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28.04.09

Grüne Ausstellungsfläche

Wohnzimmer sind out, die Kunst erobert den Garten

Immer mehr Sammler präsentieren ihre Schätze im Grünen. Deren Motto lautet: Nie wieder Wohnzimmerkunst. Als alternativer Ausstellungsort hat der Garten zwar eine lange Geschichte, doch wie machen sich wohl ein Pudel von Jeff Koons auf der Terrasse, ein Oldtimer in den Büschen oder Meerjungfrauen in den Rabatten?

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8 Bilder

Nein, der rote Sportwagen ist kein Überbleibsel eines Verkehrsunfalls. Er ist auch kein Zeichen dafür, dass seine Besitzerin schlecht einparken kann. Der rote Flitzer, der im Schatten eines Baumes steht und allmählich unter einer wuchernden Rosenhecke verschwindet, ist Kunst. Genauer gesagt: ein Kunstwerk von Sylvie Fleury.

1996 lud die Kunstmäzenin Ursula Blickle die Schweizer Künstlerin zu einer Ausstellung mit dem Titel "Exotik – Erotik" ein. Und was könnte wohl erotischer sein als ein rassiger Zwölfzylinder? Fleury, die sich privat gern in den Porsche setzt, stöberte einen schrottreifen Oldtimer auf dem Hof eines Altwagenhändlers auf und karrte ihn ins badisch-beschauliche Kraichtal. Vorher wurde die Karre noch nagellackrot lackiert. Fleury bepflanzte das Auto mit Rosen und ließ es nach Ausstellungsende einfach stehen. Im Garten der Ursula-Blickle-Stiftung, der schon als kleines Anwesen durchgeht, schlummert der Sportwagen jetzt im Dornröschenschlaf, während der Farbton langsam Richtung Rost kippt und die Ranken die Karosserie umschlingen. "Ich mag dieses Ephemere", sagt Blickle, "wenn man nicht weiß, ob eine Skulptur wirklich eine Skulptur ist."

Der rote Sportwagen ist ein prägnantes Zeichen, dass die zeitgenössische Kunst mit unverminderter Wucht ins Grüne drängt. Kunstliebhaber präsentieren ihre Sammlung nicht nur auf den eigenen vier Wänden, sondern entdecken auch immer wieder den Garten als alternative Ausstellungsfläche. So zeigt etwa die Sammlerfamilie Grässlin in St. Georgen Werke von Meuser und Christopher Wool vor einem Vorhang aus Schwarzwälder Nadelholzgewächsen. Der griechische Sammler Dakis Joannou beschaut gern seinen "Balloon Dog" von Jeff Koons, der im geschätzten Gegenwert mehrerer bescheidener Luxusvillen auf seiner Athener Terrasse steht. Und das Galeristenpaar Nicole Hackert und Bruno Brunnet hat hinter seiner Berliner Villa Jonathan Meeses Bronzeskulptur "Dr. Pounddaddy" aufgebaut. Familienintern auch "Der Wolf" genannt. Die Kinder nutzen den Werwolf Meeses, der Erinnerungen an Romulus und Remus und HR Gigers Aliens weckt, gern als Klettergerüst.

Barocke Gartenkunst des Hochadels

Kunst im Garten – das ist nicht gerade ein ganz neues Phänomen. In der Blütezeit des Barock gab der europäische Hochadel zahlreiche Statuen in Auftrag, um auch die Außenanlagen seiner opulenten Residenzen zu schmücken. Üblicherweise ordneten sich diese Skulpturen einem künstlerischen Gesamtkonzept unter. Im Garten von Versailles dienten zum Beispiel viele Statuen der Verherrlichung der Regentschaft von Sonnenkönig Ludwig XIV. Die Marmorfiguren fügten sich dabei parterre in ein strenges geometrisches Raster von Blumenbeeten und zurechtgestutzten Bäumen ein. Die Kultur regierte über die Natur.

Die Feier des absolutistischen Gestaltungsbewusstseins konnte nicht ohne Folgen und Gegenbewegung bleiben. Der englische Landschaftsgarten des 18. Jahrhunderts ist ein Zeichen ökonomischer Prosperität des Landes – eines wirtschaftlichen Aufschwungs, der vor allem durch das heimische Großbürgertum getragen wird. Obwohl ebenfalls geplant und gestaltet, folgt der Garten einem gänzlich neuen Ideal: "Ich schaue lieber auf einen Baum in seiner Üppigkeit, dessen Äste und Zweige sich gegenseitig durchdringen, als auf einen, der zu einer mathematischen Figur zurechtgetrimmt wurde", schrieb der Aufklärer Joseph Addison 1712 im "Spectator". Die hier propagierten Werte sind die Natürlichkeit, das Naturgesetz, aber auch die als "natürlich" empfundene Wirtschaftsordnung – der Freihandel. Der Auftraggeber von Stourhead, einem der schönsten Landschaftsgärten der Epoche, war ein Bankier: Henry Hoare. Die Kunst, die auf die ästhetischen Ideal der Antike und der italienischen Renaissance zurückgreift, ordnet sich auch hier dem ästhetischen Gesamteindruck unter – dem Bild eines wie zufällig gewachsenen Arkadien.

Individualität zwischen den Büschen

Mit fortschreitender Demokratisierung der Gesellschaft in der Moderne wird jedoch auch das Kunstwerk im Garten freier. Es muss sich nicht mehr zwingend schlüssig in die Umgebung einfügen. Zwar gibt es weiterhin Künstler, die Gärten als Ausdruck eines übergeordneten Weltbildes anlegen – der Garten des Surrealisten Salvador Dalí im spanischen Portlligat ist ein Beispiel oder der "Tarot Garten" der im Alter ins Esoterische abgeglittenen Niki de Saint Phalle. Die meisten Sammler kombinieren heute jedoch in ihren Gärten durchaus disparate und autonome Werke, die zusammen dann einem Zweck dienen: den individuellen Geschmack ihrer Besitzer auszustellen.

"Kunst sollte den eigenen Stil erkennen lassen", sagt auch die Galeristin Nicole Hackert. Skulpturen im Garten seien eine Fortführung der eigenen Haltung, nach der Kunst und Leben zusammengehören. Zwischen einem blühenden Magnolienbaum, Tulpen und Osterglocken mischen sich deshalb zwei blaue Meerjungfrauen von Chris Ofili und eine riesige, weiß lackierte, irgendwie amorph wirkende Bronzeplastik von Tal R. Der Künstler hatte dafür extra seinen Ateliermüll abgegossen.

Um das Grün, das die Werke umgibt, kümmert sich Hackerts Mann. "Der Garten ist mein Hobby", sagt Bruno Brunnet. "Das ist ein Ort, wo ich auch mal gestalterisch tätig sein kann. Muss wohl damit zu tun haben, dass ich so viel mit Künstlern zu tun habe." Einen Vorteil hat die Gartenarbeit gegenüber der Künstlerbetreuung auf jeden Fall: "Endlich muss ich mal mit niemandem Rücksprache halten und kann alles allein entscheiden."

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