15.07.12

Staatsoper im Exil

Jürgen Flimm freut sich auf das "modernste Theater Europas"

Der Staatsoper-Intendant lobt die Sanierung seines Hauses. Im Gespräch mit Morgenpost Online wundert er sich aber auch - über das Publikum.

Foto: dapd/DAPD
Jürgen Flimm
Will nicht bis 80 arbeiten: Staatsoper-Intendant Jürgen Flimm

Seit 2010 ist Jürgen Flimm, Jahrgang 1941, Intendant der Staatsoper. Diese ist im Schiller-Theater untergebracht, da das Domizil Unter den Linden saniert wird und weil in Berlin gerade Bauverzögerungen schwer im Trend sind, wird auch die Staatsoper später als geplant in das heimatliche Domizil zurückziehen.

Anfänglich hat Jürgen Flimm gegen diesen Aufschub ziemlich gewettert, aber im Gespräch mit Morgenpost Online war er die Ruhe selbst. Naja, fast.

Morgenpost Online: Herr Flimm, wie lange sind Sie denn nun noch Intendant der Staatsoper? Bis 2015, 2016 oder länger?

Jürgen Flimm: Mein Vertrag lief eigentlich im Sommer 2015 aus. Klaus Wowereit und André Schmitz haben mich gebeten, wegen der Verzögerungen bei der Sanierung der Staatsoper ein Jahr länger zu bleiben.

Morgenpost Online: Sie sind sicher, dass Sie nicht länger bleiben möchten?

Jürgen Flimm: Ich wäre dann 75 Jahre alt.

Morgenpost Online: Generalmusikdirektor Daniel Barenboim bleibt bis 2022, er wäre dann 80.

Jürgen Flimm: Als Dirigent ist er körperlich tätig, deshalb ist er natürlich besser in Form als ich.

Morgenpost Online: Sehr witzig. Haben Sie dann auch Lust aufzuhören?

Jürgen Flimm: Das werde ich erst so ungefähr im Januar 2015 wissen.

Morgenpost Online: Mit einem Anwandlung von Melancholie?

Jürgen Flimm: Ganz sicher. Ich mache dann diesen Beruf über 40 Jahre, das bleibt ja nicht im Anzug stecken.

Morgenpost Online: Seit Herbst 2010 arbeitet die Staatsoper im Schiller-Theater. Gefällt Ihnen das Ausweichquartier?

Jürgen Flimm: Alle fühlen sich nun ziemlich wohl hier – nach anfänglichem Misstrauen.

Morgenpost Online: Aber Sie wollen jetzt nicht sagen, dass sie glücklich sind, hier im Schiller-Theater nach länger bleiben zu müssen?

Jürgen Flimm: Natürlich nicht. Aber die Arbeitsbedingungen sind hier sehr gut. Und man darf nicht vergessen, dass wir hier sind, weil die Staatsoper Unter den Linden für 240 Millionen Euro saniert wird. Da bekommen wir fast einen Neubau, das modernste Theater Europas. Eine tolle Sache.

Morgenpost Online: Wie reagiert das Publikum auf den neuen Standort?

Jürgen Flimm: Wir haben eine Auslastung von 87 Prozent in dieser Spielzeit, die konnten wir um drei Prozentpunkte steigern. Wir haben 186000 Zuschauer gehabt, das sind 20000 mehr als in der ersten Saison im Schiller-Theater.

Morgenpost Online: Das ist dann nicht mehr steigerbar?

Jürgen Flimm: Ich hoffe doch. Das hängt ja mit der Akzeptanz des Hauses zusammen. Das erste Jahr war mühsam, die Zuschauer müssten erst mal mitbekommen, wo wir eigentlich sind.

Morgenpost Online: Ist das Publikum mitgezogen?

Jürgen Flimm: Da gab es einen großen Wandel, zwei Drittel sind neu – das ist ein ziemlicher Erfolg und auch eine ziemliche Überraschung für uns. Wir haben viele Zuschauer gewonnen, die hier in der Gegend wohnen. Allerdings haben wir viel Publikum verloren, das in den östlichen Bezirken wohnt. Vielen ist er der Weg zu weit.

Morgenpost Online: So weit ist der Bebelplatz doch nicht vom Ernst-Reuter-Platz entfernt.

Jürgen Flimm: Wir haben Mitarbeiter, die in Pankow wohnen. Die sind abends mitunter über eine Stunde unterwegs.

Morgenpost Online: Angesichts einer Auslastung von 87 Prozent, also einer großen Nachfrage, könnten Sie doch die Preise erhöhen und damit auch das Defizit verringern.

Jürgen Flimm: Da muss man ganz vorsichtig sein, sonst verprellt man die Zuschauer. Wir versuchen das dynamisch zu machen. Durch zusätzliche Kategorien für bestimmte Serien Mehreinnahmen zu erzielen. Eine neue Preisstruktur können wir erst einführen, wenn wir Unter den Linden sind.

Morgenpost Online: Ein Problem des Schiller-Theaters ist, dass es im Vergleich zur Staatsoper 400 Plätze weniger hat. Daher nimmt es an der Kasse pro Saison vier Millionen Euro weniger ein.

Jürgen Flimm: Um das auszugleichen, haben wir Rücklagen gebildet, so um die 13 Millionen Euro. Wegen der Sanierungs-Verzögerung werden die nicht reichen. Wir haben alle Reserven zusammengekratzt, aber einen Ausgleich für die letzte Spielzeit 14/15 kriegen wir beim besten Willen nicht hin.

Morgenpost Online: Sie erwarten, dass die Politik hilft?

Jürgen Flimm: Kulturstaatssekretär André Schmitz hat eingesehen, dass diese vier Millionen Euro nicht mehr von der Staatsoper aufgebracht werden können. Er will sich dafür einsetzen, dass diese Summe uns zusätzlich zur Verfügung gestellt wird.

Morgenpost Online: Eine klare Zusage klingt anders.

Jürgen Flimm: Das Parlament hat die Haushaltshoheit, aber ich gehe davon aus, dass Wowereit und Schmitz eine entsprechende Vorarbeit leisten.

Morgenpost Online: Sie müssten doch eigentlich sauer sein wegen den Verzögerungen. Ist der Ärger so schnell verflogen?

Jürgen Flimm: Das ist mit dem Wort Ärger nicht zu beschreiben, aber ich bin ein positiv denkender Mensch und habe auch keinen Grund, über die Herren Schmitz und Wowereit schlecht zu reden. Man muss kein Porzellan zerschlagen, wenn gar nichts auf dem Tisch steht. Das hier ist eine sehr schwierige Situation, wir planen durch die Verschiebung jetzt schon die zweite Eröffnungsspielzeit. Die Projekte der ersten müssen wir transferieren. Das verursacht wahnsinnige Schwierigkeiten.

Morgenpost Online: Die Bauverzögerung nehmen Sie gottgegeben hin?

Jürgen Flimm: Das ist Schicksal, da kann man nichts machen. Gott meint es sicher besser mit uns. Aber jetzt schauen wir nach vorne.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass es trotz neuer Bauverzögerung zu keinen Mehrkosten kommt?

Jürgen Flimm: Die entstehen sicher.

Morgenpost Online: Die Senatsbauverwaltung fordert, dass der Kostenrahmen auf jeden Fall eingehalten wird. Muss die Staatsoper als Gegenleistung eine schlanke Sanierung hinnehmen?

Jürgen Flimm: Was wollen sie denn abspecken?

Morgenpost Online: Keine Ahnung, vielleicht den unterirdischen Verbindungsgang verkleinern?

Jürgen Flimm: Und dann hätte der irgendwann keine Funktion mehr. Da sollen schließlich die Bühnenbilder transportiert werden.

Morgenpost Online: Noch aber ist die Staatsoper hier im Schiller-Theater…

Jürgen Flimm: …dessen Sanierung ebenfalls eine große kulturpolitische Tat war. Das war vorher eine Dreckbude hier.

Morgenpost Online: Die Lage ist im Vergleich zu Unter den Linden schlechter. Laufkundschaft dürften Sie hier kaum haben und die Touristenbusse…

Jürgen Flimm: …die fahren ohne Halt vorbei. Aber Unter den Linden ist es jetzt mit dem U-Bahnbau und dem Lärm auch nicht schön.

Morgenpost Online: Dann bleiben Sie doch einfach bis 2019 hier, dann ist die U-Bahn fertig.

Jürgen Flimm: Ich will aber nicht bis zum 80. Lebensjahr arbeiten.

Morgenpost Online: Um Präsenz am alten Domizil zu zeigen, wollte Daniel Barenboim das Haus Unter den Linden im Herbst 2014 eröffnen, auch wenn anschließend weiter gebaut wird.

Jürgen Flimm: Das wird nicht klappen, weil Versorgungsleitungen dann noch nicht installiert sind, sagen die Bauleute.

Morgenpost Online: Was machen Sie denn mit der Uraufführung, die für den ursprünglichen Wiedereröffnungstermin geplant war?

Jürgen Flimm: Die haben wir einfach weitergeschoben. Jetzt planen wir zum Wiedereinzug 2015 eine Eröffnungssaison mit zwei Uraufführungen. Das ist doch sehr schön!

Morgenpost Online: Und Sie führen dann Regie?

Jürgen Flimm: Daniel Barenboim möchte gern, dass ich eine Uraufführung mache.

Morgenpost Online: Welche?

Jürgen Flimm: Eine von den beiden. Mehr sage ich nicht.

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