17.07.12

Schriftsteller-Ikone

Erst im Tod verdient Jörg Fauser gut

Heute vor 25 Jahren lief Schriftsteller Jörg Fauser auf einer Münchner Autobahn betrunken vor einen Laster. Die deutsche Literatur hat sich von dem Tod des Außenseiters nicht erholt.

Foto: alexander verlag berlin
Immer unterwegs: Der Journalist und Schriftsteller Jörg Fauser lebte von 1980 bis 1985 in Berlin, zog danach wieder nach München
Immer unterwegs: Der Journalist und Schriftsteller Jörg Fauser lebte von 1980 bis 1985 in Berlin, zog danach wieder nach München

Jörg Fauser - eine seltsam seltene Eigenschaft von Schriftstellern - war einer, der immer alles genau wissen wollte. Wie weit kann man gehen, und wenn man nicht mehr gehen kann, wie viel weiter kann man kriechen?

In seiner Jugend - die erst mit seinem frühen Tod an diesem Dienstag vor 25 Jahren auf einer Münchner Autobahn endete, stilecht als Roadkill, überfahren von einem Lastwagen, weil er in der Nacht seines 43. Geburtstags besoffen über die Leitplanke geklettert war -, in seiner Jugend jedenfalls saß Fauser einige Jahre als Heroin-Junkie in Istanbul herum, vermutlich weil ihm die bundesrepublikanische Gegenwart der Sechziger einfach zu öde war.

Der Ex-Junkie recherchierte über den Drogenhandel

Dieser Rohstoff konnte ihm ebenso wenig anhaben wie der Alkohol und die Zigaretten, mit denen er später seinen unermüdlich stampfenden Motor befeuerte. Jahre darauf, als er längst angekommen war in der Abseitigkeit des deutschen Kulturbetriebs, als Reportagenschreiber für "Tip" und "Playboy", als Liedtexter für den Rock'n'Roller Achim Reichel, als Autor von Großstadtkrimis, die mit allen brackigen Pfützenwassern gewaschen waren ("Das Schlangenmaul", "Der Schneemann"), besuchte Fauser seinen Freund Detlef Bernd Blettenberg, den es in seiner Eigenschaft als Krimi-Autor und Entwicklungshelfer nach Thailand verschlagen hatte. Als Blettenberg Fauser am Flughafen abholte, hatte er Angst, der Ex-Junkie könne dem Opium verfallen. Doch es kam anders: In der Grenzregion von Thailand, Laos und Birma recherchierten sie über den Drogenhandel.

Wie Rolf Dieter Brinkmann hatte Fauser für seine älteren Kollegen, die in den Siebzigern den Ton angaben, nur ein Gähnen übrig. Selbst wenn ihre Bücher gelungener waren, wie etwa Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras" von 1951, erschienen sie ihm zu verblasen, streberhaft bemüht, der im Naziwüten verlorenen Moderne hinterherzuschreiben. Irgendwie harmlos, blutleer, selbstgefällig, bedeutungshuberisch, tot.

"Kein Bedarf an Arschkriecherei"

Fauser zog lieber um die Welt und besuchte Charles Bukowski in Los Angeles. "Wer sein Leben lang auf der Kippe lebt", schrieb er über die Begegnung in einem miesen Bungalow, den sonst nur Stricher und Zuhälter bevölkerten, "und die Schatten des Todes so gut kennt wie die Schatten des eigenen Körpers, hält sich mit der Gefühlsflora der Bourgeoisie und ihrer Mietschreiber nicht auf. Aber Melancholie, Trauer, Lust, Ekel, Mitleid, Angst und Hass, damit kennt sich Bukowski aus, das ist sein Material. Und kein Bedarf an Arschkriecherei."

Selbst bei den Außenseitern sitze er noch auf der Außenseite, sagte Fauser über sich selbst. "Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique; verheiratet, aber sonst unabhängig." Abhängig allein vom Beat-Literaten-Klischee des im Schatten der Wolkenkratzer einsam heulenden Wolfs. In der Literatursendung "Autor-Scooter" beschied Fauser, gebürtiger Frankfurter, einem verblüfften Hellmuth Karasek in einem hessisch grundierten Bass: "Ich möchte mich ungern als Schriftsteller bezeichnen. Ich bin Geschäftsmann. Ich vertreibe Produkte, die ich herstelle."

"Der Schneemann" jetzt auch als E-Book

Diese Produkte erschienen in Buchform bei Zweitausendeins, bei Diogenes, wo er Seite an Seite mit seinen Idolen Eric Ambler und Raymond Chandler stand, und in den letzten Jahren beim Berliner Alexander Verlag, der seine hellsichtig edierte und lungenschwarz gestaltete Gesamtausgabe vor einer Weile mit den gesammelten journalistischen Arbeiten unter dem Titel "Der Strand der Städte" abgeschlossen hat. Zum Anlass des 25. Todestags erscheinen dort die Romane "Rohstoff", "Der Schneemann", "Das Schlangenmaul" und die Fragment gebliebene "Tournee" jetzt erstmals als E-Book. Gut so, denn der Bewusstseinsstrom dieses wilden Träumers gehört sowieso ans heiße, flirrende Netz.

Fauser hat das Internet nicht mehr erlebt. Er musste selbst hingehen, wo das Leben spielte. Für den Roman "Rohstoff", den lesen muss, wer wissen will, was in der alten Bundesrepublik so los war, stieg er hinab in die Gräben des Frankfurter Häuserkampfs. Man wollte, die Mythen, die Fauser so liebte, wären wahr, und er könnte zurückklettern ans Licht der Gegenwart wie Orpheus, der die Steine zum Weinen brachte.

Der Geschäftsmann Fauser sah es pragmatisch: Erst im Tod, zur Ikone geworden, verdiene ein Autor gut. Im Himmel steht heute hoffentlich der Champagner kalt.

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