Bühne
Rütli-Schüler spielen jetzt am Gorki-Theater
Am Maxim Gorki Theater gibt es jetzt Shakespeare mit HipHop-Battles. Regisseur Nuran David Calis hat "Romeo und Julia" unter aktuellen Dampf gesetzt - mit Berliner Kultrappern in "Special acts" und Schülern der berüchtigten Rütli-Schule als Mitglieder aufeinander prallender Gangs.
Von Peter Hans Göpfert
Wie kommt der Berliner Fernsehturm nach Verona? Kein Problem! Jedenfalls nicht für Nuran David Calis. Der Autor-Regisseur ist nicht der erste, der "Romeo und Julia" unter aktuellen Dampf setzt, auch musikalisch. Am Maxim Gorki Theater klingt Shakespeares Liebesdrama jetzt allerdings ganz und gar nicht nach Leonard Bernstein. Ein cooler Filmvorspann erklärt, dass sich zwei AGGRO-Gangs, die Capulets und die Montagues, spinnefeind sind. Julias Leute sind reich und tragen schicke Klamotten, Romeos Freunde dagegen sind pover und abgerissen. Die Welt der Montagues ist der "Asphalt", die Straße, die Capulets kontrollieren die "Nite-Clubs". Beide aber verbindet die Liebe zum HipHop. Rap – das ist der Sound der Stunde.
Die Senioren-Etage der Capulets und Montagues fällt gleich unter den Tisch. Calis braucht weder Amme noch Eltern. Die Rolle des Lorenzo gibt es aber noch: darin sind gleich der brave Franziskaner dieses Namens und der schließlich versöhnende Prinz Escalus verschmolzen. Der Mann (lässig-witzig: Gunnar Teuber) ist jetzt "der heimliche Besitzer der Stadt" und vor allem der heißesten Discos. Sein angesagtester Laden heißt natürlich "V.E.R.O.N.A.". Und damit ist nicht Frau Pooth gemeint. Franjo gilt in diesem Milieu als Schimpfwort. Mercutio (Mike Adler) ist der lustige Hecht bei den Montagues, Paris (Johann Jürgens) der eitle Pascha bei den Capulet-Schönlingen.
Wo die beiden Gangs aufeinander prallen, speziell im alles entscheidenden HipHop-Battle, hat der Abend enorme Power. Solo und im Chor hauen sich die Kerle ihr schweinisches Stakkato um die Ohren. Sie schütteln die frechen Reime aus Shirt und Nobelsakko. Die Bühne wackelt, das Zwerchfell des Zuschauers auch. Kein ästhetischer Stillstand: über die Wände wirbeln rasend die projizierten HipHop-Tänzer. Mit träumerischen Unterwassersequenzen wird es leider arg geschmäcklerisch.
Die Balkonszene fehlt nicht. Wobei Julia, als ihr Lover gar zu halsbrecherisch am Geländer herumturnt, erstaunlich kühlen Kopf bewahrt: "Wir können uns auch unten treffen!" Romeo, ein hochgewachsener Soft-Rapper, reimt "Liebeslast" auf "Hansaplast". Ohnehin wirkt das mit Sekt plempernde Pärchen (Anika Baumann/Max Simonischek)mit seinen Rückfällen in poesielastigen Turtelsound eher als notgedrungenes Zubehör in diesem aufgedrehten, von Mackern bestimmten Verona. Der Lerche sei Dank!
Shakespeares viel belächeltes originales Finale mit Schlafmittel, Gift, Todesstoß und doppeltem Selbstmord ist doch eine Portion effektvoller als das Update, das Calis der Szene jetzt mit größeren Mengen tödlichen Kokainstaubs verpasst hat.
Neben professionellen Schauspielern hat der Regisseur nicht nur Studierende des 1. Studienjahres Schauspiel der Universität der Künste in die Gangs integriert. Auch Schülerinnen und Schüler der durch den Brandbrief ihrer Lehrer zu Weltruhm gelangten Rütli-Schule wirken mit. Tatsächlich wirken die textstrotzenden und machohaften Fights der verfeindeten Banden wie erstklassiges Jugendtheater, das freilich auch beim reiferen Publikum zündet. Nur verbal empfindliche Zuschauer werden hier mit der Wimper zucken. Die eigentlichen Gewaltszenen, die Tode Mercutios und Tybalts, erschrecken niemand auf dem Pausenhof.
Gesellschafts-, Umwelt- und Kapitalismuskritik bleibt reine Absichtserklärung. Allenfalls blitzt sie in kurzen "Special acts" Berliner Kult-Rapper auf. Der bullige Joe Rilla und Prinz Pi ("Gib dem Affen Zucker") spendierten der Premiere stark umkreischte Auftritte. Die Inszenierung hat das Zeug zum Dauerrenner. Großer Jubel in Verona.
Maxim Gorki Theater., Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel:20221115. Termine: 7., 19. Mai, 19.30 Uhr
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