neuen Ventilatorentyp mit Plastikpärchen am Sockel: Auch der heißt nur 3T-3RN-4L, nicht einmal für "Sentas Liebesbrise" langte es.
Romantik im sachlichgrauen Fabrikambiente, mit LED-Gewitter und gebremstem Liebessturm. In Bayreuth wehte der Deutungswind um den "Holländer" schon stärker. Doch mit dieser letztlich ausgeglichenen, musikalisch glücklichen und samt den obligatorischen Regiebuhs lange bejubelten Produktion kann man in ruhigem Festspielfahrwasser schippern. Was hier durchaus mal eine Abwechslung scheint.















