06.07.12

Drama

Was tun, wenn ein Mädchen fordert – "Töte mich!"

Adèle findet nicht den Mut zum Selbstmord. Da läuft ihr ein entflohener Mörder über den Weg. Der Film "Töte mich!" von Emily Atef besticht durch das atmosphärisch dichte Spiel seiner Darsteller.

Quelle: Wüste Film
29.06.12 1:29 min.
Adele möchte sterben, schafft es aber nicht, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Da taucht ein entlaufener Mörder auf. Er erklärt sich bereit, sie zu töten, wenn sie ihm zur Flucht verhilft.

Erzwungen ist das erste Wort, das einem zu einer Handlungsbeschreibung wie der folgenden einfällt: Ein zum Selbstmord entschlossenes Mädchen wird von einem aus dem Gefängnis geflohenen Mörder entführt und nutzt ihre Macht als Opfer dazu, den Täter zur eigenen Wunscherfüllung zu erpressen: "Töte mich!" So erzwungen scheint dieser Erzählungsaufbau, dass sich allein daraus bereits eine Spannung ergibt: Wie wird die Regisseurin Emily Atef dieser Geschichte Plausibilität verleihen?

Die Antwort findet sich gleich in den ersten Bildern: Es ist das Gesicht von Maria-Viktoria Dragus, das sich manchem bereits seit ihrem Auftritt in Michael Hanekes "Das weiße Band" eingeprägt hat. Dragus spielt die 15-jährige Adèle, die auf dem Bauernhof ihrer Eltern die Kühe hütet. Das Ausmaß ihres Unglücks offenbart sie durch die Verschlossenheit, mit der sie sich gegen die Außenwelt abschottet.

Soviel trotzige Verlorenheit bringt Dragus in ihrer Figur zum Ausdruck, dass man als Zuschauer schon auf ihrer Seite ist, bevor man die nach und nach enthüllten Details ihres großen Schmerzes kennt – ein abwesender Bruder, in Trauer erstarrte Eltern, ein gemeinsam erlittener Unfall.

Charisma des Schauspielers

Ähnlich ergeht es dem Zuschauer mit Timo, dem von Roeland Wiesnekker gespielten Mörder, der bei seinem Ausbruch ausgerechnet auf die zum Tod entschlossene Adèle als Geisel stößt. Auch hier strahlt das Charisma des Schauspielers viel mehr aus, als das Drehbuch zunächst über ihn verrät: dass er ein Getriebener ist, der sehr wahrscheinlich selbst ein Opfer war, bevor er zum Täter wurde. Als "seltsames Paar" machen sich die zwei auf zur Flucht nach Marseille. Dort will Timo ein Schiff nach Afrika besteigen und Adèle möchte von der Klippe gestoßen werden.

Leider klingt das Drehbuch oft papieren durch, besonders da, wo der Film auch atmosphärisch überzeugen könnte. Auch der Fluchtverlauf – meist geht es durch lichte Wälder – erscheint nicht immer schlüssig. Doch die eindrückliche, trotzig-verletzliche Präsenz der beiden Hauptdarsteller tröstet über viele Ungereimtheiten hinweg.

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