09.07.12

Ernest Borgnine tot

Der General, der das "Dreckige Dutzend" antrieb

"Ich bin nichts als ein hässlicher, hässlicher Mann": Für diese Erkenntnis erhielt Ernest Borgnine seinen Oscar. Doch der Schauspieler, der jetzt im Alter von 95 Jahren starb, konnte viel mehr.

Quelle: Reuters
09.07.12 0:23 min.
Der US-Schauspieler Ernest Borgnine starb im Alter von 95 Jahren. Er spielte in Dutzenden Filmen und Fernsehserien mit. Einen Oscar erhielt er für die Rolle des Fleischers im Film "Marty".

Es dürfte in der gesamten Filmgeschichte nur einmal vorgekommen sein, dass ein Schauspieler für den gleichen Film den Oscar für die beste Hauptrolle, den Darstellerpreis in Cannes – und die Auszeichnung "Mann des Jahres" der amerikanischen Metzgerinnung gewann.

Dieses Kunststück gelang Ernest Borgnine, dem Mann mit dem bulligen Gesicht mit den buschigen Augenbrauen und der Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen mit "Marty", der Geschichte von dem einsamen, schlichten Fleischer, der sich in die ebenso einsame, unglamouröse Lehrerin verliebt. In einer Szene fordert ihn seine Filmmutter auf, in seinen blauen Anzug zu schlüpfen und in die Tanzdiele zu gehen, dort könne er viele Mädchen treffen. "Mutter", entgegnet Marty, "du verstehst das nicht. Ich bin nichts als ein hässlicher, hässlicher Mann." Und er wendet sich mit Tränen in den Augen ab.

Was Marty sagte, galt auch für Ernest. Seine Filmkarriere begann erst mit Mitte dreißig, nach zehn Jahren in der Marine, als seine (reale) Mutter ihn aufforderte, es mal als Schauspieler zu versuchen: "Du machst dich doch gern vor Leuten zum Affen." Das Kino – immer auf der Suche nach überzeugenden Schurken – besetzte ihn gleich in seinem ersten Film als chinesischen Spielhallenbesitzer, im zweiten als italienischen Mafiakiller und im dritten als den bierbäuchigen Sergeant namens "Fatso", der Frank Sinatra in "Verdammt in alle Ewigkeit" das Leben zur Hölle macht.

Abschied von sadistischen Charakteren

Borgnine war nicht die erste Wahl für "Marty", das war Rod Steiger, der aber gerade das pompöse Musical "Oklahoma!" drehte. Borgnine wäre trotzdem nicht zum Zuge gekommen, hätte Hollywood dem Film irgendwelche Erfolgsaussichten zugebilligt, aber "Marty" war der erste Kinofilm eines Fernsehregisseurs (Delbert Mann) und eines Fernsehautors (Paddy Chayefsky), ein rares Experiment in Naturalismus.

Dieser Oscar war ein Segen für Borgnine, der sonst sein Leben lang bedrohlich-sadistische Charaktere hätte spielen müssen. Deren gab es trotzdem genug – von dem korrupten General im "Dreckigen Dutzend" über die rechte Hand des Outlaw-Chefs in "The Wild Bunch" bis zu dem rabiaten Schaffner in "Ein Zug für zwei Halunken" –, aber da waren auch andere. "Der Mann ohne Furcht" war zwar ein Western, aber auch eine "Othello"-Variante, worin Rod Steiger den Rinderzüchter Borgnine beschwatzt, seine Frau habe was mit Glenn Ford gehabt. In der Comedy-Serie "McHale's Navy" gab er den auf einer Pazifikinsel gestrandeten Kommandanten eines Kriegsschiffes und in "Die Klapperschlange" den hilfsbereiten Taxifahrer.

Rührend oder komisch

Bei Borgnine musste man immer aller Möglichkeiten gewahr sein, er konnte abgrundtief böse sein oder auf simpelste Weise rührend oder schwülstig komisch oder auf der schmalen Grenze zwischen Lächerlichkeit und Grausamkeit balancieren – wie sein Kollege Eli Wallach, mit 96 nun der letzte aktive Überlebende seiner Zunft und Zeit.

Borgnine begab sich nie in den Ruhestand – seit dem 90. Geburtstag hatte er in zwanzig Filmen mitgewirkt; beim allerneuesten steht die Premiere noch aus –, und seine beste späte Rolle spielte er vor neun Jahren für Sean Penn in dem Episodenfilm "11'09''01". Darin ist er ein alter Witwer, der den Tod seiner Frau nicht verwinden kann und sich eines ihrer Kleider als imaginären Gesprächspartner aufs Bett legt.

Die Sonne hinter den Türmen

Er steht auf, wäscht sich, erledigt mechanisch die alltäglichen Verrichtungen. So entrückt ist er der Realität um sich, dass er von der Katastrophe direkt nebenan nichts mitbekommt – bis plötzlich ein Sonnenstrahl in sein Zimmer dringt, über sein Bett streicht, den Eingedösten weckt und eine Blume, fast verwelkt, wieder aufblüht: Die Türme, welche der Sonne immer im Weg standen, sind nicht mehr.

Dass ihr Fall mit etwas Positivem – der Rückkehr der Sonne – verbunden wurde, war 2002 eine erhebliche Provokation, der Film wurde in den USA kaum gezeigt, und so kommt diese Hommage an den Schauspieler Borgnine auch in keinem amerikanischen Nachruf vor.

Vorige Woche, hatte Borgnine gescherzt, begab er sich zum "95.000-Meilen-TÜV" ins Krankenhaus. Am Sonntag ist er dort 95-jährig gestorben.

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