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05.10.05

Theater

Jürgen Gosch gelingt in Düsseldorf ein virtuoser "Macbeth"

Das Stück ist männlich. Ist bis zum Rand gefüllt mit mordgierigem männlichem Fleisch, mit ermordetem männlichem Fleisch, mit Blut und mit Kot und heißt "Macbeth".

Regisseur Jürgen Gosch stellt das alles von Anfang an klar: Betreten doch sieben Männer den Zuschauersaal des Düsseldorfer Schauspielhauses und hasten im Gänsemarsch vor zur Bühne - ein grauer Kasten, Kunstholztische, Plastikstühle (Johannes Schütz). Dann Hemd hoch, Hosen runter und splitterfasernackt auf die Tische: Drei nackte Kerle reiten auf vier Nackten; drei Hexen auf dem Rest der "Macbeth"-Welt. Männerfleisch gegen Männerfleisch, denn Namen, Figuren, Rollen sind hier nichts. Denn diese nackten Sieben spielen das ganze Doppel-Dutzend "Macbeth"-Rollen; stehen für den totalitären "Macbeth"-Wahn.

"Schön ist schlimm und schlimm ist schön: Fliegt weiter über die verseuchten Höhen", kreischt das hexische Dämonen-Trio. Läßt schließlich ab von seiner Reiterei. Und scheißt und furzt - von des Tisches Höhe - auf die verseuchte Welt, "wo nichts mehr wächst".

Weit spritzt der Kot, wie gleich das Blut hoch schießt. Die losgelassenen Kerle, egal, wer sie sind und wie sie heißen (der einzelne gilt hier nichts), betreiben sofort und unermüdlich das, was ihres ewigen Amtes ist: Schlachten! Sind sie doch "vom Scheitel bis zur Sohle voll mit wüster Grausamkeit". Nur, daß ihre Kriegerei nicht mit Messern, sondern mit Plastikflaschen voller Theaterblut geführt wird. Bis alles sich am Boden suhlt, sich stöhnend krampft im Schlamm aus Braun und Rot.

In dieser ersten knappen halben Stunde demonstriert Jürgen Gosch den ganzen "Macbeth". Den ganzen, durch dampfendes nacktes Fleisch existentiell körperlich gewordenen, rasenden Irrsinn; das schreiende Horror-Bild der gefallenen Schöpfung. Trostlos. Das reine Blut-Drama, die grauenvolle Tragödie der Vernunftlosigkeit, die von Exkrementen wie Leichen satte Wüste der Gott- und also Sinnlosigkeit.

Ein Menschheitsbild? Zumindest ein Bild der - jenseits der Bühne finden sich Entsprechungen - menschlichen Möglichkeiten.

"Nichts ist ungeheurer als der Mensch", schrieb ein Dichter lange vor Shakespeare. Gosch bringt das - sinnigerweise mit Männern und sozusagen nackt auf den Punkt: komisch, kindsköpfig, ja lächerlich und schmerzend entsetzlich.

Ein nicht geringer Teil des Publikums vermochte das nicht auszuhalten, floh empört: Erst in Skandalisierung ("Buh!"), dann nach Hause. - Denn: Das alles ist für jene zu drastisch, zu unerbittlich. Zu wenig distanziert durch wärmende Verhüllung mit Dichtkunst, Psychologie, Milieu. Also zuviel kalter Zwang: Man kann sich einfach nicht davonstehlen aus diesem elend großen Stück, das Gosch so beklemmend-bedrängend, so plebejisch-shakespearisch hinblättert.

Seinem unerhörten Männer-Konzert aus immer wieder anschwellendem Kampfgetöse und Irrsinnsgelächter, durchsetzt mit langen, nervend langen, endspielhaften General- und Erschöpfungspausen sowie kontrapunktisch gesetzten kabarettistischen Clownerien (die Lady als Kerl). Noch nie wurde uns wie jetzt derart unvergeßlich ätzend der Gruselgedanke entdeckt, wieviel "Macbeth" wohl in uns sei. Welch "schwarzen Wünsche" wohl in uns schlafen. Die Lektion, eine uralte, wird unvermittelt laut, ohne Lautsprecher und Zeigefinger und völlig aus wie von selbst entfesseltem Spiel: Das Tuch der Zivilisation ist hauchdünn!

Jürgen Gosch, dieser weise Meister kunstvoller Unmittelbarkeit, auch "Authentizität" geheißen, ist mit dieser höllisch sarkastischen Arbeit wohl ganz bei sich. Wohl ganz in sich lodernd redet er derart eisig Tacheles mit uns über eine gern und vehement verdrängte Wirklichkeit, daß vielen die Wahrhaftigkeit seiner Inszenierung als unzumutbar erscheint. Die Wahrheit aber muß, auch eine alte Erkenntnis, zumutbar sein. Goschs lapidares Virtuosenstück ist eine strenge Herausforderung an unsere Demut. Und stemmt sich vehement gegen die von Lady Macbeth - mithin nicht allein von Männern - ersehnte bösartige, tödliche "Verdickung" des Bluts. Was will man mehr vom Theater.

Termine: 8., 9., 29., 30. Oktober; Karten: (0211) 369911

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