25.07.12

Bayreuther Festspiele

"Evgeny Nikitin hat geleugnet"

Bayreuth-Regisseur Jan Philipp Gloger über die Nazi-Tattoo-Affäre, den verloren gegangenen "Holländer", dessen Ersatzkandidaten und seinen größten Wunsch für die Premiere 2012.

Foto: Byreuther Festspiele / Enrico Na
„Mögst du, mein Kind, den fremden Mann willkommen heißen“: Daland (Mitte: Franz-Josef Selig) stellt Senta (Adrianne Pieczonka) den neuen Holländer vor: Samuel Youn
"Mögst du, mein Kind, den fremden Mann willkommen heißen": Daland (Mitte: Franz-Josef Selig) stellt Senta (Adrianne Pieczonka) den neuen Holländer vor: Samuel Youn

Am Mittwoch beginnen die 101. Bayreuther Festspiele mit einer Neuinszenierung des "Fliegenden Holländers". Aber die Vorfreude auf dem Grünen Hügel war zuletzt getrübt durch den Tattoo-Skandal um Hauptdarsteller Evgeny Nikitin. Der russische Bassbariton trägt tätowierte Runen auf dem Oberkörper, die auch als Nazi-Symbole gedeutet werden können; außerdem hatte er früher ein Hakenkreuz auf der Brust. Als das bekannt wurde, schmiss er hin – vier Tage vor der Premiere. "Holländer"-Regisseur und Hügel-Debütant Jan Philipp Gloger hofft trotzdem auf einen Erfolg.

Berliner Morgenpost: Herr Gloger – der "Holländer" ist erst Ihre dritte Opernregiearbeit. Schon mal erlebt, dass Ihnen so kurz vor der Premiere der Hauptdarsteller abspringt?

Jan Philipp Gloger: Nein, und das ist auch hier auf dem Grünen Hügel in der Form noch nicht passiert.

Berliner Morgenpost: Wie fühlt sich das an?

Gloger: Man ist bestürzt und herausgefordert zugleich. Bestürzt, weil das ganze Team wirklich eine tolle Produktionszeit hatte. Es ist einfach schade, dass das jetzt in den Hintergrund gedrückt wird. Ich will alles geben, damit die Beschädigung so gering wie möglich gehalten wird.

Berliner Morgenpost: Hat Herr Nikitin intern erklärt, was seine Tätowierungen bedeuten und warum er sie stechen ließ?

Gloger: Als am Freitag erste Presseanfragen kamen, habe ich mit ihm gesprochen – noch in der Hoffnung, die Sache irgendwie zu klären. Als Regisseur muss ich ja sehr persönlich mit den Leuten arbeiten, sehr emotional. In dem Gespräch hat er geleugnet zu wissen, dass seine Tattoos irgendeine nationalsozialistische Konnotation haben. An dem Freitagabend, nach dem Gespräch, habe ich dann das Internetvideo gesehen, in dem er ein Hakenkreuz auf der Brust hat. Das stellte seine Äußerung, er wisse von nichts, in einen anderen Kontext. Mir gegenüber war das, um es vorsichtig zu sagen, eine Undeutlichkeit.

Berliner Morgenpost: Wann haben Sie entschieden, dass Nikitin untragbar ist?

Gloger: Die Entscheidung des Rücktritts hat Herr Nikitin selbst getroffen, und zwar in einem Gespräch mit der Festspielleitung. An diesem Gespräch war ich nicht beteiligt. Ich stand nur da und scharrte mit den Hufen. Ich musste ja wissen, wie es weitergeht.

Berliner Morgenpost: Hätten Sie sich gewünscht, dass er bleibt?

Gloger: Ich kann seine Entscheidung, die Rolle abzugeben, nachvollziehen. Und auch unterstützen. Einfach aus meiner eigenen Ablehnung jeglichen nationalsozialistischen Gedankenguts heraus.

Berliner Morgenpost: Es heißt, die Festspiele hätten sich schon vor einem Jahr Fotos von Nikitins Tätowierungen schicken lassen. Hatten Sie schon so eine Ahnung, dass die problematisch sind?

Gloger: Davon weiß ich nichts. Ich habe auch die protzigen Interviews mit den riesigen Fotos oben ohne nicht gelesen, die da im Vorfeld veröffentlicht wurden. Ich habe mich auf den Menschen konzentriert, den ich vor mir hatte – und der hatte immer ein weißes Hemd an. In unserer Inszenierung wäre er ja nicht mit freiem Oberkörper aufgetreten. Wir wussten wirklich nicht, dass Nikitin Symbole auf dem Körper hat oder hatte, die nationalsozialistische Bedeutung haben können.

Berliner Morgenpost: Jetzt singt Samuel Youn den "Holländer". Wie haben Sie ihn in der Kürze der Zeit vorbereitet?

Gloger: Erst mal wurde das Kostüm umgenäht. Es gab eine ganz kurze szenische Einweisung – und dann hat er sich sportlich in die Generalprobe am Samstagabend geschmissen. Danach blieben noch drei Tage bis zur Premiere. Es ist aber nicht so, dass ich dann einfach drei Tage lang sechs Stunden lang Probe machen kann. Das geht nicht angesichts der riesigen Herausforderungen, die diese Wagner-Partien darstellen. Die Sänger brauchen Ruhe. Der Hauptteil der Nachholproben hat deshalb an einem Tag stattgefunden, am Montag. Das lief sehr erfreulich. Herr Youn ist ungeheuer schnell, kennt die Partie sehr gut.

Berliner Morgenpost: Wie läuft so was? Schreiben Sie ihm was auf, machen Sie Skizzen? Laufen Sie mit ihm über die Bühne?

Gloger: Aufgemalt wird nichts. Sehr nah anhand der Musik werden bestimmte Gänge und Aktionen durchgegangen, es wird die grobe Choreografie geklärt. Einfach, wann er wo zu sein hat. Gleichzeitig versuche ich, die situativen Erklärungen zu vermitteln, warum, mit welcher Grundhaltung er gerade was machen soll. Ob an einer Stelle Erstaunen herrscht, wann das Erstaunen in Freude umschlägt oder so. Ich bin sehr optimistisch. Gleichzeitig ist es natürlich so: Wenn Sie mit einem Sänger sechs Wochen lang gut arbeiten, kann man das nicht in drei Tagen wieder aufholen. Ein Teil der Inszenierung ist jetzt weniger ausgestaltet als es sein könnte. Aber dadurch wird nicht die ganze Inszenierung unlesbar.

Berliner Morgenpost: Wie stark ist eine Inszenierung auf den Typus des jeweiligen Darstellers zugeschnitten?

Gloger: Grundsätzlich setze ich schon sehr stark bei den Sängerpersönlichkeiten an. Ich hatte auch den Luxus, alle Sänger vorher treffen zu können. Ich versuche, meine Personenfantasie anhand der Menschen zu entwickeln. Da musste ich jetzt natürlich einiges ändern.

Berliner Morgenpost: Der Holländer trägt bei Ihnen schwarze Flecken auf der Haut, auf dem Handrücken und am Kopf. Sind die von Nikitins Tätowierungen inspiriert?

Gloger: Nein. Diese schwarzen, ganz glatten Flächen auf der Haut haben etwas Virtuelles und sind gerade keine Zeichen, eher Geschwüre oder Leerstellen. Die sind vom Bühnenbild inspiriert, das Christof Hetzer für den ersten Akt gebaut hat. Dazu braucht man auch sonst keine Tattoos zu haben, das sieht bei Herrn Youn auch ganz toll aus.

Berliner Morgenpost: Welche Grundidee des "Fliegenden Holländers" erwartet die Weltöffentlichkeit am Premierenabend?

Gloger: Wir setzen beim Holländer an, bei seiner Ruhelosigkeit und Heimatlosigkeit. Das hat Wagner ja auch als Kern seiner Oper gesehen: "die Sehnsucht nach Ruhe aus Stürmen des Lebens". Das hat viel mit unserer heutigen Welt zu tun, die den Menschen immer mehr Mobilität und Flexibilität abverlangt. Der Holländer ist denkbar als Figur innerhalb unserer heutigen, hyperbeschleunigten Arbeitswelt, der unter dieser Welt leidet. Genau wie Senta. Beide wollen miteinander aus ihren Welten heraus und in eine neue, bessere. Ob sie das schaffen, wird am Schluss zu beantworten sein.

Berliner Morgenpost: Ihr Wunsch für die Premiere?

Gloger: Wir alle wollen eine auch heute noch relevante Geschichte erzählen. Ich wünschte mir, dass die jetzt langsam wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerät.

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