Konzert in Berlin
Am Mikrofon ist Marianne Faithfull in Bestform
Im Rathaushof Köpenick konnten Fans der Sixties-Ikone ganz nah sein. Professionell überspielte sie eine kleine Unpässlichkeit.
Man begegnet ihr mit Ehrfurcht und Bewunderung. Man hört diese von Alkohol, Drogen, Zigaretten und einem ausschweifenden Leben geschundene Stimme, die so viel Liebe, Leid und Lust auszudrücken vermag. Man hängt dieser kleinen Frau im schwarzen Hosenanzug an den tiefrot geschminkten Lippen und genießt es, wie sie ihre Songs mit emotionaler Kraft veredelt.
Im Jahr 2011 erst hat Marianne Faithfull das Spandauer Zitadellen-Festival eröffnet. Nun steht die 65 Jahre alte Sixties-Ikone wieder auf einer Berliner Open-Air-Bühne. Diesmal am kühlen, aber trockenen Freitagabend auf dem mit 700 Besuchern ausverkauften Rathaushof in Köpenick.
Nun mag sich manch einer wundern: Die Marianne Faithfull? In Köpenick? Ja, genau die. Seit mittlerweile 17 Jahren veranstaltet der Köpenicker Ratskeller-Wirt und passionierte Jazzfan Wolfgang Pinzl das mit altgedienten Musikern honorig besetzte "Köpenicker Blues- und Jazzfestival". Und es ist ihm in diesem Jahr gelungen, die inzwischen in Paris lebende Marianne Faithfull von einem Auftritt im intimen Rahmen des historischen Gebäudes zu überzeugen. So kann man nun einer Legende ganz nahe sein.
Faithfull hat ihre Karriere ausgekostet und ertragen
Nach einem imponierenden, sixtiesverliebten Vorprogramm der in Berlin lebenden, britischen Sängerin Gemma Ray eröffnet Marianne Faithfull den Abend mit "Horses And High Heels", dem Titelsong ihre aktuellen, in New Orleans entstandenen Albums. Helfende Hände müssen sie zunächst über die steilen Stufen zur Bühne geleiten. Doch am Mikrofon angekommen, zeigt sie sich mit entwaffnendem Lächeln in Bestform. "Danke, dass wir hier sein dürfen", sagt sie. Und: "Berlin is one of my favorite cities in the world."
Marianne Faithfull hat ihre Karriere ausgekostet und ertragen. Das hübsche, blonde Mädchen aus gutem britischen Hause war gerade mal 17 Jahre alt, als es mit "As Tears Go By" seinen ersten Hit landete. Geschrieben von Mick Jagger und Keith Richards. Sie wurde zur Prinzessin von Swingin' London, war die Muse der Rolling Stones und Jaggers Geliebte. Sie nahm zahlreiche weitere Platten auf, wurde nahezu aufgefressen vom quirligen Rock-'n'-Roll-Zirkus, der zum Rock-'n'-Roll-Sumpf wurde, in dem sie immer tiefer versank. Sie fiel in Depression und Drogenabhängigkeit.
1979 machte sie sich frei von ihrer Vergangenheit und nahm mit dem Album "Broken English" ihr Meisterwerk auf. Eine mutige, wütende, leidenschaftliche Songkollektion, auf der auch das zweite Stück dieses Abends in Köpenick, das blueswuchtige "Brain Drain", zu finden ist. Drei kraftvoll-versierte Musiker an Gitarre, Bass und Schlagzeug und Bandleaderin Kate St. John am Flügel, an der Orgel, an Saxofon und Oboe stärken Marianne Faithfull den Rücken bei neuen Songs und Coverversionen, darunter eine wunderschöne akustische Fassung von Bob Dylans "Baby, Let Me Follow You Down".
Ganz Entertainerin alter Schule sagt sie jeden Song an
Immer öfter nimmt Marianne Faithfull bei den Solopassagen der Band auf einem Stuhl Platz. Sie blickt ernst, sie atmet schwer. Bis sie wieder ans Mikrofon zu ihrem Notenständer geht und dieses so charmante wie professionelle Lächeln aufsetzt. Ganz Entertainerin alter Schule sagt sie jeden Song an, erzählt auch mal in feinstem Britisch kleine Geschichten dazu. Singt "Crazy Love", ein Lied, das sie gemeinsam mit Nick Cave geschrieben hat, und frotzelt "I'm testing, if you know this one". Jeder kennt "this one" natürlich, als die ersten Töne von "As Tears Go By" erklingen.
Das Bühnenlicht ist ihr etwas zu hell, der Techniker fährt es etwas herunter. Der Sound ist ihr zu leise. Sie fragt ins Publikum, ob sie gut zu verstehen sei und sagt, dass sie wohl langsam etwas taub werde. Man wird das Gefühl nicht los, dass sie sich nicht ganz wohlfühlt an diesem Abend, obwohl sie sich das an der Bühnenrampe nie anmerken lassen würde.
Sie singt "Broken English" und "The Ballad Of Lucy Jordan", Leonard Cohens "Tower of Song" und das lange, rüde rockende "Why'd Ya Do Not", in dem sie mit ordentlich derben Worten mit einem betrügerischen Lover abrechnet. Es ist das letzte Stück des "Broken English"-Albums. Und auch das letzte Stück dieses Konzerts.
Zwölf Songs und 75 Minuten, dann ist die Begegnung mit einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der populären Musik zu Ende. Viel Applaus. Ein Mitarbeiter trägt bereits eine neue Akustikgitarre auf die Bühne. Doch Marianne Faithfull kehrt nicht mehr zurück. Keine Zugabe.















