06.07.12

Hippie-Drama

Punk ist, wenn du dich traust, scheiße zu sein

In dem Film "Sons of Norway" werden skurrilste Tabubrüche präsentiert. Das kann sogar lustig sein, zumal wenn Johnny Rotten von den Sex Pistols über die Moral von der Geschicht aufklärt.

Fiese Gestalten. Grauenhafte Tabubrüche. Schreckliche Storys. Und trotzdem ist alles auf verstörende Art irgendwie lustig: Die skandinavische Schrulligkeit ist so etwas wie der Punk unter den Filmgenres geworden. Zum Punk-Sein genügt es nämlich, "wenn du dich traust, scheiße zu sein", wie es in "Sons of Norway" heißt. Und "Sons of Norway" traut sich.

In Jens Liens Verfilmung von Nikolaj Frobenius' autobiografischem Roman "Theory and Practice" wird da zum Beispiel eine schleimige Erdbeersahnetorte zur toten Mutter und Ehefrau, die sich Vater und Sohn mit Haut und Haaren einverleiben – freilich in einer pubertären Ekel-Fantasie. Doch auch die Realität sieht nicht wirklich gut aus. Am Anfang von "Sons of Norway" steht nämlich ein Idyll, das bei einem Heranwachsenden in den späten Siebzigerjahren durchaus dauerhaften Brechreiz hervorrufen kann.

Man hat seinen Spaß miteinander

Dieses Idyll, eine Holzhäuschen-Wohnanlage in einem Osloer Vorort, bewohnt der stets wie ein kluger Troll dreinblickende Nikolaj (Åsmund Høeg) mit seinen zwei Brüdern und seinen Hippie-Eltern. Man hat zunächst weitgehend Spaß miteinander, Vater und Mutter behängen den Weihnachtsbaum unkonventionell mit Bananen, ermuntern fröhlich die Jungs, ihnen "beim Vögeln zuzusehen" und skandieren begeistert mit, wenn die weiblichen Bekannten ihres Nachwuchses "Nieder mit dem Patriarchat!" rufen. Ein Unfall macht aus der Familie dann einen reinen Männerhaushalt, der Vater versinkt in Depressionen.

Würde nicht rechtzeitig der Punk sein hoffnungsgrünes Haupt erheben und seine gnädigen dürren Arme ausbreiten, wäre das alles unaushaltbar für Nikolaj, der sich bald Sicherheitsnadeln in sein Kindergesicht sticht, Mitglied einer lärmenden Band wird und von seinem antiautoritären, zottelbärtigen und wiedererwachten Vater (Sven Nordin) bei all dem auch noch unterstützt wird, was die Sache mit der Abgrenzung wiederum zunichte macht.

Die Band läuft aus dem Ruder

Wie hier die unterschiedlichen Lebenshaltungen sowohl mit Sympathien als auch mit Befremden aufeinander losgelassen werden, hat seinen Charme. Da kullern dann auch ein paar schrullige (Nudistencamp) bis krasse Höhepunkte (Nikolaj rast durch eine Glasscheibe) über die Leinwand. Doch die versuppen, weil sich Lien und Frobenius offenbar nicht entscheiden können, welche Geschichte sie nun eigentlich erzählen wollen: die eines unmöglichen Aufstands (Nikolaj), die der späten Punkwerdung eines Hippies (der Vater) oder doch lieber die einer aus dem Ruder laufenden Bandgründung.

Auch egal, denn irgendwann tritt John Lydon alias Johnny Rotten von den "Sex Pistols" auf, einer der Götter Nikolajs und außerdem ausführender Produzent, und lässt in die dramaturgische Leere ein dünnflüssiges Vermächtnis fallen: Zwar sei alles auf der Welt "scheiße", aber doch auch ganz lebenswert. Hat man hier in Varianten schon zuvor ein paar Mal gehört. Aber was wären Revolutionen und Kino ohne ihr schlechtes Gedächtnis.

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