24.07.12

Kunstausstellung

Kopierst du noch, oder stiehlst du schon?

Vom Reiz der ewigen Wiederholung: Eine Ausstellung in Karlsruhe erkundet die Tradition des Kopierens in der Kunst von Dürer bis YouTube. Fest steht: Geklaut wurde immer wieder gern.

Foto: Cindy Sherman/© Courtesy Galerie
Kopien haben heute wieder das Erregungspotenzial des Spätmittelalters erreicht. Nämlich gar keins: Die Ausstellung "Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube" ist in der Kunsthalle Karlsruhe zu sehen
Kopien haben heute wieder das Erregungspotenzial des Spätmittelalters erreicht. Nämlich gar keins: Die Ausstellung "Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube" ist in der Kunsthalle Karlsruhe zu sehen

Florian Freier könnte Pirat sein. Das Internet ist seine Welt und "Copy & Paste" seine Methode, sie zu fassen. Auf YouTube zeigt er, wie das geht: Google Earth aufrufen, zoomen, bis die Formel-1-Strecke von Bahrain erscheint, Screenshots, Photoshop, Drag & Drop, verschieben, verschachteln, verschleiern, fertig. Das Pixel-Puzzle sieht exakt aus wie Andreas Gurskys Fotografie "Bahrain I".

Eine Kopie. In einer Hinsicht ist Freier aber eben doch kein Pirat. Er nennt den Fotoprint und die Video-Dokumentation seiner Kopierarbeit "In the eye of god – Recreating andreas gursky (google earth Remix)". Es ist Freiers Werk, und er beansprucht Urheberrecht darauf. Denn Freier ist Künstler. Und als solcher lebt er von Werken, die er geschaffen hat – auch wenn die Idee geklaut ist.

Museumsstück statt Beweismaterial

Anstatt als Beweismaterial in einem Urheberrechtsstreit herangezogen zu werden, hängt Freiers Arbeit nun im Museum. In der Ausstellung "Déjà-vu. Die Kunst der Wiederholung von Dürer bis YouTube" in der Kunsthalle Karlsruhe steht sie stellvertretend für die jüngste Entwicklung einer alten Kulturtechnik. Diese weit bis ins Spätmittelalter zurückblickende Schau kommt genau zum richtigen Zeitpunkt.

Denn während sich der Streit über Urheberrechte immer mehr zu einem Stellungskrieg zwischen scheinbar völlig unvereinbaren Weltanschauungen verengt, zeigen die Ausstellungsmacher, dass die Sache insgesamt doch etwas komplizierter ist.

Welche Malergenies bewundern wir heute für ihre Innovationskraft? Courbet, Manet, Degas – kopiert haben sie alle. Pieter Brueghel d. J. kopierte den Vater und vervielfältigte die beliebtesten Motive für die Käufer, Goya bediente sich bei Velazquez, van Gogh bei Delacroix. Als Diebstahl geistigen Eigentums verstand das niemand.

Kopieren als Teil künstlerischer Ausbildung

Schließlich gehörte das Kopieren schon immer zu jeder künstlerischen Ausbildung. Außerdem gab es vor der Fotografie gar kein anderes Mittel, um Bilder zu vervielfältigen. Sie wurden eben abgemalt. Leidenschaftliche Kunstsammler wie der Graf Adolf Friedrich von Schack etwa schickten professionelle Kopisten nach Italien, um Tizian oder Raffael zu kopieren. Sie wollten diese Meisterwerke selbst besitzen und im eigenen Haus anschauen können.

Franz von Lenbach, der viele Kopien für Schack anfertigte, sah diese Auseinandersetzung mit den Alten Meistern als eine "zweite Lehrzeit", ohne die seine Karriere als eigenständiger Maler gar nicht denkbar gewesen sei.

Und einen großen Meister zu imitieren ist ja auch eine Art von Ehrerbietung, eine Hommage, die mitunter parodistische Züge annehmen kann. Den neuesten Dreh dieses kopierenden Aufblickens zu Altmeistern kann man aktuell auf YouTube und Flickr besichtigen.

Junge Künstler und Studenten spielen dort Performances von Marina Abramovic nach, inszenieren Caravaggios Grablegung mit Plüschtieren oder verbinden Valie Export, Paul McCarthy und Herman Nitsch zu einem Performance-Remix. Die Jungen dokumentieren die Arbeiten der Alten und machen sie der ganzen Welt zugänglich – mit den Mitteln ihrer Generation.

Keine rechtlichen oder künstlerische Bedenken

Im Spätmittelalter war es der Kupferstich, der eine ähnlich revolutionäre Wirkung hatte. Plötzlich ließen sich Bilder schnell und günstig vervielfältigen. Rechtliche oder künstlerische Bedenken gab es keine. Das änderte sich um 1500, als die Künstler ein Verständnis für ihre eigene Originalität entwickelten.

Albrecht Dürer, der die Echtheit seiner Werke mit seinem berühmten Monogramm besiegelte, hatte zwar selbst viel kopiert, aber als italienische Raubkopierer seine Kupferstiche in großem Stil kopierten, führte er einen der ersten Copy-Right-Prozesse. Wirklich geholfen hat das nicht, wie die lange Reihe abgekupferter Dürer-Stiche in der Ausstellung beweist.

Dass Kopieren manchmal auch schwieriger ist als Neuschöpfen, zeigt die minuziöse Pollock-Nachzeichnung von Klaus Mosettig. Während Pollock vielleicht einen Tag für ein Gemälde gebraucht hat, braucht Mosettig neun Monate. Das macht letztlich auch den Wert dieser "Kopie" aus. Etwas präzise nachzuzeichnen, was ein anderer mit leichter Hand hingeworfen – oder hingetröpfelt – hat, ist eben auch eine Meisterleistung. Eine Haltung, aus der die "Appropriation Art" ihre Existenzberechtigung zieht.

Kategorien wie Genie, Original und Kopie seien seit Duchamp und Warhol ohnehin obsolet geworden, so die Argumentation. Und doch pocht die prominenteste Vertreterin dieser Richtung, die Warhol-, Picasso- und Mondrian-Imitatorin Elaine Sturtevant, ihrerseits energisch auf ihre Urheberrechte an den zum Original erklärten Kopien.

Erregungspotenzial des Spätmittelalters wieder erreicht

Konsequenter ist da immer noch Marcel Duchamp, dessen berühmter Flaschentrockner in Karlsruhe in mehreren Varianten zu sehen ist. Als der Direktor der Hamburger Kunsthalle 1962 eines der legendären Metallgestelle kaufen wollte, teilte der Künstler mit, er habe gerade leider keines mehr zur Hand, man solle sich doch in Paris eines im Ladengeschäft besorgen, was der Direktor denn auch tat. Original oder "ready made" ist nun keines davon, und von Kopie zu sprechen wäre ebenso absurd.

Denkwürdige Parallelen legt die Ausstellung zwischen Lucas Cranach und Jonathan Monk offen. Ihre Werke entstanden unter ähnlichen Produktionsbedingungen: Wie Cranach ließ Monk seine Auftragsporträts in einer Werkstatt erstellen, wobei die fünf großen Mao-Porträts, die in Karlsruhe hängen, sogar Kopien in doppeltem Sinne sind. Monk wies seine chinesischen Maler-Assistenten an, die berühmten Mao-Bilder von Andy Warhol zu kopieren – allerdings mit dem Pinsel, nicht mit Siebdruck-Schablonen. Das macht sie schon fast wieder zu Originalen.

Auch wenn sie keine eindeutige Antwort zur brisanten Frage des Urheberechts bereithält, diese amüsante Schau in Karlsruhe zeigt: Kopiert wurde immer und viel. Nur haben Kopien heute wieder das Erregungspotenzial des Spätmittelalters erreicht. Nämlich gar keins.

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