25.07.12

"Oma & Bella"

Zwei alte Damen, eine Kamera und das Leben

Egal, wie beklemmend es zeitweise wird, am Ende ist "Oma & Bella" das Porträt zweier Jüdinnen, das von so viel Menschenliebe und Humor zeugt, dass es jeder aus purem Egoismus sehen sollte.

Quelle: Edition Salzgeber
25.07.12 1:30 min.
In der Dokumentation "Oma Bella" plaudern die Großmütter Regina und Bella mit jiddischen Humor über ihre Freundschaft, ihre gemeinsame Leidenschaft fürs Kochen sowie ihre bewegte Vergangenheit.

Das Genre des Dokumentarfilms ist normalerweise nicht dafür bekannt, zwingend gute Unterhaltung zu liefern. Wo der Mensch mit einer Kamera der Realität nachzuspüren glaubt, ist es mit funktionierenden Pointen so eine Sache – und manchmal entfaltet sich der Alltag in einer Tristesse, die einen erschaudern lässt.

Wenn nun ein Dokumentarfilm avisiert ist, der das Leben zweier jüdischer Frauen behandelt, die den Holocaust überlebten und nun seit Jahrzehnten in Berlin leben, dann mag man denken, es gebe hier unter gar keinen Umständen mehr etwas zu lachen.

Eine Berliner Weiße im Biergarten

Doch das ist das erste Wunder, das der Film "Oma & Bella" schafft: Wenig bis nichts war in den vergangenen Jahren auf der Leinwand komischer, als wenn Regina Karolinski und Bella Katz im Biergarten eine Berliner Weiße bestellen und Bella Katz die Chose partout nicht schmecken will.

Oder wenn sie auf einer Spreedampferfahrt gemeinsam über das jiddische Wort "meschugge" philosophieren, was "ein bisschen verrückt" bedeutet – und am Ende des kleinen Dialogs steht die Pointe, dass sie selbst selbstverständlich eine kleine Macke haben, wie jeder andere auch.

Die Einsicht, dass das Leben bisweilen witziger ist, als es sich Gagschreiber ausdenken können, ist nicht neu. Doch hier beginnt das zweite Wunder, das "Oma & Bella" dem Kinogänger bietet. Ausgangspunkt des Films ist die jüdische Küche, die die beiden Damen jeden Tag in ihrer Charlottenburger Wohnung zubereiten. Regina Karolinskis Enkelin Alexa wollte eigentlich ein Kochbuch mit ihrer Oma und deren bester Freundin machen. Doch dann merkte sie, die Film in New York studiert hat, dass sich hinter den Rezepten viel mehr verbarg, als sich in einem solchen Format sagen ließe.

Zuschauer fühlt sich direkt angesprochen

90 Stunden beobachtete Alexa Karolinski die Damen mit ihrer Kamera – und in jedem Augenblick wird deutlich, dass es beim Kochen für die Damen um letzte Dinge geht: Ihre Hühnerbrühe, ihre Kekse oder ihre eingelegten Heringe – immer wird deutlich, dass diese Dinge das sind, was den beiden Damen in ihrem Leben an Heimat blieb. Regina Karolinski stammt aus Kattowitz, Bella Katz aus Vilnius; wenn die beiden vor ihrem Ofen stehen, in dem das Eintopfgericht Tscholent langsam gar zieht, und ihre Enkelin mit den Worten "Alexa, hast du je so etwas Schönes gesehen?" rufen, dann fühlt sich der Zuschauer im Kino direkt angesprochen.

Es gibt Stellen, an denen wird der Film brutal. Etwa, wenn Alexa Karolinski aus dem Off in Richtung Bella Katz fragt, ob sie je einen Menschen getötet habe. Oder wenn Bella Katz der Enkelin ihrer besten Freundin in einer Szene erklärt, Alexa Karolinski hätte den Holocaust bestimmt nicht überlebt, dazu sei sie zu sensibel.

Und das ist das dritte Wunder, das dieser großartige Film vollbringt: Egal, wie beklemmend es zeitweise wird, am Ende steht das Porträt zweier jüdischer Damen, das von so viel Menschenliebe und Humor zeugt, dass es jeder aus purem Egoismus sehen sollte. Ein Kinoerlebnis dieser Güte wird es so schnell nicht wieder geben.

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