Stadtmuseum
Ausstellung spinnt roten Faden durch Berlins Geschichte
Die Ausstellung "Berlin-Macher" im Stadtmuseum zeigt 775 Hauptstädter, die alle miteinander zu tun haben: Von Ernst Busch bis Harald Juhnke.
Er stand vor dem Deutschen Theater an der Schumannstraße und wartete. Dann, endlich, geht die Tür auf, und mit schüchterner Stimme fragt der Junge den Mann, der auf die Straße tritt: "Sind Sie Ernst Busch?" Die Frage war rhetorisch, natürlich erkannte der junge Berliner den großen Schauspieler. Doch der antwortete knapp: "Nein", stieg aufs Fahrrad und fuhr davon. Das war Ende der 50er-Jahre. Niemals wird Professor Dieter B. Herrmann diesen Moment damals vergessen.
75 frühere Bewohner und 700 aktuelle Bewohner
Als er die Anekdote aus seiner Kindheit erzählt, steht der 73-Jährige vor einer Büste Buschs, die in der Ausstellung "Berlin-Macher" im Ephraim-Palais zu sehen ist. Zum 775. Jubiläum der Hauptstadt zeigt die Stiftung Stadtmuseum Berlin 75 frühere Bewohner und 700 aktuelle Bewohner dieser Stadt, die auf unterschiedlichste Weise alle miteinander verknüpft sind, die wie durch einen roten Faden miteinander in Verbindung stehen. So wie der Diplom-Physiker Dieter B. Herrmann und der Schauspieler, Sänger und Kabarettist Ernst Busch (1900–1980).
Für Herrmann, der wie die anderen 699 Berliner von Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW Berlin) auf der Straße angesprochen und gefragt wurde, was er über Berlin denkt, ist die Ausstellung "fantastisch in ihrer Botschaft". "Berlin ist immer schon durch seine Menschen das geworden, was es ist. Diese Ausstellung zeigt genau das", sagt der Physiker, der auch ein echter "Berlin-Macher" ist. Die 700 hier lebenden Berliner kommen alle zu Wort und wurden fotografiert – wenn sie denn wollten. Bild und Zitat sind abgebildet auf kleinen roten Kartons, die wiederum alle auf roten Fäden von der Decke zum Boden gespannt sind. Ein Netzwerk, keiner steht für sich allein, alle stehen irgendwie miteinander in Verbindung. Und wenn es nur die Bindung an Berlin ist. "Berlin ist meine Heimatstadt, und das ist für Leute in meinem Alter selten. Berlin spiegelt wie keine andere Stadt die Geschichte Deutschlands wider", liest Professor Herrmann laut vor, was auf seinem Karton steht. Da blickt er sich selbst an – zum ersten Mal im Leben ist er "Ausstellungsobjekt". Und muss schmunzeln.
Kleinplanet trägt Herrmanns Namen
Dabei ist er Öffentlichkeit durchaus gewohnt: Von 1976 bis 2004 war er Direktor der Archenhold-Sternwarte, 1977 bis 1991 moderierte er die populärwissenschaftliche Fernsehsendung "Aha" des DDR-Fernsehens, in der viele Prominente zu Gast waren. 2006 wurde er zum Präsidenten der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin ernannt, und im Jahr 2010 taufte die Internationale Astronomische Union den Kleinplaneten 2000 AC204 auf den Namen Dieterherrmann. Mit ihm durch die Ausstellung zu gehen bedeutet noch mehr Spaß, als die "775 Porträts" ohnehin machen. Vor Silly-Rocklady Tamara Danz (1952–1996) bleibt er stehen. "Sie war Gast in meiner ersten "Aha"-Sendung. Tolle Frau!" – sprach's, drehte sich um und steht vor Regine Hildebrandt (1941–2001). "Ach, das passt ja: Sie war 1991 in meiner letzten Sendung – und kein Mensch kannte sie. Ich auch nicht." Schon wieder ein roter Faden zwischen zwei Berlinern, gesponnen von einem Berliner. Unter den historischen Persönlichkeiten trifft man auf Dichter Theodor Fontane oder das Original Harald Juhnke, auf Physikerin Lise Meitner und "Milljöh"-Zeichner Heinrich Zille, findet Modemacher Heinz Oestergaard und Schauspieldiva Hildegard Knef. Alle sind wahre "Berlin-Macher", die ein Beziehungsgeflecht offenlegen, dass hochgradig spannend ist. Hildegard Knef ließ bei Oestergaard schneidern, Oberbürgermeister Gustav Böß überreichte Künstler Max Liebermann 1927 den Ehrenbürgerbrief, und Theaterfotografin Eva Kemlein und Ernst Busch wohnten beide in der Wilmersdorfer Künstlerkolonie.
Befreundet mit Hanns Eisler
Womit der Faden, bei Ernst Busch angekommen, wieder von Professor Herrmann aufgenommen werden kann. Es blieb nämlich nicht bei dieser ersten Begegnung für den Bewunderer mit seinem Idol. Es sollte noch ein Treffen geben. Herrmann erklärt, wie es dazu kam – und verdeutlicht wieder einmal mehr, wie das so ist mit den Berlinern und dem roten Faden: "Ich war Anfang der 60er-Jahre mit dem Komponisten Hanns Eisler befreundet, deren Lieder Busch interpretierte. Eisler starb 1962 in Ost-Berlin." Die Freundschaft zur Witwe Eislers bestand weiter. "Ihr erzählte ich von meinem Wunsch, einmal mit Ernst Busch zu sprechen." Herrmann hatte gerade an der Humboldt-Universität seinen Abschluss als Physiker gemacht, Ernst Busch hatte den Galileo Galilei auf der Bühne zum Leben erweckt. "Er tat das so ernsthaft, und ich hatte von seinem Interesse für Naturwissenschaften gehört", sagt Herrmann. Ernst Busch stimmte zu, und so trafen sich die Männer 1964 in Buschs Zuhause in Pankow. Lebhaft erinnert sich Herrmann: "Busch hatte sich so intensiv mit Astronomie auseinandergesetzt und ärgerte sich, dass die jungen Leute so vieles darüber nicht wussten. Er sagte, sie seien kaum aus der Schule raus, und schon ,können sie sich nicht der simpelsten Dinge erinnern'."
Dieter B. Herrmann hingegen erinnert sich an so vieles. Auch jetzt, während er noch immer durch die Ausstellung geht, die sich über zwei Stockwerke des Palais verteilt. Bei Lise Meitner bleibt er stehen und spinnt seinen roten Faden weiter: "Mein Professor an der Humboldt-Uni schenkte mir 1958 eine Karte für einen Kongress in der ,Schwangeren Auster' anlässlich des 100. Geburtstags von Max Planck. Lise Meitner, Werner Heisenberg oder Otto Hahn, sie waren alle in der Stadt – für mich als Physikstudent waren sie natürlich Götter!" Seit 2004 ist Herrmann im Ruhestand. Seiner Sternwarte in Alt-Treptow ist er treu geblieben – er lebt dort noch immer mit seiner Frau. Für ihn gibt es nur Berlin, gab es immer nur Berlin. Herrmann: "Ich habe Berlin in Trümmern gesehen, mit Mauer, dann wieder ohne Mauer. Irgendwie herrschte in Berlin immer Aufbruch, wer hier lebte und lebt, lebt immer mitten in der Geschichte. Und Geschichte wird immer von Menschen gemacht." 775 von ihnen reichen sich im Stadtmuseum den roten Faden weiter – wer mag, kann ihn aufnehmen.















