22.04.09

Kunst

Eine, die ganz nah dran war an Heiner Müller

Brigitte Maria Mayer war gerade 30, als Heiner Müller starb. Noch heute setzt sich die Künsterlin permanent mit dem Mann auseinander, der als der intellektuelle Superstar der deutschen Nachkriegsbühne gilt und mit dem sie verheiratet war.

Von Gabriela Walde
Foto: Reto Klar
Brigitte Maria Mayer und Tochter Anna Mueller
Heiner Müllers Witwe Brigitte Maria Mayer (r.) mit Tochter Anna Müller.

Es gab sicher Zeiten, wo Brigitte Maria Mayer damit nur schwer umgehen konnte. Heute sagt sie schlicht: "Ich bringe ihn nicht mehr los!" Mit "ihn" ist Heiner Müller gemeint, Mayer war mit dem Dramatiker bis zu seinem Tod 1995 verheiratet. Da war sie dreißig, heute, 14 Jahre später, haftet immer noch ihr Namen an seinem. Er ist wie ein Schatten. Und es gibt wohl kein Gespräch, das ohne H.M. auskommt. Da braucht man Selbstbewusstsein, zumal, wenn man wie die gebürtige Regensburgerin auch künstlerisch tätig ist. Beim Vornamen nennt sie ihn nur selten, sie spricht lieber von "Heiner Müller".

Akademie hat Heiner Müllers Archiv

Ihr charmant-morbides Loft-Atelier in der Kreuzberger Muskauer Straße - dort hat sie mit ihm auch gelebt - ist eine ziemlich Müller-freie Zone. Nur eine Fotografie mit der gemeinsamen Tochter, der kleinen Anna, erinnert an ihn - und die einzelnen Bände der Werkausgabe, die kreuz und quer verstreut herumliegen. Seine Möbel, auch das Stehpult hat Brigitte Maria Mayer an die Humboldt-Universität gegeben. Sein Archiv befindet sich in der Akademie der Künste, gerade wird es digitalisiert. Dort liegen auch ihre privaten Fotos in Verwahrung, die sie in dem sehr privaten Band "Der Tod ist ein Irrtum" veröffentlich hat.

Sie liest "Heiner immer wieder", sagt sie, "nimmt ihn sich vor", und wer Müller-Texte kennt, weiß: fertig wird man damit so leicht nicht. Und weil das so ist, kommt es bei der betont schlanken Frau schon vor, dass sie seinen Text abschreibt, damit sie ihn bewusst und nachhaltig erfasst - dann wird ihr klar, dass "Heiner über fast alles geschrieben hat" und wie unendlich "groß sein Blick auf die Welt überhaupt war".

Aus dieser Beschäftigung ist nun die filmische Installation "Anatomie Titus" entstanden - nach Müllers 1984 entstandener Shakespeare-Adaption "Anatomie Titus Fall of Rome". Das blutrünstige Stück passte zu seinem Verständnis von Geschichte als permanenter Abfolge von Katastrophen. Dieses Denkspiel war für Müller "ein aktueller Text über den Einbruch der Dritten Welt in die Erste Welt, mehr ein Seneca für den Jahrmarkt als eine Tragödie".

Freitagabend hat Mayers barockes, bildgewaltiges "Globalisierungsfresko" in der Akademie der Künste am Pariser Platz Premiere. Ein teilweise hochartifizielles, assoziatives Bilder-Inferno, das dem wilden "Blutstrom" der modernen Gesellschaften folgen will. Mayer, die sich lieber "Kulturarbeiterin" als Fotografin nennt, hat dafür drei Leinwände in sieben Metern Höhe nebeneinander positioniert, zwei Schrifttafeln erläutern den Text, ein babylonisches Stimmgewirr, vier Sprachen prallen hier aufeinander wie widerstreitende Kulturen und ihre unterschiedlichen Ordnungen. Ein Opferritual in Ghana, ein Gebetsrausch in Kairo. Und mittendrin in dieser furiosen wie sperrigen Welttragödie schwebt stolz und ätherisch schön die 16-jährige Anna Müller, die ein renommiertes Internat im Süden Deutschlands besucht. "Sie hat diese Herausforderung gebraucht", ist sich Mayer sicher. "Sie hat eigentlich keine Ambitionen auf die Schauspielerei, eher auf Regie!"

Durch die halbe Welt gereist

Weil Europa nur ein verschwindend kleiner Teil auf der Weltkarte ist, reiste Mayer mit ihrem Team um den Berliner Kameramann Peter Badel durch Syrien, Ghana, China, Ägypten und Dubai, suchte dort Antworten auf ihre Fragen, die schwerer nicht sein könnten: Wo ist das neue Rom? Ist unsere Moderne überhaupt denkbar ohne ein chinesisches Großreich? Wer stellt eigentlich den Herrschafts- und Machtanspruch? Wie agieren die globalisierten Finanzmärkte? Aktueller könnte ein Projekt gar nicht sein. Bald darauf hören wir Jeanne Moreau in rauchig-erotischer Stimme rezitieren: "Rom ist die große Hure der Konzerne".

Moreau, die cineastische Ikone Frankreichs, konnte Mayer für die Rolle der Gotenkönigin Tamora gewinnen. "Gecastet" hat Mayer sie auf einem Festival in Avignon, wo sie in Müllers "Quartett" spielte und gleich begeistert war von den "Titus"-Plänen. "Sie ist ein Fan von Müller-Texten, ich bin sicher, sie wird auch noch mal etwas anderes von ihm machen." So kam Madame Moreau nach Kreuzberg, schwang abends völlig unprätentiös beim gemeinsamen Essen den Kochlöffel und guckte, ob das Fleisch auf dem Herd auch zart genug war.

Vom echten Shakespeare steckt im "Titus" nur noch wenig, der stark gekürzte Textkorpus basiert auf Müllers Kommentar, den Mayer mit "75 Prozent Bildern" versetzt hat. Sie lacht hell. "Der Konkurrenz Heiner Müller, dem Jahrhundertgenie, muss man sich gar nicht aussetzen. Ich kann nur spielerisch damit umgehen."

Und schon sind wir wieder bei Müller. Welche Bedeutung er damals im Osten darstellte, das hat sie erst nach seinem Tod gemerkt. "Diesen Starkult um einen Intellektuellen gab es in dieser Form im Westen nicht." Und dann war da die junge Frau aus dem anderen Teil Deutschlands, die ein Kind von ihm hatte. Da war wohl auch viel Neid. "Die Leute suchten nach seiner Nähe, die nicht mehr da war. Da gab es befremdliche Reaktionen. Keiner war an meiner Biografie interessiert, nur an meiner Nähe zu Müller." Und fügt etwas leiser hinzu: "Ich habe diesen Mann kennengelernt, da hatte er sich für eine Zuneigung und Liebe entschieden. Junge Genies sind anstrengender!" Loslassen wird Heiner Müller sie wohl trotzdem nicht.

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