Theater
"Wie es euch gefällt" in Hannover
Erst denkt man: "Der Schlingel hat den Hannoveranern eine Gebrauchtinszenierung angedreht!" So bekannt kommt einem das Kastenbühnenbild von Johannes Schütz vor, das nur ganz hinten rechts eine Tür hat. Und auch die am Bühnenrand bereit liegenden Requisiten erinnern an frühere Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch - vor allem seinen Skandal-"Macbeth" in Düsseldorf 2005.
Von Matthias Heine
Die dort erprobten Methoden hat Gosch nun auch bei Shakespeares im Ardenner Wald spielender Liebes- und Verwechslungskomödie "Wie es euch gefällt" praktiziert: Alle Akteure sind in Hannover ständig auf der Bühne anwesend und spielen dort nicht nur verschiedene Rollen, sondern auch mal Schafe, Bäume oder einen Sonntagsbraten.
Dabei entstehen zum Teil großartige Momente reinen, im wahrsten Sinne nackten Theaters. Schon der Anfang, wenn das Ensemble die Bühne betritt und sich mit Hilfe von etwas verrenkten Körperhaltungen und Vogelstimmen-Imitationen in einen Obstgarten verwandelt, ist umwerfend. Später hängt sich ein dünner Schauspieler an den Bauch des auf allen Vieren laufenden Christoph Franken (der sich bei solchen Metamorphosen durch besonders massiven Körpereinsatz hervortut), und gemeinsam spielen sie ein schwangeres Schaf, das dann von den Hirten im Walde beiläufig "entbunden" wird, während sie über die Liebe palavern. Diese Imitation der Natur vereint die göttliche Naivität spielender Kinder mit dem Können erwachsener Spitzenschauspieler.
Die Grenzen der Methode werden aber auch deutlich: Erstens kann man es durchaus ekelig finden, zwei nackten, von früheren Auftritten teilweise blutverschmierten Männern bei solch einer Pantomime zu zusehen. Wenn Christoph Franken als Schaf erst geschlachtet und dann als Braten gewürzt wird, breitet sich auch noch aufdringlicher Essiggeruch aus. Und zweitens raubt der Aktionismus ihnen oft die Stimme: Nachdem die Schauspieler wie eine Schafherde geblökt haben, fällt es ihnen schwer, anschließend wieder makellos zu artikulieren. Man versteht nervtötend häufig rein gar nichts vom Text.
Dabei ist die gefürchtete Nacktheit, durch die viele Darsteller wahrhaftig glänzen (der Schweiß rinnt ihnen wie Leistungssportlern) kein Problem: Man nimmt sie bald gar nicht mehr wahr. Nackt zu sein bedeutet hier nur: Sich im Naturzustand befinden. So oft wie die Schauspieler sich wandeln, wäre es auch unmöglich gewesen, ihnen ein gleichermaßen "neutrales" Kostüm zu schneidern, das sie in all ihren Rollen tragen können.
Bei aller Klage über die genuschelten Verse (Übersetzung von Jürgen Gosch und Angela Schanelec) hat die Aufführung dennoch eine oft atemberaubende Kraft. Gosch hat jeden einzelnen verlockt, bis an die Grenzen zu gehen, wo Schauspieler alles Handwerk hinter sich lassen und ihre Kunst zur neuen Natur wird. Aus dem famosen Ensemble ragt noch Katharina Lorenz als Herzogstochter Rosalinde heraus. In diesem Wald ist ausgerechnet der zierlichste junge Stamm so gewaltig wie eine Eiche.
Termine: Morgen, 15., 23. Mai,Karten: 0511 / 9999 1111
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