18.07.12

"Love is the Cure"

Elton Johns Manifest gegen die moderne Seuche Aids

Bekenntnisse eines Egozentrikers: Elton Johns erstes Buch ist eine Appell für den Kampf gegen HIV. Die Pop-Legende liefert ungewohnte Einblicke in ihr Leben und in die amerikanische Spitzenpolitik.

Foto: DAPD
Vom Drogenabgrund zum Kampf gegen HIV und Aids
Vor zwanzig Jahren hat er eine Stiftung gegen Aids ins Leben gerufen: Sir Elton John

Um Aids ist es ziemlich still geworden in den letzten Jahren. Seit die Medien nicht mehr große Gruselstorys bringen, seit man keine Kranken mehr mit Kaposi sieht, jenem furchtbar entstellenden Hautkrebs, der die Infizierten bis in die Neunzigerjahre hinein sofort für jedermann kenntlich machte, scheint das Interesse abgeebbt. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Krankheit weiter wütet.

34 Millionen Menschen weltweit leben mit dem Virus. Am schlimmsten betroffen sind längst nicht mehr die Schwulenmetropolen der westlichen Welt, sondern der Schwarze Kontinent sowie seit Neuestem Länder wie die Ukraine, wo sich die Immunschwäche rasend schnell ausbreitet. Aids ist von der "Lustseuche" der Hedonisten, wie man sie mit heimlich voyeuristischem Schauder vor dreißig Jahren bei ihrem Auftreten genannt hat, längst zur Pandemie der Armen, Deklassierten, Unterdrückten geworden.

Denn man kann Aids zwar inzwischen gut in Schach halten. Doch die Medikamente, die man dafür braucht, sind teuer. Glücklich die Länder, welche über ein Gesundheitssystem verfügen wie das deutsche. Schon in England, vor allem aber in den USA sieht es tatsächlich sehr viel düsterer aus.

Stiftung gegen Aids

Und aus dieser Perspektive hat nun die Pop-Legende Elton John, der vor zwanzig Jahren eine Stiftung gegen Aids ins Leben rief (die Elton John AIDS Foundation) ein – ja, was eigentlich: Manifest oder Memoir, in jedem Fall eine Art Lagebericht verfasst. Sein Buch will aufklären, vor allem aber aufrütteln. Und dazu zieht der Bühnenstar denn auch alle Register.

Am Anfang seines Engagements stand ein gewisser Ryan. "Weniger als drei Monate nach Ryans Tod saß ich in einem Flugzeug nach Chicago, festen Willens, mein Leben zu verändern. Im Juli 1990 begab ich mich in eine Entziehungskur. Ich bin unglaublich stolz, dass ich heute sagen kann, dass ich seitdem vollkommen clean bin." Die Selbstzufriedenheit sei ihm gegönnt.

Doch "ich bin so stolz", "ich bin so glücklich", "es war so wunderbar": Die vielen sattsam bekannten Sprechblasen, auf die ein Mensch des Showbiz offenbar nicht verzichten kann, wenn er einer Sache Nachdruck verschaffen will, sie sollten den Leser nicht dazu verleiten, die reichlich schlichte Erweckungsgeschichte, mit der das Buch beginnt, auf den gesamten Bericht hochzurechnen.

Nach lauem Start gewinnt das Buch an Stärke

Sicher, wer nicht unbedingt ein Fan von Swap-Dramaturgien ist (oder dieselben eher fürs Fernsehen als für seriöse Sachbücher angemessen findet), wird sich fragen: Wozu muss ich diese larmoyante Kitschpostkarte lesen, auf der das Opfer einer erheblichen Wohlstandsverwahrlosung durch Drogen und Alkohol mit viel Vibrato in der Stimme erzählt, wie er angesichts des Elends dieser Welt sein Leben wieder auf die Reihe kriegte? Doch was da intellektuell gesehen etwas schwächlich zunächst als "candle in the wind" daherkommt, gewinnt alsbald an Stärke.

Schließlich endet das Ganze sogar mit einem vernünftigen Appell an Regierungen, Pharmaunternehmen, Kirchen und den "gemeinen Leser". Es zahlt sich nämlich aus, dass Elton John, ähnlich wie Elizabeth Taylor oder Prinzessin Diana von Großbritannien, die sich gleichfalls im Kampf gegen Aids ausgezeichnet haben, zu den Berühmten dieser Erde gehört. Er bekam schnell Zugang zu den Mächtigen. Was er zum Beispiel über seine Erfahrungen mit amerikanischen Spitzenpolitikern schreibt, ist so informativ wie spannend.

Papst Benedikt hat in Sachen Aids dazugelernt

Wer hätte gedacht, dass es beispielsweise ausgerechnet Bush junior war, der mit seinem "President's Emergency Plan for Aids Relief" 2003 "die größte Summe bereitstellte, die je ein Land für die Bekämpfung einer Krankheit aufgebracht hat", wie Elton John weiß. Die 15 Milliarden wurden 2008 sogar noch einmal aufgestockt: Der Kongress billigte nun ganze 48 Milliarden Dollar. Sogar Papst Benedikt hat in Sachen Aids, wie Elton John verwundert feststellen muss, dazugelernt und im Interview mit dem deutschen Journalisten Peter Seewald seine rigorose Haltung hinsichtlich der Verhütung revidiert.

Am Ende verkündet der Autor eine Art Evangelium des Mitleids und der Liebe. Im Gegensatz zu allen anderen großen gesundheitlichen Geißeln unserer Zeit – Krebs, Demenz, Alzheimer – ließe sich Aids nämlich besiegen. Die Medizin bekäme die Seuche in den Griff, wenn nur alle gesellschaftlichen Kräfte mitspielen würden. Das sollten sie. Um dies zu erreichen, hat Elton John sein Buch geschrieben. Und damit, wie schon durch seine Arbeit in der Stiftung gezeigt: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Elton John: Love is the Cure. Über das Leben, über Verlust und wie wir AIDS besiegen können. Hoffmann und Campe, 212 Seiten, 19,99 Euro

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